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Leipziger Sammelstelle für Klamotten und Geschichten

Sachspendenzentrale in Leutzsch Leipziger Sammelstelle für Klamotten und Geschichten

Seit Mitte September nimmt die Sachspendenzentrale in Leipzig-Leutzsch Spenden aus der Bevölkerung für Flüchtlinge und Obdachlose entgegen. Zahlreiche Bürger helfen beim Sortieren der Kleidung – und entdecken eine Atmosphäre, in der nicht nur Kartons, sondern auch eine Menge Biografien und Geschichten warten.

Bestens sortiert: Die vielen Kartons voller gespendeter Kleidung.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. „Wo find’ ich denn die Peggy?“ Gäbe es ein Ranking der häufigsten Fragen, die in der Sachspendenzentrale Leipzig fallen – hinter „Wo kommt das hin?“ stünde diese ganz weit oben. Zu finden ist Koordinatorin Peggy Scholz nicht selten zwischen unzähligen Kartons, die aus den rund 1000 Quadratmetern eine Landschaft aus kantigen Hügeln formen. Entweder packt die 41-Jährige Klamotten zusammen, oder sie erklärt Helfern, wo sie am besten Hand anlegen können. Seit Mitte September fungiert die hinterste Halle am Straßenbahnhof Leutzsch als große Sammelstelle. Naturgemäß vor allem für Spenden an Flüchtlinge – ganz nebenbei aber auch für spannenden Biografien, für Geschichten.

Taucht man das erste Mal in der Rathenaustraße 23a auf, fühlt man sich kurz erschlagen von dieser riesigen Installation aus Pappe, Tischen und Kisten. Der zweite Blick offenbart das System dahinter: Schilder über den Türmen weisen darauf hin, ob man vor langen Hosen für Jungs bis zur Größe 140 steht, vor Jacken für Mädchen bis 140 oder vor Männerschuhen mit Übergröße. An der langen Tischreihe rechts vom Eingang sortieren Freiwillige die Textilien, schieben gespendete Fahrräder oder Kinderwagen in die jeweiligen Ecken. Andere stellen Paletten mit Sachen zusammen, die auf den Bedarfslisten der einzelnen Flüchtlings-Unterbringungen und Obdachlosen-Einrichtungen stehen. Zu denen, die zum ersten Mal für Überschaubarkeit sorgen, gehört Liese. „Ich habe selber mal Spenden vorbeigebracht und gesehen, was hier los ist“, berichtet die 30-jährige Selbstständige. „Ich bekam Lust, mitzumachen.“ Ähnlich ging es Carina. „Ich habe im Internet von der Sammelstelle gelesen und wollte helfen. Auf der Website der Zentrale kann man sich auf einem Onlinekalender für eine Schicht eintragen, in der noch Platz ist“, erklärt die 23-jährige Studentin.

Wie Sie helfen können

Was für die Bedürftigen noch dringend benötigt wird – zum Beispiel Herrenwinterschuhe –, wann man Sachspenden abgeben und wie man bei deren Sortierung helfen kann, steht auf  www.sachspendenzentrale.de. Zudem kann die Spendenstelle immer heile Umzugskartons sowie einen Baumarkt-Plattformwagen gebrauchen. Potenzielle Spender finden die Kontaktdaten auf der genannten Internetseite. Um gezielt Lücken bei bestimmten dringend benötigten Produkten zu schließen, hat die Spendenzentrale eine Crowdfunding-Aktion gestartet, abrufbar auf der Seite www.visionbakery.com/sachspendenzentrale.

Schon seit rund drei Monaten dabei ist Frank Dieterich. Der 68-jährige Fahrlehrer hat schon in der Vorläufer-Annahmestelle an der Berliner Straße mit angepackt und einige Aktionen koordiniert. kommt mehrmals in der Woche nach Leutzsch - „immer, wenn ich Zeit habe. Mir gefällt diese entspannte Atmosphäre hier“. Die Halle am Straßenbahnhof ist von 10 bis 19 Uhr zum Schmelztiegel der Unterschiede geworden. Hier steht der Punk neben der Konservativen, die Studentin neben dem Pensionär, Unternehmer neben Arbeitslosem.

