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Lokales Leipziger Kulturmacher planen Dokumentarfilm über Karl Heine
Leipzig Lokales Leipziger Kulturmacher planen Dokumentarfilm über Karl Heine
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08:12 19.10.2018
Tilo Esche (r.) und Roger Liesaus arbeiten an einem Dokumentarfilm über Karl Heine, dessen Denkmal an der Käthe-Kollwitz-Straße steht. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Der 200. Geburtstag von Clara Schumann wird 2019 in Leipzig mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Im Schatten der Komponistin steht ein im selben Jahr geborener Mann, der für Leipzigs industrielle Entwicklung ungemein bedeutend war: Carl Erdmann Heine, inzwischen eher als Karl Heine geschrieben. Die Leipziger Theater- und Filmemacher Tilo Esche und Roger Liesaus arbeiten an einer Dokumentation über den wegweisenden Unternehmer. Über Gründe und Hintergründe sprechen sie im Interview.

Wie kommen Kulturmacher dazu, sich um den Industrie-Pionier Karl Heine zu kümmern?

Tilo Esche: Vor einer Weile ist der Industriekultur e.V. an Enno Seifried herangetreten – mit dessen Overlight-Unternehmen wir mehrere Dokus über „Vergessene Orte“ gemacht haben –, um einen Film über Heine zu machen. Ich habe dann eine Biografie über ihn gelesen und war fasziniert von seinen Aktivitäten, Visionen und seinem politischen Engagement. Enno hat aus Zeitgründen abgesagt, wir dagegen konnten uns das vorstellen. Nun wird es keine Auftragsarbeit, aber der Industriekultur-Verein unterstützt uns bei der Umsetzung.

Was ist so faszinierend an Heine?

Roger Liesaus: Ohne ihn wäre Leipzig nicht annähernd das, was die Stadt jetzt ist. Vom Ring bis nach Plagwitz hat er das Gebiet erschlossen, elf Brücken und über 50 Straßen bauen lassen – und Gleise, die dann an die Fernverbindung angeschlossen werden konnten. Aus einer Ansammlung kleiner Dörfer und einem Wäldchen hat er ein wichtiges Industriegebiet gemacht, das die Bedeutung Leipzigs als Standort enorm vergrößert hat. Um das halbwegs zu finanzieren, hat er andere Besitztümer – beispielsweise den von seiner Großmutter geerbten Ländereien „Apels Garten“ oder das Gut Neuscherbitz seines Vaters – wieder veräußert. Für seine Zeit hat er wichtige Impulse gesetzt, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts reichen. In schwierigen Zeiten hat er seine Familie mit einer Wäscherei finanziell über Wasser gehalten.

Esche: Spannend ist auch der Mensch Heine. Was hat ihn angetrieben? Wie hat er es geschafft einen kompletten Stadtteil zu entwickeln, obwohl sich die Unterstützung der Stadt in Grenzen hielt? Und dann seine Kanal-Vision: Er muss gewusst haben, dass er diesen Kanal finanziell und technisch nicht komplett zu seinen Lebzeiten realisieren wird. Trotzdem hat er daran festgehalten. Das war kein Unternehmer, dem es nur um Profit ging. Heine hat sich im Landtag für die Vermögenssteuer eingesetzt.

Liesaus: Heine wusste auch, was er seinen Arbeitern zu verdanken hatte. Als einmal ein Teilabschnitt des Kanals fertiggestellt war, hat er rund 600 Leute zu sich eingeladen. Zwei Drittel davon waren Arbeiter mit ihren Familien, und er hat ihnen als Dank Münzen prägen lassen. Seine zweite Frau war die Tochter eines Fuhrunternehmers, und er hatte zuvor drei uneheliche Kinder mit ihr; das war für seine Position nicht standesgemäß, aber es war ihm egal.

Wie war Heines Stand im Rathaus?

