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Lokales Leipziger erinnern sich: "Nachkriegshochzeit - Ich tanzte, bis ich neben dem Klavier einschlief"
Leipzig Lokales Leipziger erinnern sich: "Nachkriegshochzeit - Ich tanzte, bis ich neben dem Klavier einschlief"
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23:59 27.05.2014
Monika Völkner mit der Zuckertüte. ( Quelle: rpivat)
Leipzig

Diesmal berichtet die 70-jährige Monika Völkner über die Trauung ihrer Schwester, den Einsatz als Blumenmädchen, das verschwundene Gebiss ihrer Mutter und ihren Traum, einmal Tigerbändigerin zu werden.

Es war 1949, ich war ein sechsjähriges Flüchtlingskind aus Pommern, das mit seiner Familie im Mecklenburgischen gelandet war, als ich eines Tages hörte, dass meine Schwester Eva ihr Glück gefunden hätte, einen Mann aus Hamburg, und die beiden wollten heiraten. Wie man sein Glück findet, wusste ich noch nicht. Ich fand höchstens eine Murmel oder einen toten Vogel. Aber alle waren froh über das Glück meiner Schwester, sicherlich auch deshalb, weil es dann einen Esser weniger in der Familie gab. Sie wollte nämlich nach Hamburg ziehen.

Als ich meinem Freund Toni davon berichtete, meinte er, Hamburg liege irgendwo in Sibirien, jedenfalls ganz weit weg, das machte mir Sorgen, so weit wollte ich meine Schwester ungern ziehen lassen.

Meine Mutter fand meinen zukünftigen Schwager famos, denn er hatte ihr einen Kamm geschenkt, einen echten Hornkamm. Wir hatten vorher nur einen aus Blech und durch diesen Zuwachs an Wohlstand hatte er ihre volle Sympathie erworben. Ich fand meinen Schwager auch toll, nicht wegen des ollen Kamms, mir war wurscht, was durch meine Haare fuhr. Ich meckerte sowieso immer, weil das Kämmen bei meinen langen Haaren ziepte.

Mir gefiel, dass mein Schwager mit den Ohren wackeln konnte, das konnte sonst niemand. So hegte ich die stille Hoffnung, dass er wegen dieser einmaligen Fähigkeit bei einem Zirkus Anstellung nimmt und mir bei der Verwirklichung meines Lebenstraumes, Tigerbändigerin zu werden, behilflich sein würde. Aber Toni nahm mir den Wind aus den Segeln und meinte, in Sibirien könnten sie alle mit den Ohren wackeln, das müssten sie auch, weil es dort so kalt ist. Wenn die Leute dort nicht ständig die Dinger bewegen macht es knack und die Ohren fallen ab.

Nun ängstigte mich das Fortgehen meiner Schwester noch mehr, denn die konnte nicht mit den Ohren wackeln. Aber sicher wollte sie deshalb mit ihrem Zukünftigen öfter allein sein, sie übten insgeheim Ohrenwackeln. Na ja, ich konnte nur hilflos zusehen und mich sorgen.

Aber ich bekam eine tolle Aufgabe, ich sollte das Blumenmädchen des Brautpaares werden, und dafür bekam ich aus einem alten Unterrock und einer Gardine ein neues Kleid, handgenäht von meiner Mutter.

Der Hochzeitstag kam und meine Schwester erschien in einem langen, weißen Spitzenkleid. Der Stoff war gegen sämtliche Zuckermarken eines Monats eingetauscht worden. Meine Tante arbeitete einen Tag gratis bei einem Bauern und durfte dafür einen Tag deren Nähmaschine einschließlich Garn benutzen und so zauberte sie diesen Traum von Kleid.

Der Schleier war geborgt und in den Haaren befestigt, die wie Würste um den Kopf gelegt waren. Ich himmelte meine Schwester an und versuchte, mich immer in ihrer Nähe aufzuhalten, um von ihrem Glanz etwas abzubekommen. Mein Schwager erschien im schwarzen Anzug mit weißen Handschuhen und Zylinder. Toni grinste und hat mir erklärt, dass es aus dem Hut qualmen würde. Ich habe die ganze Zeit den Hut angestarrt, aber ich habe nicht gesehen, dass es aus dem Hut gequalmt hat. Ich will nicht behaupten, dass Toni gelogen hat, vielleicht qualmen die Hüte ja nur in Sibirien.

Wegen meines Blumenstreuens war ich natürlich sehr aufgeregt. Von meinem Vater kam die Order, alles so zu machen wie meine Schwester, dann könne schon nichts schiefgehen. Also streute ich gehorsam meine Blumen bis zur Kirchentür und ging mit dem Brautpaar zum Altar. Als sie sich auf das Segensbänkchen niederknieten, drängelte ich mich auch drauf. Ich versuchte, meinen Schwager ein bisschen zur Seite zu schubsen, aber es nützte nichts. In großer Gemeinheit zog mich meine Tante zur Familie auf die Kirchenbank. Dabei hätte ich gut beim Brautpaar bleiben können, die hätten nur zu rücken brauchen, Platz genug war.

Ich war sehr traurig, dass meine Wichtigkeit so diskriminiert wurde. Meine Mutter versuchte, mich zu trösten, aber aus ihrem Mund kam nur ein seltsames Gefühl von Lauten. Sie hatte sich aus Anlass dieses Festes extra eine neue Zahnprothese machen lassen, aber damit konnte sie weder richtig reden und schon gar nicht essen, nur lächeln, und auch nur leicht gequält, weil das olle Ding angeblich drückte.

Und um sich von dieser Marter zu befreien, nahm sie kurzerhand während der Trauungszeremonie in der Kirche unter den Augen Gottes ihre neue Prothese aus dem Mund und versteckte sie, von der Pein befreit, in meinem Blumenkörbchen, und ich hatte beim Herausgehen Mühe, beim Blumenstreuen den Brautleuten nicht die Zähne meiner Mutter vor die Füße zu werfen. Aber mit Gottes Segen ging alles gut.

Es wurde eine für mich umwerfende Feier, denn ich tanzte, bis ich vor Erschöpfung neben dem Klavierspieler einschlief.

Am nächsten Tag suchte die ganze Familie die Zähne meiner Mutter, denn irgendwer hatte die restlichen welken Blumen aus dem Streukörbchen entsorgt, und damit auch die neue Zahnprothese. Wir suchten überall, Toni und ich suchten sogar bei Nachbar Friedrich im Schweinestall, da die Blumen dort gelandet sein sollten. Aber ich schwöre auf Spucke, ich habe keine Sau mit den Zähnen meiner Mutter in der Schnauze gesehen.

Aber so schlimm war der Verlust nicht, meine Mutter konnte jetzt wieder richtig sprechen und essen; wir liebten sie auch mit seitlicher Zahnlücke.

Und meine Schwester zog nach Hamburg, und damals ahnte niemand, dass es bis dorthin einmal weiter als bis nach Sibirien sein würde.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.05.2014

Monika Völkner

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