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Leipzig Lokales Leipziger Vielfalt als Stärke
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00:50 30.04.2018
Eine Dame und vier Herrn: Die Kulturbürgermeisterin und die Museumsdirektoren wollen mehr Publikum für die Sammlungen begeistern. Quelle: Patrick Moye, André Kempner, Christian Modla
Leipzig

Albertina und Belvedere in Wien sind Touristen-Attraktionen mit gut 1,5 Millionen Besuchern im Jahr. Leipziger Museen können da nicht mithalten. „Dennoch hat Leipzig ein riesiges Potenzial, das wir strategisch einsetzen müssen“, sagt Alfred Weidinger, der Direktor des Bildermuseums, der zehn Jahre das Museum im Wiener Schloss Belvedere als Vizedirektor und Chefkurator leitete.

Die hiesige Museumslandschaft ist dennoch in Bewegung. Der Aufbruch des Naturkundemuseums aufs Spinnereigelände in Lindenau gehört da ebenso dazu wie neue Angebote wie das Kunstkraftwerk oder die G 2 Kunsthalle, die internationale Gäste anziehen. Oder eben neue Direktoren, die veränderte Konzepte umsetzen.

Tourismuschef vermisst großen Wurf

Den großen Wurf vermisst Volker Bremer, der Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, aber noch: „Eine Ausstellung, über die ganz Deutschland spricht, hat es in den letzten Jahren nicht gegeben. Wir brauchen einen Blockbuster.“ Der ließe sich gut vermarkten, würde Besucher weit über die Grenzen Deutschlands anziehen. Die Marke von 100 000 Besuchern in einer Sonderschau habe selbst die Neo-Rauch-Retrospektive 2010 (etwa 98 000 Besucher) im Bildermuseum nicht geknackt. „Wenn wir so eine Ausstellung haben, würden wir auch mal die Vermarktung der Musikstadt hinten anstellen. Und bei Musik ist Leipzig wirklich Weltklasse“, so Bremer.

Yoko-Ono-Schau wird ab Anfang Oktober Gäste locken

Doch kann das der Weg für Leipzig sein, Gäste aus aller Welt ins Museum zu locken? „Machen können wir Blockbuster immer. Doch die kosten viel Geld“, sagt Weidinger. Für eine zugkräftige Blockbuster-Schau müsse man mindestens 800 000 Euro, am besten 1,5 Millionen Euro investieren. „Wir leben in keiner Stadt, die wirklich reich ist. Wir können uns solche Ausstellungen nicht leisten.“ Leipzigs Stärke sei daher die große Vielfalt. Die Yoko-Ono-Ausstellung, die Anfang Oktober 2018 im Bildermuseum beginnt, werde sicherlich viele Gäste bringen. „Wir können sie aber nur zeigen, weil ich Yoko Ono schon lange kenne. Und sie wird auch kommen.“

Museumsnacht ist ein Erfolgsmodell

Um die Ausstrahlung von Museen zu erhöhen, braucht es daher neue Wege. Die Museumsnacht – laut Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) „ein Erfolgsmodell“ – sei einer davon. Neue Wege geht das Kunstkraftwerk in der Saalfelder Straße, das eine vielbeachtete Ausstellungsreihe „Renaissance experience“ gestartet hat. Die bis Ende September laufende Ausstellung „Florenz und die Uffizien“ gibt einen Vorgeschmack. „Wir setzen stark auf digitale Kunst, die wir interaktiv gestalten und machen Lust auf Florenz“, erläutert Christian Gracza, der künstlerische Leiter. Dies komme bei allen Altersstufen gut an. „Mehr Besucher könnten wir natürlich vertragen“, so Gracza.

