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Lokales Leipziger Messeflüge im Rückspiegel
Leipzig Lokales Leipziger Messeflüge im Rückspiegel
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00:18 10.03.2016
Der sogenannte Glaspalast – das Fughafenrestaurant – stand ab 1931 in Schkeuditz den dort ankommenden und abfliegenden Gästen der Leipziger Messe zur Verfügung. Quelle: web
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LEIPZIG

Auf himmlischen Wegen zur Leipziger Messe – anfangs verlangte das den Passagieren viel ab. Anno 1919 reisten Geschäftsleute erstmals per Flugzeug an – in wahrlich tollkühnen Kisten. Für zivile Zwecke umgebaute Militärmaschinen der Marke Rumpler beförderten zahlungskräftige und wagemutige Kaufleute zum Flughafen Mockau, dessen riesige Zeppelinhalle 1917 explodiert und in Trümmern gefallen war. „Nur das Fundament blieb erhalten und darauf stand damals Leipzig in großen Lettern“. Luftfahrthistoriker Hans-Dieter Tack hat sich eingehend mit dem hiesigen Messe-Flugwesen befasst, das nach dem Ersten Weltkrieg begann und 1990 mit dem Abgesang der Interflug flügellahm wurde. Bei seinem Vortrag vor viel Publikum im Hörsaal der hiesigen Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) legte Tack jetzt ein beachtliches Reisetempo hin, durcheilte in 90 Minuten das gut 70 Jahre währende Kapitel.

„Ich habe da tief gebohrt und auch bisher Unbekanntes zu Tage gefördert“, meinte Tack, um sogleich auf einen Pendelverkehr zu sprechen zu kommen. „Heute würde das wohl als Shuttlebetrieb bezeichnet, als 1922 zwischen Mockau und der Technischen Messe nahe des Völkerschlachtdenkmals Flugzeuge verkehrten.“ Nur 400 Meter standen auf dem Messegelände für Starts und Landungen zur Verfügung. Lukrativ waren aber vor allem die Fernverbindungen zu den Leistungsschauen in Leipzig. Und bei diesem Geschäftsfeld gab es einen harten Wettbewerb, den das Leipziger Messamt mit Ausschreibungen geschickt ausnutzte, um die Subventionen für die Flugtickets so gering wie möglich zu halten.

Mockau wurde 1923 beim Besuch des Reichspräsidenten Friedrich Ebert als Weltflughafen deklariert, ab 1926 konnte zu Messezeiten auch in der Nacht Leipzig angesteuert werden. Zum Beispiel von Berlin aus. Tak nennt das „Flüge unterm Sternenhimmel“, wobei am Boden installierte Scheinwerfer entlang der Route den Kurs für die Piloten wiesen. Auch Zeppeline schwebten mit Messe-Reisenden in Mockau ein. Der 1927 in Betrieb genommene Flughafen in Schkeuditz lief dem Mockauer aber nach und nach den Rang ab. Schkeuditz – das hieß für die Messebesucher ab 1931 auch, dass sie es sich im „Glaspalast“ – dem Flughafenrestaurant – gut gehen lassen konnten. „Da ging es exklusiv zu“, so Tack. Neue Linien, viele Passagiere: Der Luftverkehr zu den Frühjahrs- und Herbstmessen zog an, erreichte von 1936 bis 1938 Spitzenwerte. Am 1. September 1939 war Schluss, der Schkeuditzer Flughafen stand fortan in militärischen Diensten, bekam im Krieg schwere Bombentreffer und später zunächst nur eine Rolle als Werksflugplatz.

„Mockau kam erneut ins Spiel, als die Messetätigkeit wieder Fahrt aufnahm“, rekapitulierte Tack. Auf Befehl der Sowjets gab es im Herbst 1949 dort einen Messesonderdienst, ein- und ausgecheckt wurde im ehemaligen Flughafenhotel. In den Folgejahren etablierte sich Mockau wieder als feste Größe beim Transfer von Messegästen. 1962 kam das Aus, Schkeuditz punktete mit seiner 2,5 Kilometer langen Landepiste und startete so erneut als Messeflughafen durch. Allerdings musste gehörig improvisiert werden, die Betriebskantine der Firma MAB wurde zweimal im Jahr zum Messerestaurant umfunktioniert. 1968 verbesserte sich die Lage mit der Einweihung eines Gebäudes mit doppelter Nutzung: Zu Messezeiten fungierte es als Terminal, ansonsten als Autobahnraststätte.

Tack, nunmehr auf der Ziegeraden bei seinem vom Verein Industriekultur Leipzig organisierten Auftritt an der HTWK, listet Höhepunkte und eine mit der Messefliegerei verbundene Katastrophe auf. Am 1. September 1975 stürzte eine Tu-134 der Interflug beim Anflug auf Schkeuditz gab, 27 Insassen kamen um, darunter drei Stewardessen. Mit rund 40 000 Zuschauern sei die Landung der Air-France-Concorde am 18. März 1986 zur Frühjahrsmesse ein „riesen Ereignis“ gewesen. Und im Jahr zuvor habe der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß höchstselbst eine Maschine nach Schkeuditz gesteuert, um dann die Messe zu besuchen. Auf den 10. August 1989 datiert Tack ein letztes Highlight, den ersten regulären Linienflug der bundesdeutschen Lufthansa in die DDR, der von Frankfurt/Main nach Leipzig führte. „Pilot Jürgen Raps flog zur Messe gewissermaßen ein Loch in die Mauer.“

Von Mario Beck

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