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Lokales Leipziger Uni-Biologe offenbart Giftmischung von rätselhafter Spezies
Leipzig Lokales Leipziger Uni-Biologe offenbart Giftmischung von rätselhafter Spezies
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00:21 06.08.2017
Björn Marcus von Reumont beim Tauchgang im Dienst der Forschung.  Quelle: Foto: privat
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Leipzig

Mit einem Giftcocktail der besonderen Art bringen die in der Karibik, auf den Kanaren und in Australien lebenden Ruderfußkrebse ihre Beute zur Strecke. Evolutionsbiologe Björn Marcus von Reumont von der Leipziger Uni gelang es jetzt mit Kollegen aus Brisbane und London dieses Geheimnis der nur vier Zentimeter großen und blinden Bewohner von Höhlen zu lüften, die unterirdisch mit dem Meer verbunden sind. Im Fachjournal „Toxin“ berichten Reumont und die anderem an der Studie beteiligten Experten über die entlarvte Angriffswaffe jener Tiere, die in der Fachsprache als Remipedien daherkommen und erst in den 1980er-Jahren entdeckt und wissenschaftlich beschrieben wurden.

 Wie bei früheren Projekten nutzte der seit zwei Jahren an der hiesigen Alma mater wirkende Gelehrte auch diesmal nicht nur sein Fachwissen, sondern ebenso seine Erfahrungen als passionierter Höhlentaucher. In bis zu 25 Metern Tiefe spürte er den Tieren in ihrem finsteren Lebensraum nach, wo es ein Gemisch aus Salz- und Süßwasserschichten gibt. Bevor sich Reumont mit den rätselhaften Zwitterwesen intensiv befasste, war aufgrund ihrer Gestalt noch vermutet worden, sie würden zu den Hundertfüßern gehören. Doch das widerlegte er durch molekulare Analysen und wies eine enge Verwandtschaft mit den Insekten nach. Nunmehr gelang es ihm und seinen Projektpartnern aufzuklären, wie sich die farb- und augenlosen Remipedien in ihrer nahrungsarmen Umgebung mit Futter versorgen. Auf der Speisekarte stehen vor allem Mini-Krebse.

„Sie setzten ein bisher von keiner anderen Spezies bekanntes Multikomponenten-Gift mit 32 verschiedenen toxischen Proteinen ein“, sagte Reumont. Mit der Mixtur können die räuberischen Ruderfußkrebse ihre Opfer zunächst durch Neurotoxine lähmen, wobei eines dieser Nervengifte dem von Trichternetzspinnen sehr ähnelt. Ist der Fang gefügig gemacht worden, gibt es kein Entrinnen mehr. Die Remipedien injizieren der Beute dann Toxine, die den Körper verflüssigen. Derart zum Verzehr aufbereitet, wird der Brei eingesaugt. Ihrerseits sind die aus einem Kopfteil mit Antennen und einem langgestreckten Rumpf bestehenden Ruderfußkrebse dank einer Vielzahl von Schwimmbeinen hochbeweglich – bei Gefahr erhöhen sie ihr Fluchttempo durch Synchronschlag der Gliedmaßen.

Mit der Offenbarung der Remipedien-Giftkomponenten verbindet Reumont auch die Chance, dass diese Erkenntnisse perspektivisch vielleicht bei der Entwicklung von pharmazeutischen Wirkstoffen genutzt werden könnten. Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, befasst sich der Biologe jetzt mit anderen Tieren, zu deren Erkundung er nicht in die Tauchermontur schlüpfen muss. Freilich geht es wieder um Toxine – konkret um die Giftevolution bei Raubfliegen.

Von Mario Beck

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