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Lokales Leipziger Uni-Mediziner decken Brutstätte für Killerkeime in Indien auf
Leipzig Lokales Leipziger Uni-Mediziner decken Brutstätte für Killerkeime in Indien auf
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23:00 12.05.2017
 Reporterin Christine Adelhardt vom NDR, der indische Umweltaktivist Anil Dayakar und der Leipziger Uni-Infektiologe Christoph Lübbert nehmen Wasserproben in der Nähe von Pharmafirmen bei Hyderabad.  Quelle: NDR/Christian Baars
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Leipzig

 Brutstätte für sogenannte Killerkeime unter freiem Himmel: In einer Studie, bei der Privatdozent Christoph Lübbert vom Leipziger Uni-Klinikum (UKL) federführend war, sind in Abwässern von Pharmabetrieben in der indischen Provinzhauptstadt Hyderabad extreme Kontaminationen mit Rückständen aus der Arzneimittelproduktion und massive Belastungen mit multiresistenten Erregern nachgewiesen worden. Auch in einem naheliegenden Fluss und einem Teich sowie anderen Messpunkten offenbarten die genommenen Proben hoch gefährliche Mischungen aus Bakterien mit ausgeprägter Widerstandskraft gegen Wirkstoffe und Rückstände aus der Antibiotika-Herstellung.

Vor allem Abwasser-Kanäle und -Sammelbecken im Umfeld der Pharmafirmen hätten sich zu stinkenden Freiluft-Bioreaktoren entwickelt, in denen Mikroorganismen beim Kontakt mit Antibiotika so selektiert werden, dass sie gegen Medikamente weitgehend gefeit sind, sagte Lübbert am Donnerstagabend bei einer Vortrags- und Diskussionsrunde im Leipziger Missionswerk. Inzwischen schlagen die Untersuchungsresultate Wellen. Nachdem sie jüngst im Fachjournal „Infection“ veröffentlich wurden, sind sie seit einigen Tagen online frei verfügbar. „Der Zugriff ist enorm, auch die zuständige indische Umweltbehörde hat die Daten schon heruntergeladen. Das lässt hoffen, dass sie in dem Fall aktiv wird“, erklärte Lübbert, der am UKL die Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin leitet. Der nun identifizierte Hotspot für multiresistente Erreger, die beim Eindringen in die Blutbahn insbesondere für kranke und immungeschwächte Menschen gefährlich sind, sei nicht nur regional ein gewaltiges Problem, sondern er strahle global aus. Lübbert: „Es gibt viele Wege, auf denen sich diese Bakterien verbreiten und zuschlagen können. Wenn solche importierten Keime dann in den Intensivstationen auftauchen, ist das ein Albtraum.“

 Rückblickend berichtete der er, wie es zur Aufdeckung der als Pharma-Skandal eingestuften Zustände in Hyderabad kam. Schon 2015 war unter Lübberts Ägide bei zahlreichen Indien-Reisenden getestet worden, inwiefern sie aus dem Land potenziell gefährliche Darmbakterien mitbringen. Bei 70 Prozent der Probanden gab es einen solchen Befund. Nach diesem alarmierenden Ergebnis ging vom NDR-Journalisten Christian Baars die Initiative aus, die Spur weiterzuverfolgen, um die Quellen aufzudecken. Im November 2016 machte sich ein NDR-Filmteam mit Baars und Christine Adelhardt auf den Weg, Lübbert reiste mit, vor Ort stand ihnen der Umweltaktivist Anil Dayakar zur Seite.

Genehmigungen für Aufnahmen in der Pharma-Industrie von Hyderabad, die den Weltmarkt versorgt, bekam die Recherche-Gruppe nicht, aber im Dunstkreis der Firmen konnte gedreht werden. „Bei den Beprobungen jenseits der Unternehmen gab es keine Behinderungen“, so Lübbert. „Mal abgesehen davon, dass die Kloake die Schleimhäute reizte.“ In Deutschland wurde das an 28 Stellen entnommene Wasser unter die Lupe genommen. Professor Arne Rodloff, der am UKL das Institut für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie leitet, war für die bakteriellen Analysen zuständig. Den pharmakologischen Part übernahm der Direktor des Institutes für biomedizinische und pharmazeutische Forschung in Nürnberg, Professor Fritz Sörgel. Abgründe taten sich auf: Rodloff fand in fast allen Proben Erreger mit wichtigen Resistenzmechanismen. Auch Sörgel war von den Ergebnissen schockiert, warnte vor einer Zeitbombe. Teils exorbitante Konzentrationen von Antibiotika und Antimykotika (Mittel gegen Pilzbefall) zeigten seine Messgeräte an. Eine Probe hatte – hochgerechnet pro Liter – 237 Milligramm des Antipilzmedikamentes Fluconazol intus. Das ist der höchste bisher gemessene Wert für ein Medikament in der Umwelt. „Zynisch könnte man sagen, aus dem Extrakt der Probe lässt sich ein Tablette pressen“, meinte Lübbert, der auch die Europäer in der Pflicht sieht, die Situation bei der Medikamentenherstellung in Schwellenländern zu verbessern.

Nach der Veröffentlichung der Studie sendete die ARD die Reportage „Der unsichtbare Feind – Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken“. Lübbert selbst kam dank ausgiebiger Hygienemaßnahmen ohne Keimbelastung aus Indien zurück. „Ich habe aber 62 Stiche von Bettwanzen mitgebracht.“

Von mario beck

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