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Leipziger Uni gibt kostbare Kreidezeit-Muscheln zurück

Fossilienfund nach über 70 Jahren Leipziger Uni gibt kostbare Kreidezeit-Muscheln zurück

In einem Raum des Leipziger Uni-Institutes für Geophysik und Geologie liegen sie in Reih und Glied. Fast 300 Fossilien von Muscheln aus der Kreidezeit hat Frank Bach, der Kustos der geologisch-paläontologischen Sammlung aus dem Institutskeller ans Licht geholt. Nun gehen sie an die rechtmäßigen Eigentümer in Stockholm, Prag und Grenoble zurück.

Frank Bach, der Kustos der geologisch-paläontologischen Uni-Sammlung mit einem Teil der Muschel-Fossilen. 1943 waren sie in Munitionskisten deponiert worden, die nun wieder auftauchten. Die Muscheln gehen zurück an ihre Besitzer in Stockholm, Prag und Grenoble
 

Quelle: Christian Modla

LEIPZIG.  In einem Raum des Leipziger Uni-Institutes für Geophysik und Geologie liegen sie in Reih und Glied. Fast 300 Fossilien von bestimmten Muscheln aus der Kreidezeit hat Frank Bach, der Kustos der geologisch-paläontologischen Sammlung aus dem Institutskeller ans Licht geholt. Unter einem Stapel anderer Behältnisse stöberte er dort, verstaut in Kisten für Flakmunition, die rund 80 Millionen alten versteinerten Inoceramen auf. Ein Fund mit Folgen. Von den Aufschriften an den Holzkisten war der Experte elektrisiert. Mit Kreide stand darauf Stockholm und Grenoble, die Fossilien selbst waren teils noch mit vergilbten Kärtchen versehen, die auch ihre einstigen Lagerorte preisgaben – das Reichsmuseum in der schwedischen Hauptstadt, die Karls-Universität in Prag und die Alpen-Universität im französischen Grenoble. Im letzten Monat war Bach bei Umzugsvorbereitungen für die Sammlung innerhalb des Institutsgebäudes auf den Fundus an Muscheln gestoßen, die als Leitfossilien für jene Epoche gelten, als sich die Kreidezeit verabschiedete und das Tertiär heraufdämmerte.

Viele Jahrzehnte galten sie als verschollen, nun, da sie wieder auftauchten, sind ihre Tage am Institut gezählt. „Sie gehen dorthin zurück, von wo aus sie während des Zweiten Weltkrieges hierher gebracht wurden“, erklärt Bach. „Wir haben eine Bringschuld.“ Was gemeinhin als Restitution bezeichnet wird, ist für den Sammlungssachwalter eine Selbstverständlichkeit. Als er die Objekte fand, unterrichtete er sofort die Kollegen im Ausland und kündigte zu deren großer Freude die Rückgabe an. Sorgsam verpackt und als Kulturgut deklariert gehen sie alsbald per Post auf die Reise – 160 Inoceramen ans naturhistorische Museum in Stockholm, 70 an die Université Grenoble Alpes. „Die 60, die der Karls-Universität gehören, transportiere ich mit dem Auto wahrscheinlich selbst hin“, meint Bach.

Zu Ende geht dann eine Geschichte, die im Dritten Reich begann und sich nicht bis ins letzte Detail rekonstruieren lässt. Bach: „Einiges wird wohl immer im Dunkeln bleiben.“ 1936 kam Rudolf Heinz (1900–1960) ans geologisch-paläontologische Institut der Uni und übernahm ein Jahr später als Professor seine Leitung. Das NSDAP-Mitglied stieg 1943 zum sogenannten Gaudozentenbundführer von Sachsen auf. Seine wissenschaftliche Leidenschaft galt besonders den Inoceramen, von denen auf sein Betreiben hin Tausende aus besetzten Ländern und eben auch dem neutralen Schweden nach Leipzig verfrachtet wurden. Etikettiert waren sie als Leihgaben, doch dahinter stand offenbar politischer Druck. Nach dem Krieg musste Heinz seinen Uni-Dienst quittieren und verdingte sich als Privatgelehrter. Der Muschelschatz ging in den 1950er Jahren fast vollständig retour an die rechtmäßigen Eigentümer. Mahnschreiben trafen trotzdem am Institut ein, weil ja ein kleiner Teil noch an der Einrichtung in der Talstraße vermutet wurde.

„Als ich 1987 hier anfing, war mein erster Auftrag, sie ausfindig zu machen“, erinnert sich Bach. Das schlug fehl, im Durcheinander der auf dem Dachboden und im Keller deponierten rund 300 000 Sammlungsstücke ließen sie sich nicht dingfest machen. Jetzt, 30 Jahre später und bei einer inzwischen über weite Strecken gut sortierten Sammlung, machte es sofort klick beim Kustos, als er die Kisten mit den Kennungen Stockholm und Grenoble ausgrub. „Ich wusste gleich, das ist das lange vermisste Material.“ 1943 muss es in der Versenkung verschwunden sein, denn eingewickelt war es in Zeitungsseiten des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ von eben jenem Jahr.

Von Mario Beck

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