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Leipziger Länderkunde-Institut bekommt Dokumente einstiger Kriegswetterstation

„Haudegen“-Basis arbeitete bis zum Herbst 1945 auf Spitzbergen Leipziger Länderkunde-Institut bekommt Dokumente einstiger Kriegswetterstation

Von einem „spektakulären Neuzugang“ spricht Heinz Peter Brogiato, der Leiter des Archivs für Geografie am Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde, als er den übernommenen Nachlass zur Wetterstation „Haudegen“ sichtet. Im Herbst 1944 war auf Spitzbergen diese deutsche Messbasis eingerichtet und erst im September 1945 aufgegeben worden.

Quartier des deutschen Armee-Wettertrupps 1944/45 – die Station „Haudegen“ auf Spitzbergen.

Quelle: IfL

LEIPZIG. Von einem „spektakulären Neuzugang“ spricht Heinz Peter Brogiato, der Leiter des Archivs für Geografie am Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), als er die Unterlagen zur Wetterstation „Haudegen“ sichtet. „Sie erzählen die Geschichte einer der wohl merkwürdigsten Kapitulationen.“ Im Herbst 1944 war auf Betreiben der Wehrmacht in Nordostland auf dem Spitzbergen-Archipel eine meteorologische Messbasis mit einer elfköpfigen Besatzung eingerichtet worden. Der aus Bochum stammende Geograf und Geologe Wilhelm Dege (1910-1979) führte das Kommando bei der verwegenen Unternehmung in der Eiswüste. Während die Temperaturen bis auf minus 48 Grad Celsius sanken, sammelten die Polarfüchse im militärischen Auftrag kontinuierlich Daten und sendeten sie nach Tromsø in dem von den Deutschen besetzten Norwegen.

Als am 7. Mai aus der Heimat der Funkspruch „Kapitulation unterschrieben“ eintraf, blieb das für den Vorposten fernab der Zivilisation zunächst ohne Konsequenzen. Weiter wurden – jetzt allerdings unverschlüsselt – Wettermeldungen abgesetzt, Jagd- und Erkundungstouren unternommen. Doch allmählich sank die Stimmung und alles kreiste um die Frage, wann endlich ein Schiff kommt, das den Trupp abholt. Erst am 3. September legte der norwegische Robbenfänger „Blaasel“ an, nahm die Haudegen-Mannschaft auf. In der Kapitänskajüte von Ludwig Albertsen legte Leutnant Dege seine Dienstpistole auf den Tisch und signierte eine Kapitulationserklärung. Nach kurzer Internierung kamen die Männer frei, als letzter von ihnen traf Dege am 1. Dezember 1945 in Deutschland ein. 1952 bekam der spätere Professor für Heimat- und Volkskunde sowie Erdkunde-Didaktik in Dortmund seine einst beschlagnahmten Haudegen-Aufzeichnungen zurück. Sein Sohn Eckart Dege, der bis zu seiner Emeritierung 2007 an der Uni in Kiel als Geografieprofessor wirkte, hat sie nun in die IfL-Obhut gegeben.

Der Fundus umfasst nicht nur persönliche Notizen, sondern auch Wetterdaten, mehrere Hundert Fotos und originales Filmmaterial von dem rund einjährigen Aufenthalt in den arktischen Gefilden. „Das ergänzt trefflich unseren umfangreichen Bestand zu früheren Expeditionen in die Polarregionen, wie die dramatisch gescheiterte von Herbert Schröder-Stranz“, erklärt Brogiato. Hintergrund: 1912/13 wollte Schröder-Stranz mit Gefolgsleuten eben jenes Nordostland erkunden, wo später Deges Team operierte. Schröder-Stranz und sechs seiner Mitstreiter kamen um. Ins Unheil befördert hatte sie das Expeditionsschiff „Herzog Ernst“. Für die Haudegen-Mannschaft begann gut drei Jahrzehnte später die Odyssee an Bord eines umgerüsteten Fischdampfers. Am 4. August 1944 stach er von Sassnitz aus in See, bekam später ein U-Boot als Geleitschutz und bugsierte Deges Trupp bis zu einer Bucht in Nordostland. Inklusive 80 Tonnen Ausrüstung, zu der Ballons, Radiosonden und Waffen, aber auch eine umfängliche Bibliothek, ein Radio, ein Grammophon und ein Akkordeon gehörten. Am 27. September 1944 war die Station betriebsbereit, am 19. Oktober setzte die Polarnacht ein. In ihrer nur rund 60 Quadratmeter kleinen Hütte überstanden die elf Männer den Winter unbeschadet, stärkten die Abwehrkräfte in einer selbstgebauten Sauna.

Im Zuge der Übernahme der Text- und Bilddokumente hat sich Brogiato intensiv mit der Materie befasst und kennt so viele Details. Obwohl die Niederlage Nazi-Deutschlands absehbar war, bekam Dege am 3. März 1945 die Order, sich auf eine weitere Überwinterung vorzubereiten. Brogiato: „Angeblich sollten sie dafür Nachschub per Flugzeug erhalten, am 24. April gab es sogar noch eine Anfrage zu möglichen Landeplätzen.“ Von ihren Schusswaffen machte die Besatzung nur Gebrauch, um den Speiseplan mit Fleisch von Vögeln, Robben, Eisbären und Rentieren aufzubessern. Feindberührung gab es in der frostigen Ödnis nie. Bevor der Außenposten aufgelöst wurde, vergrub Wilhelm Dege noch sein Tagebuch, Sohn Eckart barg es 1985 bei einem Besuch des einstigen Haudegen-Standortes. Mitnehmen durfte er es nicht, denn alle Unterlagen, die auf norwegischen Terrain gefunden werden, gehen in Staatsbesitz über.

Von Mario Beck

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