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Lokales Leipziger Studie: Rehspeichel aus der Pipette sorgt für baumstarke Abwehr
Leipzig Lokales Leipziger Studie: Rehspeichel aus der Pipette sorgt für baumstarke Abwehr
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00:19 18.09.2016
Präzisionsarbeit im Auwald: Carolin Seele und Stefan Meldau, die Ko-Autoren der von Bettina Ohse geleiteten Studie, sammeln Knospen zur Hormonanalyse. Quelle: Foto: Bettina Ohse
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LEIPZIG

Das Team um Biologin Bettina Ohse ging bei dem Forschungsprojekt trickreich zu Werke: Im Leipziger Auwald wurde Buchen- und Bergahorn-Schösslingen vorgegaukelt, dass Rehe an ihren Trieben und Knospen nagen. Verbiss wird das in der Fachsprache genannt. Doktorandin Ohse und ihre Kollegen träufelten mit einer Pipette etwas Speichel der Tiere auf Schnittstellen an den Pflanzen und wollten so die Reaktion der Bäumchen herausfordern und analysieren.

Die Experimente zeigten überraschende Ergebnisse und mündeten nicht nur in einer Publikation im renommierten Journal Functional Ecology. Auch im Wissenschaftsteil der Washington Post wurde das Thema in der Rubrik Speaking of Science aufgegriffen. Denn der Baumnachwuchs offenbarte ein erstaunliches Gespür dafür, ob er von Rehen angeknabbert wurde oder aber die Knospen und Ästchen beispielsweise durch Sturm abbrachen.

Bei ihren Untersuchungen konnten die Fachleute von der Leipziger Uni und dem Zentrum integrative Biodiversitätsforschung Leipzig-Halle-Jena interessante biochemische Mechanismen offenbaren, mit denen die Baumzöglinge Wundheilung betreiben und sich zur Wehr setzen. Die kleinen Buchen und Bergahorne reagierten bei den Speicheltests so, als ob Gefahr durch Rehe im Verzug war und fuhren die Produktion von Salicylsäure hoch. Sie fungiert als Signalhormon in der Pflanze und löste im betreffenden Fall einen Gerbstoffschub bei den Bäumchen aus. In der Realität ist das für Rehe dann im wahrsten Sinne des Wortes bitter, denn die sogenannten Tannine verderben ihnen den Appetit an den sonst so schmackhaften Zweiglein, Knospen und Blättchen.

Wurde den in die Studie einbezogenen Baumwinzlingen per Speichelgabe suggeriert, dass Rehe zugebissen haben, schlugen sie nicht nur mit Bitterstoffen zurück. Auch bei Wachstumshormonen schalteten sie den Turbo an, um den Knospenverlust rasch zu kompensieren.

Wenn die Pflanzen aber ohne Verbiss in Mitleidenschaft gezogen wurden, bildeten sie vor allem Wundhormone zur Schadensbegrenzung. Die Versuchsresultate verdeutlichen aus Sicht der Wissenschaftler, wie variabel der Buchen- und Ahorn-Nachwuchs im Überlebenskampf ist. Bettina Ohse, die am hiesigen Uni-Institut für Biologie in der Arbeitsgruppe für spezielle Botanik und funktionelle Biodiversität promoviert, sieht in dem Projekt viel Potenzial. „Interessant wäre es, auch andere Baumarten hinsichtlich ihrer Abwehrstrategien gegenüber Rehen eingehend unter die Lupe zu nehmen.“ Vielleicht gebe es ja von Natur aus Unterschiede in deren Wehrhaftigkeit.

Reh gespielt hat Bettina Ohse deshalb vorsorglich schon mal bei Vertretern von 24 Laubbaumarten – und dabei als Stipendiatin der Deutschen Bundesstiftung Umwelt die Speichelpipette tröpfeln lassen.

Von MARIO BECK

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