Mittendrin Peggy Scholz, die den Laden in einer unnachahmlichen Mischung aus Resolutheit, Warmherzigkeit, Charme und trockenem Witz zusammenhält und für gute Stimmung sorgt. Die Diplom-Ingenieurin wechselt sich in der Koordination der Sachspendenzentrale mit Anne Schildt ab. Angestellt hat sie dafür auf 450-Euro-Basis der Flüchtlingsrat Leipzig e.V.. „Mir macht das Spaß, auch wenn manchmal unglaublich viel auf einmal zu tun ist“, sagt Scholz. Sie beeindruckt, „sehr viele Menschen regelmäßig neben ihrem Beruf die Arbeit bei uns einplanen.

Gute Stimmung beim Packen: Peggy Scholz und Christoph Graebel.

Gute Stimmung beim Packen: Peggy Scholz und Christoph Graebel.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Lars Menzel, Leiter des Bildungsinstituts Mitteldeutschland der Johanniter-Akademie, der mit Flüchtlingsrat-Mitarbeiter Christoph Graebel und SPD-Stadtrat Christopher Zenker das Projekt ersonnen und realisiert hat, ist immer wieder begeistert, wenn er vorbeischaut: „Während Bundespolitik und -verwaltung versagen, zeigt die Stadtgesellschaft, wie es geht. Was wir hier erleben, ist das Leipziger Verständnis von Machen. Und man erlebt wunderbare Geschichten.“

Zu den berührendsten gehört der Besuch einer betagten Dame an der Annahmestelle des Straßenbahnhofs Leutzsch. In der Hand trägt sie einen Geigenkoffer und einen alten großen Teddy. „Diese beiden Dinge habe ich bei meiner Flucht aus dem Sudetenland bei mir gehabt und mein Leben lang gehütet“, berichtet sie. „Jetzt wird es Zeit, sie an andere Flüchtlinge abzugeben.“ Wenn Christoph Graebel davon erzählt, ist er noch immer ergriffen. Scholz schwärmt von dem kanadischen Paar, das während seines einmonatigen Leipzig-Aufenthaltes zum Sortieren kam, und von den drei alten Damen, die regelmäßig auftauchen: „Alle sind über 70 und sehr agil. Einmal in der Woche kommen sie vorbei, um mitzumachen.“

Der von Unkenrufern gern bemühte Vorwurf, viele würden bloß helfen, um sich an der eigenen Hilfsbereitschaft zu berauschen, zieht nicht. Wer sich in der Sachspendenzentrale engagiert, hat Spaß daran, in fast familiärer Atmosphäre einen Teil dazu beitragen, um eine Mammutaufgabe zu schultern. Ein kleiner Ort als Symbol für einen gesellschaftlichen Vorgang in ganz Deutschland. Es geht um Signale, um Handeln, während die Politik vor allem debattiert.

Am frühen Abend macht sich Graebel auf den Weg nach Reudnitz-Thomberg. Dort hat eine schon seit Jahren in Leipzig lebende syrische Familie am Vortag drei Verwandte aufgenommen: Der 13-Jährige und seine drei Schwestern (zwischen 7 und 10) haben sich ohne ihre verschollenen Eltern von der Türkei bis nach Leipzig durchgeschlagen und brauchen dringend Kleidung. Für den Jungen hat Graebel zudem ein gespendetes Fahrrad vom Hänger gehoben. Der Beschenkte strahlt aus dunklen Augen, sein Onkel schüttelt Graebel dankbar die Hand. „Wir haben gerade gekocht, essen Sie doch mit uns“, schlägt er in sehr gutem Deutsch vor. Doch der Mann vom Flüchtlingsrat winkt freundlich ab. „Danke, ich muss leider weiter.“ Eine Ladung Paletten soll noch in ein Lager gebracht werden.

Übrigens: Die Geige und der Teddy der alten Dame, die einst selbst flüchtete, lagern an einem sicheren Ort. „Wir warten noch auf jemanden, zu dessen Geschichte dieses besondere Geschenk passt“, sagt Graebel. Und irgendwann, da ist er überzeugt, wird dieser Jemand in der Tür stehen.

Von Mark Daniel

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