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Leipziger Luxus-Betrüger schlägt erneut zu - Torsten S. kritisiert seine Freilassung

Leipziger Luxus-Betrüger schlägt erneut zu - Torsten S. kritisiert seine Freilassung

Keine Wohnung, kein Arzt, keine Perspektive: Mit dem Schritt in die Freiheit stand Torsten S. im Februar vor dem Nichts. Weil der psychisch kranke Serienbetrüger nach der Entlassung aus der Sicherungsverwahrung angeblich seine dringend benötigten Medikamente nicht mehr bekam, wurde er nur wenige Wochen später rückfällig.

Leipzig. Jetzt schlug der 45-Jährige erneut zu: In Sachsen-Anhalt versuchte er, sich einen Mercedes zu erschleichen und versprach dem 1. FC Magdeurg einen Millionen-Deal. Seine skurrile Geschichte zeigt, welche Risiken die nun vom Bundesverfassungsgericht aufgehobene Sicherungsverwahrung birgt – und was passieren kann, wenn Kriminelle von einem Tag auf den anderen auf freien Fuß gesetzt werden.

Es war am vergangenen Wochenende, als S. mit einer dreisten Hochstapelei die halbe Leipziger Stadtspitze reinlegte. Der Sachsen-Anhalter, der fast zehn Jahre lang wegen schweren Betrugs im Gefängnis saß und unter manischen Depressionen leidet, gab sich als Schweizer Geschäftsmann „Dr. Urs Hürliman“ aus und wollte sich mithilfe einer Empfehlung von Oberbürgermeister Burkhard Jung ein luxuriöses Wochenende in der Messestadt erschleichen. Inklusive Limousine samt Chauffeur sowie Übernachtung im Vier-Sterne-Hotel. Doch statt in der Luxus-Unterkunft landete S. einmal mehr auf dem Polizeirevier.

„Die Aktion vom Wochenende war ein Anflug von Größenwahn“, erklärt S. reumütig gegenüber LVZ-Online. Er behauptet, er habe wenige Tage zuvor einen manischen Anfall bekommen, der sich bei ihm bereits seit Längerem angekündigt hatte. „Ich konnte nicht mehr klar denken, nur noch ein bis zwei Stunden pro Tag schlafen. Aber keiner hat mir geholfen. Ich hatte keine Medikamente“, so der 45-Jährige.

Nach zehn Jahren Haft in Freiheit – aber ohne medizinische Hilfe

Vor rund drei Monaten war der verurteilte Betrüger als erster Sicherungsverwahrter aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wegen einer Gesetzesänderung überraschend aus dem Gefängnis entlassen worden. Damit endete auch abrupt die Therapie mit Lithium-Medikamenten, die S. während seiner Haft erhalten hatte. Die dauerhafte Behandlung mit den verschreibungspflichtigen Psychopharmaka muss laut Psychiatern streng ärztlich überwacht werden. Bei falscher Einnahme droht Lebensgefahr. „Aber nach meiner Freilassung wollte mich kein Arzt behandeln, weil alle wussten, wer ich bin“, behauptet der deutschlandweit bekannte Betrüger. „Und ohne Überweisung kam ich in keine Klinik.“

In der JVA Burg hatte S. ein Buch über seine krankhaften Taten geschrieben, wurde sogar in einem Dokumentarfilm über die berüchtigtesten Hochstapler der Republik porträtiert. Doch seine Berühmtheit brachte ihn nun in die Bredouille. „Ein während meiner Haft zugesagter Psychiatrieplatz auf Schloss Zahren in Mecklenburg-Vorpommern wurde mir wieder entzogen. Das Heim rief an und sagte, dass wegen mir bereits Fernsehteams vor der Tür stehe. Deshalb haben sie mir dann abgesagt“, erzählt S..

Der in Bitterfeld aufgewachsene Ex-Häftling kritisiert jedoch auch, im Gefängnis nicht darauf vorbereitet worden zu sein, in Freiheit zu leben. „Die Leute, die in Sicherheitsverwahrung sitzen, werden nur weggesperrt. Sie bekommen keine Perspektive aufgezeigt.“ Er selbst habe nach seiner Entlassung weder eine Wohnung noch einen Job vermittelt bekommen. „Als ich rauskam, wurde ich an einer Pension vor der Stadt ausgesetzt“, so S..

Das Justizministerium Sachsen-Anhalt bestreitet diese Aussagen nicht. Es habe während der Haft von Torsten S. zwei Ausgänge in Begleitung eines Beamten gegeben, erklärt Ministerbüroleiter Thomas Wünsch. Diese seien unter anderem zur Beschaffung von Kleidung und einem Besuch des Sozial- und Einwohnermeldeamtes in Halle genutzt worden. Zudem seien Justizmitarbeiter mit S. zur Pension „Auszeit“ gefahren, „da er angab, dort Unterkunft finden zu wollen“, so Wünsch. Weitere Ausgänge habe S. nicht beantragt, heißt es.

S. legte nach Entlassung auch den 1. FC Magdeburg rein

„Wieso wird man überhaupt in die Gesellschaft zurückentlassen, wenn keine Grundlagen dafür geschaffen werden, dass man dort existieren kann?“, fragt sich dagegen Hartz-IV-Empfänger S., der derzeit unter Führungsaufsicht steht und sich einmal pro Monat bei der Justiz melden muss. „Das was jetzt passiert ist, war zwangsläufig Folge dessen, dass nichts passiert ist“, meint er. „Was soll denn noch alles kommen, wenn meine Medikamente aufhören zu wirken? Sitze ich dann im vielleicht Büro von Frau Merkel?“

Zumindest saß er vor seiner Leipziger Stippvisite bereits in betrügerischer Mission in der Magdeburger FCM-Arena, wie erst jetzt bekannt wurde. Der 45-Jährige stellte sich Mitte April laut Polizei als angeblicher Abteilungsleiter eines großen Privatsenders beim 1. FC Magdeburg vor, um dem Fußball-Regionalligisten ein millionenschweres TV-Paket zu vermitteln. Die Hochstaplerei flog ebenso auf wie der Kauf eines 30.000 Euro teuren Mercedes mit einem gefälschten Scheck bei einem Autohändler aus Sachsen-Anhalt wenige Tage später.

Wegen dieser Betrügereien muss S. nun sehr wahrscheinlich mit einem neuen Gerichtsverfahren rechnen. Die Leipziger Polizei ermittelt gegen ihn wegen Betrugs und des Missbrauchs von Titeln, im Mercedes-Fall muss er sich wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung verantworten. Doch dem Ex-Häftling scheint ein Leben im Gefängnis ohnehin lieber zu seien, als ein „Dahinvegetieren“ in Freiheit ohne medizinische Hilfe, wie er sagt. „So wie man hier behandelt wird, ist es schlimmer als im Knast“, findet S.. Sollte er dort wieder landen, bleibt ihm zumindest genug Zeit an seinem neuen Buch zu arbeiten. Ein Thema hat er bereits: „Es geht um die Sicherungsverwahrung in Sachsen-Anhalt.“

Robert Nößler

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