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Lokales Leipziger Wettermann geht nach 43 Jahren in den Ruhestand
Leipzig Lokales Leipziger Wettermann geht nach 43 Jahren in den Ruhestand
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05:38 11.10.2018
1975 war er der jüngste Meteorologe, heute ist er als Niederlassungschef der älteste beim Deutschen Wetterdienst in Leipzig: Gerold Weber, 65. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ein Berliner, der wegen des Wetters nach Leipzig gezogen ist: Gerold Weber sagt seit 43 Jahren vorher, ob es am nächsten Tag regnet oder die Sonne scheint. Zunächst war er in Leipzig beim Meteorogischen Dienst der DDR angestellt, dann beim Deutschen Wetterdienst. Seit 1997 leitet er die hiesige Niederlassung, wo Prognosen sowie Wetter- und Unwetterwarnungen für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erstellt werden. Nun geht der 65-Jährigen in den Ruhestand – und verrät im Interview, aus welchem Grund er weiterhin aufs Wetter schauen wird.

Reden wir zuerst über den Winter. Gab es früher wirklich mehr Schnee, wie es viele Menschen aus ihrer Kindheit zu wissen glauben?

Ob diese Erinnerung stimmt oder nicht, hängt davon ab, in welcher Zeit man geboren wurde. Ich bin Jahrgang 1953, und man kann an den Klimadaten sehen, dass ich in meiner Kindheit tatsächlich das Glück vieler Winter mit Schnee hatte. Doch insbesondere bei den Menschen, die nach 1960 auf die Welt kamen, trügt die Erinnerung. Lediglich 1963 war noch mal ein schneereicher Winter. Mein Sohn, der 1981 geboren ist, kannte sehr lange gar keinen Schnee. Als dann irgendwann zum ersten Mal in seinem Leben morgens draußen alles weiß war, empörte er sich, wer denn hier das ganze Zeug hingeschmissen habe.

Trügt auch der Eindruck, dass die Sommer früher nicht so extrem waren wie in der Hitze von 2003 und 2018?

Mit Superlativen muss man vorsichtig sein. Eine Überschrift wie „Heißester Sommer aller Zeiten“ ist schon aus dem Grund unsinnig, weil wir erst seit 1881 über einigermaßen flächendeckende Messwerte verfügen. Aus dem Stegreif kann ich mich erinnern, dass auch die Sommer von 1976 und 1994 sehr warm waren. Und es gibt Hinweise darauf, dass es schon vor 1000 Jahren hierzulande mal heiß gewesen sein muss. Die natürliche Schwankungsbreite zwischen warmen und kalten Jahren ist groß. Da bedarf es wirklich vieler Daten, um eine Häufung abzuleiten.

Pannen beim Hochwasser von 2002

Doch abgesehen von solchen Perioden extremer Hitze – wird es insgesamt wärmer?

Ich bin ja Meteorologe und kein Klimatologe. Wenn es um den Klimawandel geht, kann ich also eigentlich auch nur wiedergeben, was ich irgendwo lese und höre. Wir merken allerdings auch in der Wettervorhersage schon eine ganze Weile, dass das Klima in Europa anders geworden ist. Zum Beispiel hat sich die Strömungsrichtung im Sommer verändert. Man kann das sogar datieren: Bis 1997 kamen die Luftmassen eher aus dem Westen, vom Atlantik – nicht allzu warm, aber dafür feucht, mit entsprechenden Regenfällen. Folglich war der klassische mitteleuropäische Sommer eher unbeständig und mitunter ziemlich kühl. Mittlerweile dominieren jedoch Strömungen aus südlicher, manchmal südöstlicher Richtung. Sie transportieren zum Teil sehr warme Luft aus Nordafrika, die sich über dem Mittelmeer mit Feuchte anreichert. Warme Luft kann deutlich mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte. Daraus resultieren immer wieder schwere Gewitter. Auch vom Schwarzen Meer weht häufiger feucht-warme Luft zu uns als früher.

Wann lag der Deutsche Wetterdienst mit der Prognose am heftigsten daneben?

Beim Hochwasser von 2002. Das war ein Ereignis, das bis dahin noch nie vorgekommen war – jedenfalls nicht in der Zeitspanne, aus der wir Messwerte haben. Zwar wussten wir, dass Niederschläge in der Intensität, wie sie damals im Erzgebirge auftraten, physikalisch möglich sind. Aber eine Sache vorherzusagen, die es vorher noch nie gab, ist auch mental ein Problem. Es kamen noch weitere Umstände dazu, warum wir mit der damaligen Vorhersage nicht zufrieden sein konnten. Unsere Warnsysteme waren nur auf 12-Stunden-Zeiträume ausgelegt. Das Ereignis dauerte aber 40 Stunden an. Inzwischen haben wir das verändert. Die Warnsysteme umfassen 72 Stunden.

Lief es beim Hochwasser 2013 besser?