Besucher wollen mehr Unterhaltungswert

„Unser Publikum verändert sich, das klassische Kulturbildungsbürgertum wird weniger“, sagt Olaf Thormann, der Direktor des Grassi-Museums für angewandte Kunst. „Die Besucher wollen mehr Unterhaltungswert.“

Jürgen Ernst, der Direktor des Mendelssohnhauses, relativiert dies etwas. „Ich glaube nicht, dass das Publikum fürs Museum ausstirbt. Das hat man der Oper auch oft vorausgesagt.“ Das Rezeptionsverhalten habe sich aber geändert, diesem müsse man Rechnung tragen. „Die Leute fürchten sich vor nichts mehr als einem langweiligen Museum.“ Das hätten auch Reiseunternehmer bestätigt. Das Mendelssohnhaus hat es jedoch geschafft, mit modernen Mitteln den Geist des 19. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Ein Beispiel dafür ist das Effektorium, in dem die Besucher selbst den Taktstock erheben und ein Orchester zum Klingen bringen.

Naturkundemuseum wird spektakulär

Große Pläne gibt es auch fürs Naturkundemuseum, dessen neues Domizil auf dem Spinnereigelände mindestens 140 000 Besucher pro Jahr anziehen soll. Ronny Maik Leder plädiert für eine Mixtur klassischer und moderner Elemente. „Wir wollen kein Disneyland. Wir sind eine Bildungseinrichtung, die einen wissenschaftlichen Anspruch und Auftrag hat.“ Dennoch werde das neue Haus spektakulär. Leuchttürme der Sammlung wie die Exponate der ersten Leipziger Tiefseeexpedition 1898 oder die einmalige Ter-Meer-Sammlung an Tierpräparaten würden anspruchsvoll in Szene gesetzt. „Bislang hat Leipzig es nicht geschafft, die Tiefseeexpedition auf die Bühne zu heben. Das wird sich nun ändern“, so der Direktor.

Grassi-Museum plant Erweiterung auf dem Johannisplatz

Große Pläne hat auch das Grassi-Museum, das beispielsweise seine Kassen-Situation, die Situation bei der Gastronomie verbessern und die Depots erweitern muss. Masterstudenten der TU Dortmund haben sich mit dem Johannisplatz beschäftigt und überlegt, wie die städtebauliche Brache für Stadt und Museum entwickelt werden kann – unter Einbeziehung der Vorschläge zum Johanniskirchturm. „Im November zeigen wir unter dem Titel ’Grassi future’ erste Ideen“, so Thormann. Wann die umgesetzt werden, ist offen. Die Stadt investiert derzeit vor allem in Schulen und Kitas. 2024 wird der Grassi-Bau 100 Jahre alt. Das wäre ein Datum, um mit einer Erweiterung in die Zukunft zu starten.

Dabei wollen die Museen durchaus internationaler werden. Das Bildermuseum ist da auf gutem Wege. „Für Virtual Normality haben wir die zehn wichtigsten Instagram-Stars ins Haus geholt. Ich war selbst überrascht, wie gut die Ausstellung funktioniert“, so Weidinger. Da kämen Leute aus Berlin oder München, selbst aus Amerika und Großbritannien. „Das sind kleine Formate, da müssen wir mehr entwickeln.“ Fürs Grassi-Museum für angewandte Kunst ist es wichtig, seine wertvollen Sammlungen digital verfügbar zu machen. „Für uns ist das eine Riesenherausforderung, aber auch eine Chance.“ Auch um Leute zu interessieren, die dann das Original sehen wollen.

Die besucherstärksten Museen im Jahr 2017

Stadtgeschichtliches Museum497 379 

darunter Völkerschlachtdenkmal269 539 

 Zeitgeschichtliches Forum207 392 

 Museum der bildenden Künste121 177 

 Museum „Runde Ecke“104 655 

 Grassi-Museum für angewandte Kunst79 431 

 Grassi-Museum für Völkerkunde 67 918 

 Galerie für zeitgenössische Kunst 59 137 

 Bach-Museum 50 195 

 Naturkundemuseum 44 979 

 Grassi-Museum für Musikinstrumente 35 514 

Quelle: Amt für Statistik und Wahlen

Von Mathias Orbeck

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