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Leipziger Pleißemühlgraben schlägt Wellen

Leipzig plant Workshop Leipziger Pleißemühlgraben schlägt Wellen

Seit beinahe 100 Jahren ist am Goerdelerring ein 100 Meter hohes Hochhaus vorgesehen. Jetzt wird die Idee aktuell - weil die Stadt den Pleißemühlgraben verlegen will, der das Areal durchschneidet. Das Wasser werte das Hochhaus auf, heißt es.

Mit dieser Ideenskizze verdeutlicht Bernd Sikora seine Vorstellung von einem Doppelhochhaus mit dem Pleißemühlgraben in der Mitte. Der Hochhausstandort am Goerdelerring wurde schon um 1930 vom damaligen Stadtbaurat Hugo Ritter für ein 100 Meter hohes Hochhaus vorgesehen. Rückt jetzt die Verwirklichung des Plans näher?
 

Quelle: Verein Neue Ufer

Leipzig.  Bernd Sikora wird wütend, wenn er an das neue Bett des Elstermühlgrabens am Ranstädter Steinweg denkt. „Dort ist ein Abwasserkanal mit Betonwänden entstanden“, ärgert sich der Architekt und Künstler aus dem Waldstraßenviertel. Dieser Flussabschnitt erinnere „in keiner Weise“ an das einstige Gewässer und sei „für jedes sehende Auge eine Beleidigung“. Der zeitweilige Bundesvorsitzende des Deutschen Werkbundes redet sich in Rage, weil er eine Wiederholung der Bausünde befürchtet. Denn unweit des „Abwasserkanals“ will die Stadt jetzt am Goerdelerring vor der Hauptfeuerwache auch den Pleißemühlgraben neu verlegen (die LVZ berichtete). Dort wäre ähnlich wenig Platz für den Fluss vorhanden.

Der Verein Neue Ufer – dessen Protagonisten schon 1991 einen Workshop zur Freilegung des damals verrohrten Pleißemühlgrabens veranstalteten – hat alle Stadträte und Bürgermeister angeschrieben und um Unterstützung gegen den Plan der Stadtverwaltung gebeten. „Wir haben darauf gesetzt, dass unsere Argumente und Entwürfe für den Stadtteil insgesamt überzeugen“, sagt Vereinschef Heinz-Jürgen Böhme. „Aber das ist nicht geschehen.“

Inzwischen scheint eine Erklärung dafür gefunden zu sein: Der historische Verlauf des Pleißemühlgrabens würde das unbebaute Areal an der Spitze von Goerdelerring/Ranstädter Steinweg zerschneiden – der von der Stadt präferierte Verlauf hingegen am Straßenrand entlangführen. Kein nebensächlicher Fakt, denn auf dieser Dreiecksfläche ist der Bau eines 100 Meter hohen Hochhauses vorgesehen – eine Top-Immobilie in Top-Lage also, für die in absehbarer Zeit extreme Preise aufgerufen werden dürften. Wenn sie nicht vom Pleißemühlgraben zerschnitten wird, wäre sie wesentlich günstiger zu vermarkten und zu bebauen – argwöhnen Vereinsmitglieder.

Auch Sikora kennt diesen Zusammenhang – und fordert trotzdem, dass die Kommune ihre Flusslauf-Variante verwirft. Seine Botschaft: Mit dem historischen Verlauf des Grabens würde dort kein 0815-Hochhaus entstehen, sondern ein spektakulärer Bau, der deutschlandweit Aufsehen erregen würde. „So ein Hochhaus wäre eine erstklassige Adresse für jeden potenten und engagierten Bauherren“, sagt der Leipziger. „Internationale Unternehmen würden sich um so einen Sitz reißen, denn er wäre unverwechselbar.“ Vielleicht ließen sich auch noch Hunderte hochwertiger Arbeitsplätze und lukrative Steuereinnahmen generieren. „Paris hat mit dem torförmigen Büro-Komplex La Grande Arche auch ein 100 Meter hohes Gebäude mit Durchblick zu bieten, das japanische Osaka ebenfalls“, sagt er.

Im Rathaus sind diese Überlegungen nicht unbekannt. Im Baudezernat von Bürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos) bemüht man sich um einen Großkonzern als Bauherrn, bislang aber ohne Erfolg. Stattdessen wird dort jetzt betont, dass der Pleißemühlgraben am Goerderlering besser sichtbar und kostengünstiger zu erstellen wäre. Auch der Nachbar IHK bevorzuge diese Variante, heißt es.

„Nichts wäre tragischer als aufzustecken, nach billigen Lösungen zu suchen und das hochwertige Grundstück mit einem Wohnhochhaus zu bestücken“,warnt Architekt Sikora. Eine neue Führung des Grabens würde zudem die Chancen zunichte machen, das Areal vor dem heutigen Naturkundemuseum optimal mit der gegenüberliegenden Seite des Ranstädter Steinwegs zu verknüpfen. „Dank dieser großen Fläche könnte wieder ein grünes Eingangstor zur City mit hoher Aufenthaltsqualität entstehen und im Untergrund wäre Platz für Tiefgaragen“, so Sikora. „Zusätzlich zur Spannung, die sich durch das Hochhaus mit dem fließenden Fluss in der Mitte erzeugen lässt. Eine Kombination aus aufstrebendem Hochhaus und Wasser als Symbol des Lebens wäre faszinierend. Das neue Gebäude würde mit dem Pleißemühlgraben leben.“ Wenn sich aktuell kein potenter Bauherr findet, müsse die Stadt notfalls warten.

Der Verein Neue Ufer betont, dass die Revitalisierung der Leipziger Flüsse eine zentrale Forderung von 1989 war und jetzt nicht die Meinung der Bürgerschaft außer Acht gelassen werden dürfe. So hätten Bürger 1990 mit der von Sikora initiierten Aktion „Pleiße ans Licht“ für einen stadtverträglichen Umgang mit den Innenstadtgewässern geworben. „Die Stadtverwaltung steht in der Pflicht, sich als verantwortungsvolle Hüterin und kluge Entwicklerin lokaler Eigenart zu erweisen“, sagt Vorsitzender Böhme. Auch die Vereine Stadtforum Leipzig, Pro Leipzig und Waldstraßenviertel hätten sich in den vergangenen Wochen ausdrücklich für die Beibehaltung des historischen Flussverlaufs ausgesprochen.

Dieser Druck aus der Bürgerschaft hat im Rathaus Nachdenken ausgelöst: Für Oktober ist ein großes Werkstattgespräch geplant, zu dem auch der Verein Neue Ufer eingeladen werden soll. Der erhält unterdessen Unterstützung aus Dresden. Auf eine kleine Anfrage des Leipziger Landtagsabgeordneten Wolfram Günther (Grüne) stellte Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) klar, dass es weder „planungsrechtliche noch förderrechtliche Gründe gibt, den historischen Pleißemühlgraben umzuverlegen“. Dies zeige, dass die Diskussion über die zukünftige Führung des Grabens „frei geführt werden kann und allein städtebauliche Argumente ausschlaggebend sind“, so Günther.

Von Andreas Tappert

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