Ja, deutlich. Das liegt allerdings auch daran, dass die Wettervorhersage insgesamt große Fortschritte gemacht hat. Heute entspricht die Prognose-Qualität für den vierten Tag derjenigen für den Folgetag zu der Zeit, als ich angefangen habe. Mehr als vier Tage trauten wir uns damals gar nicht zu, inzwischen liegt die Grenze für manche Vorhersage-Elemente bei neun bis zehn Tagen. Vor allem der Zeitraum von 48 bis 96 Stunden hat profitiert. Dagegen hat uns im Mai ein Starkregen im Vogtland in einem Korridor von lediglich fünf Kilometern aufs Neue gezeigt, dass wir kurzfristige und lokal begrenzte Ereignisse nach wie vor nicht immer mit genügend zeitlichem Vorlauf erkennen – trotz aller Bemühungen unserer Modellentwickler.

Wie eine Superzelle 2006 den Hagel nach Leipzig brachte

Wie auch beim Leipzig Hagel 2006?

Ja, das war eine sogenannte Superzelle. Eine Gewitterwolke, die in sich rotiert. Die Zelle kam aus Thüringen und hatte eigentlich einen Nordkurs. Wenn sie diesen Kurs beibehalten hätte, wäre der Niederschlag zwischen Leipzig und Halle gefallen, etwas westlich vom Flughafen, in Gröbers vielleicht. Kurz vor Leipzig ist die Zelle aber um 45 Grad nach rechts abgebogen und schnell auf das Stadtgebiet gezogen. So etwas kann man eigentlich nicht vorhersagen. Wir wissen, dass es diesen Effekt gibt. Dass Superzellen eine Tendenz haben, sich nach rechts zu verlagern. Das berücksichtigen wir bereits in unseren Vorhersage-Verfahren. Aber bei einem plötzlichen Schwenk um 45 Grad kann man nur noch schnell sein Bettzeug aufs Auto legen.

Verbessert der
Satellit Aeolus
, der seit August die Winde der Erde vermisst, die Prognosemodelle entscheidend?

Von Aeolus versprechen wir uns viel, was die weltweite vertikale Sondierung betrifft. Die Windgeschwindigkeiten in allen Höhen bis zum Erdboden hinunter zu kennen, ist ein Riesenvorteil in der Modellierung. Wobei Aeolus aber auch eine Riesenmenge von Daten erzeugt, die verarbeitet werden will. Dafür brauchen wir die nächste Großrechner-Generation. Die Entwicklung in der Rechentechnik ist gigantisch und Voraussetzung für alle Fortschritte in der Wettervorhersage. Im Meteorologischen Dienst der DDR hatten wir einen Großrechner mit einem Hauptspeicher von 16 Megabyte. Heute wäre jeder betrübt, wenn sein Taschenrechner nicht mehr hätte. Aber es gibt leider auch eine entgegengesetzte Tendenz: Die Zahl der Messstationen nimmt weltweit ab. 1976 gab es auf dem Nordatlantik fünf Wetterschiffe auf festen Positionen, heute kein einziges mehr. Und anders als Radiosonden misst Aeolus keine Luftfeuchte. Leider sind die Unterschiede in einer Superzelle, die letztlich dafür sorgen, dass ein Niederschlag nicht in Gröbers, sondern in Leipzig und zwar als dicker Hagel niedergeht, so klein, dass wir sie mit unserem Messnetz nicht erfassen. Wir müssten viel engmaschiger messen, aber so ein Netz könnte niemand bezahlen. Weder die Anschaffung noch den Unterhalt.

Der Meteorologische Dienst der DDR war weiter als die Westkollegen

Wie haben Sie den Wechsel vom Meteorologischen Dienst der DDR zum Deutschen Wetterdienst erlebt?

Ich persönlich positiv. Andere nicht so. Wir hatten das Essener Wetteramt als Paten. Der Amtsleiter von dort war pro forma erstmal der Amtsleiter hier, bis alles neu sortiert war. Er erkannte schnell, dass der Meteorologische Dienst in der Entwicklung auf einigen Gebieten schon etwas weiter als der Deutsche Wetterdienst war. Und er akzeptierte es. Das fiel manchem anderen nicht so leicht.

Wie leicht fällt Ihnen der Abschied vom Wetter?

Ach, nach 43 Jahren ist dann auch mal genug Wetter. Aber in einer Hinsicht schließt sich für mich ein Kreis: Ich bin ursprünglich über mein Hobby der Fliegerei zur Meteorologie gekommen. Mit 14 habe ich das Segelfliegen angefangen. Einer meiner Fluglehrer war Meteorologe und begeisterte mich für die Wetterforschung. Später war ich sechs Jahre in der DDR-Nationalmannschaft der Segelflieger so etwas wie ein Halbprofi: von April bis August für den Sport freigestellt. In unseren Flugzeiten hielten wir mit der Konkurrenz nicht mit. Der Luftraum über der DDR war schließlich voller Militärflugzeuge. Unsere Trainingszeiten beschränkten sich auf Sonnabendnachmittag ab 15 Uhr und Sonntag. Dieses Defizit konnten wir aber unter anderem auch mit unseren meteorologischen Kenntnissen wettmachen. Fürs Fliegen werde ich also auch nach der Pensionierung noch aufs Wetter schauen. Denn Fliegerei hat wirklich viel mit Wetter zu tun. Ich habe alles Mögliche an Wetter in der Luft erlebt.

Von Mathias Wöbking

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