Liesaus: Im Neuen Rathaus habe ich einmal eine Ausstellung mit Tafeln von Leipziger Ehrenbürgern angeschaut. Mich hat verwundert, dass Karl Heine nicht dabei ist. Das dürfte auch daran liegen, dass er nie den Kontakt zur gehobenen Gesellschaft gepflegt hat – in einer Zeit immerhin, in der hier Mendelssohn oder Clara Schumann sehr präsent waren. Für ihn zählten Arbeit und Familie. Es gibt auch keine Hinweise für kulturelle Aktivitäten Heines. Er ging nie ins Gewandhaus oder Schauspiel. Allerdings hat uns eine Verwandte von ihm bei einem Besuch erzählt, dass es einen schönen Brauch in seiner Familie gab: Einmal im Monat gehörte es dazu, dass die Kinder sonntags mit der zweiten Frau Stücke erarbeitet und aufgeführt haben.

Wie sind an die Verwandten gekommen – und was sind überhaupt Ihre Quellen?

Esche: Der erste Kontakt zu seinen Verwandten hat sich über Frau Töpel vom Wirtschaftsarchiv ergeben. Über die Ahnentafel haben wir dann weitere Nachfahren recherchiert – da gibt es noch über die Schomburgk-Linie aus der ersten Heine-Ehe in Leipzig einen Ururenkel, der bald 90 Jahre alt wird. Die Familie hat ab 1888 Heines Unternehmen durch die Inflation gebracht, bis nach dem Ersten Weltkrieg. Die Urenkelin der Linie aus der zweiten Ehe Heines, die 95-jährige Christa Hänsel, hat noch in seinem Haus gewohnt und konnte uns unter anderem die Einrichtung beschreiben, die Atmosphäre. Die wichtigste Quelle ist das Buch „Carl Heine – Der Mann, der Leipzig zur Industriestadt machte“. Und in einem Antiquariat habe ich ein Büchlein von Ferdinand Götz über seinen Freund Heine aus dem Jahr 1897 gefunden. Es gibt noch einige Seiten im Netz, die sich aber meist auf diese Bücher beziehen.

Der Film wird also eine Mischung aus Interviews und Dokumentation der damaligen Zeit?

Esche: Ergänzt durch Bilder und Spuren aus dem Hier und Jetzt, wovon es noch genügend zu entdecken gibt. Manche Lebenssituationen sollen zusätzlich als atmosphärische Bilder von professionellen Schauspielern nachgestellt werden. Der Film wird aber auch in die Gegenwart führen. Welche Firmen haben auf den früheren Heine-Arealen ihren Sitz, haben sie einen Bezug zu Heine? Und wie ist die Verbindung der Stadt zu ihrem berühmten Sohn?

Die Stadt macht 2019 zum Clara-Schumann-Jahr. Wird Heine stiefväterlich behandelt?

Liesaus: Auch das beleuchten wir. Der Karl-Heine-Kanal ist öffentlich im Bewusstsein, Heine selbst nicht. Er hat sich aus ökologischer Sicht einige Male über Vorschriften hinweggesetzt, das hat auch für Unmut gesorgt. Davon abgesehen ist eine weltberühmte Komponistin halt populärer. Im Verhältnis ist er relativ wenig beachtet. Zumindest im Industriekultur-Verein ist er sehr präsent – jedes Jahr zum Heine-Geburtstag ist dessen Neujahrsempfang.

Immerhin hat die Stadt vor 17 Jahren das Bronze-Denkmal, das für Waffen im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen worden war, neu gießen lassen und aufgestellt.

Esche: Interessanterweise war das laut Frau Hänsel gar nicht so. Sie hat erzählt, dass das Denkmal nach dem Krieg in Dresden aufgetaucht ist, aber so beschädigt war, dass es nicht mehr hergerichtet werden konnte. Deshalb hat man sich entschlossen, es neu herzustellen.

Wie wird der Film finanziert?

Esche: Öffentliche Förderung bekommen wir leider nicht – eine Drehbuchförderung habe ich beantragt, sie wurde aber in der Mittelverteilung nicht berücksichtigt. Es wird eine Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsarchiv geben. Außerdem werden wir Kontakt zu Unternehmen aufbauen, die einen Bezug zum Thema Industrie, Plagwitz und Karl Heine haben und das eine oder andere hat vielleicht auch Interesse sich finanziell an unserem Vorhaben zu beteiligen. Wir sind wild entschlossen, diesen Film zu machen. Wenn alles funktioniert, können wir ihn 2019 im letzten Quartal präsentieren.

Interview: Mark Daniel

Kontakt zum Filmteam kann man aufnehmen über esche@unternehmen-buehne.de.

Von Mark Daniel

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