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Lokales Leipziger Laubenpieper feiern ihre „Apfelblüte“
Leipzig Lokales Leipziger Laubenpieper feiern ihre „Apfelblüte“
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00:21 29.07.2018
Die Gartensparte „Apfelblüte“ in Beucha: Seit 40 Jahren ist sie die Lieblingsoase vieler Leipziger. Quelle: André Kempner
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Leipzig/Beucha

Mit den Siedlern, die im 19. Jahrhundert in Nordamerika mit Planwagen auf dem Oregon-Trail gen Westen zogen, um unberührtes Land zu erschließen, ist die folgende Geschichte gewiß nicht zu vergleichen. Aber immerhin machten sich fast auf den Tag genau vor 40 Jahren vorwiegend Leipziger auf, um zwischen Beuchaer Bahnhof und Tollertbruch eine 25 000 Quadratmeter große, brachliegende Apfelplantage urbar zu machen. Die Gemeinde hatte den Großstädtern die Fläche zur Verfügung gestellt.

Bürgermeister genehmigt 30-Quadratmeter-Häuschen

Die jungen Pächter kamen überwiegend aus dem damaligen Graphischen Großbetrieb Interdruck und von der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK). Exakt 44 rund 500 Quadratmeter große Areale waren zu vergeben. Da war guter Rat teuer. Es gab weder Wasser – vom 39 Meter tiefen Tollertbruch mal abgesehen – noch Strom. Bei nicht wenigen machte sich daher Skepsis breit. Immerhin genehmigte der Bürgermeister für jeden Garten eine Bungalowgröße von 30 Quadratmetern. Auch eine kleine Unterkellerung wurde gestattet. Doch wie an das Baumaterial gelangen? Für Fertigteilbungalows lag die Wartezeit – wie beim Trabant – bei zwölf Jahren. Gasbeton, Holz, Zement, Türen und Fenster waren folglich nur mit Beziehung zu beschaffen. Eine scheinbar aussichtslose Situation. Und dennoch hatten am Ende alle alles, standen 1979 schmucke Lauben in ebensolchen Gärten.

Aller Anfang ist schwer

Die Chronik der „Apfelblüte“ – diesen Namen bestimmte der Wochenendsiedler- und Kleingartenverein in seiner Gründungsversammlung – gibt Auskunft über die Schwere des Anfangs. So ist von Hans-Joachim Schaaf, den in der Anlage alle liebevoll Hajo nennen, zu erfahren, dass er bei der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft Kleinzschocher Gasbeton bestellte. Wartezeit: mindestens zwei Jahre. Baumärkte gab es damals bekanntlich noch nicht. „Hobeldiele habe ich in Leutzsch, beim Holzhandel in der Rückmarsdorfer Straße, bestellt. Elf Jahre später, also 1989, flatterte mir eine Karte dieses Unternehmens ins Haus. Darauf stand, dass die gewünschten 20 Quadratmeter Dielenbretter jetzt zum Abholen bereitliegen würden. Die Karte hab’ ich heute noch“, erzählt der Grünauer Schaaf. Zu diesem Zeitpunkt stand sein Bungalow natürlich längst – dank der Unterstützung durch Gartenfreund Peter Selle, wie er betont.

Wer tauschen kann, kommt an Baumaterialien heran

Auch Dieter Glatte aus Stötteritz schildert in der Chronik seine Baustoffe-Odyssee: „Ein Eisenbahner besorgte uns Fenster aus seinem sogenannten Kontingent. Alles andere wurde im Ringtausch ergattert. Ich besaß Parkett, das ein Dachdecker dringend benötigte, während ein anderer an Gasbeton herankam, der wiederum Dachziegel brauchte. So erhielt jeder, was er wollte, und alle waren glücklich.“

Jeden Freitag geht’s zur Verkaufsstelle für Fertigteilbungalows

Weitaus zeitaufwendiger fielen die Bauvorbereitungen von Maritta Heiduck aus Sellerhausen-Stünz aus. „Für mich brach eine Welt zusammen, als mir in der Berliner Straße, der einzigen Verkaufsstelle in Leipzig, in der man Fertigteilbungalows erwerben konnte, die dortige Angestellte offenbarte, dass frühestens in zwölf Jahren eine Lieferung möglich sei.“ Die Dame vom Bungalow-Vertrieb tröstete Kundin Heiduck mit den Worten, dass sie ja freitags immer mal nachfragen könne, ob ein bestellter Bungalow eventuell nicht abgeholt worden sei. „So bin ich tatsächlich Freitag für Freitag nach der Arbeit an der Sporthochschule mit der Straßenbahn zur Berliner Straße gefahren. Und das ein halbes Jahr lang Woche für Woche. Kurz vor Weihnachten schließlich klappte es. Der Bungalow kostete 5600 Mark. Wenige Tage später hätte ich für das Häuschen 11 200 Mark hinlegen müssen, da die Industriepreisreform die Kaufsumme für den Bungalow verdoppelt hatte.“

Gerhard Ritter zeigt großen persönlichen Einsatz

Sorgen ganz anderer Art kamen auf Gerhard Ritter aus Sellerhausen-Stünz zu. Dieser war Ende der Siebzigerjahre Hauptmechaniker bei Interdruck. Er erklärte sich 1978 bereit, den Vorsitz des Vereins zu übernehmen, und übte dieses Ehrenamt – von einer kurzen Unterbrechung mal abgesehen – bis Juni dieses Jahres aus. Der mittlerweile 89-Jährige (!) tat dies mit „bemerkenswerter Bravour und großem persönlichen Einsatz“, wie ihm seine Siedler-Freunde bescheinigen. Er habe sich wie kein Zweiter um die Entwicklung der „Apfelblüte“ verdient gemacht.

Interdruck streicht Auszeichnungsreise nach Rumänien

Vor 40 Jahren zahlte Gartenchef Ritter einen ziemlich hohen Preis. Weil für die Umzäunung der Anlage am Tollertbruch beim besten Willen keine Säulen aufzutreiben waren, demontierte er bei Interdruck die Kesselrohre eines stillgelegten Schnellzugs vom Typ 03, die einst fürs Heizen des graphischen Betriebes gebraucht wurden. Die Rohre ersetzten die Säulen für den Drahtzaun auf ideale Weise. Doch dann musste der Interdruck-Hauptmechaniker seinen Kopf für die Demontage der Dampflok hinhalten, da der Betrieb sie selbst als Schrott veräußern wollte. Interdruck strich Ritter daraufhin eine 22-tägige Auszeichnungsreise ins rumänische Schwarzmeerbad Neptun.

Der Generationswechsel ist angelaufen

Inzwischen ist in der „Apfelblüte“ ein Generationswechsel unübersehbar. Lediglich die Hälfte der Familien, die vor 40 Jahren das Gelände erschlossen und in eine blühende Oase verwandelten, erholt sich dort noch bei gesunderhaltender Gartenarbeit. Die meisten haben die 80 erreicht oder befinden kurz davor. Mit dem 35-jährigen Baudienstleister Jan Borneleit aus Naunhof steht jetzt ein junger Mann an der Spitze des Vorstandes. Aufgaben hat er genug. So müssen mehr Parkplätze her. Vor 40 Jahren hatte jede Familie im Garten bestenfalls ein Auto. Bei den jungen Leuten verfügen oft beide Partner über ein Fahrzeug. Das schafft Probleme. Die aber sollen bei der Jubiläumsfeier am Sonnabend keine Rolle spielen.

Von Günther Gießler

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