Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Leipziger in Äthiopien

Austausch Leipziger in Äthiopien

Eine Leipziger Delegation reist in die äthiopische Partnerstadt Addis Abeba, um zu erleben, wie Inklusion dort funktioniert.

Arm in Arm von links: Simone Walther, Lehrerin am Leipziger Friedrich-Schiller-Gymnasium, Katja Roloff vom Referat Internationale Zusammenarbeit im Neuen Rathaus, Kassa Woldesenbet, Leiter des Büros für Internationale Beziehungen der Stadt Addis Abeba, Ulrike Bernard, die Geschäftsführerin des Vereins Haus Steinstraße in der Südvorstadt, und eine äthiopische Mitarbeiterin in der Kunstabteilung des Entoto Colleges.

Quelle: Stephanie von Aretin

Leipzig/Addis Abeba.

Das Leben der jungen Frau sah einmal ganz anders aus. Mit neun Jahren erblindete sie schrittweise, nachdem ein Stachel in ihr Auge geraten war. „Für meine Umgebung war ich ein hoffnungsloser Fall. Das war eigentlich das Schlimmste daran“, erzählt Kalkidan. Das Mädchen kam in ein Heim, ging dann in die Hauptstadt Addis Abeba zum Vater und schloss immer als Beste in der Schule ab. „Ich hatte gelernt, mich zu verpflegen, nur in der Kommunikation mit anderen war ich nicht so gut. Ich hatte kaum Freunde“, beschreibt sie diesen Abschnitt ihres Lebens. Als der Vater einige Jahre darauf nach einem Unfall verstarb, nahm eine Nachbarin die ehrgeizige Tochter auf. Kalkidan wurde zur Universität zugelassen und machte ihren Abschluss in Jura. Doch erst nach einem Jahr fand sie einen Job in einem öffentlich geförderten Arbeitsprogramm und stieg schließlich als erste Frau an die Spitze des nationalen Behindertenverbandes auf.

Kalkidans Geschichte, nüchtern vorgetragen im Rathaus von Addis Abeba, erzählt viel über die Situation von Millionen Menschen in dem ostafrikanischen Land. Sie erzählt von der mangelnden medizinischen Versorgung, die zu dramatischen Einschränkungen führt, vom Ausschluss aus der Familie und der Einsamkeit. Sie berichtet aber auch von der Hilfsbereitschaft einer Nachbarin, über ein durchlässiges Schulsystem, in dem alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden, und der zunehmenden politischen Bereitschaft, Behinderte in öffentlichen Programmen zu fördern.

Wohl auch aus diesem Grund wurde eine Leipziger Delegation in der vergangenen Woche in der äthiopischen Hauptstadt mit offenen Armen empfangen. Das Förderprogramm Nakopa (Nachhaltige Kommunalentwicklung durch Partnerschaftsprojekte) setzt auf praktischen Austausch vor Ort. Die verschiedenen Modelle, Menschen mit Behinderung in den Alltag aufzunehmen, sollen nicht nur wissenschaftlich diskutiert, sondern hautnah erlebt werden. Denn sowohl Deutschland als auch Äthiopien tun sich schwer damit, das Menschenrecht auf ein selbstständiges und gleichberechtigtes Leben für Behinderte umzusetzen, das im Jahr 2007 in einer UN-Konvention festgeschrieben wurde.

Nachdem im Oktober bereits äthiopische Experten Leipziger Einrichtungen besichtigt hatten, war jetzt Addis Abeba dran. Unter Leitung von Katja Roloff aus dem Referat Internationale Zusammenarbeit im Neuen Rathaus und Kassa Woldesenbet, Chef des Büros für Internationale Beziehungen in der Stadtverwaltung von Addis Abeba, besichtigte die zwölfköpfige Gruppe vor allem inklusive Bildungsformen in der äthiopischen Hauptstadt. Rose Jokic, eine blinde Projektleiterin im Antidiskriminierungsbüro in der Kochstraße, stellte dabei erstaunt fest, dass die Universität Addis Abeba eine gut sortierte Blindenbibliothek besitzt, die Alma Mater Lipsiensis hingegen nicht. Die Leipziger erlebten Vorschulunterricht inklusive Selbstverteidigungskurs für behinderte Kinder an der German Church School. Sie erfuhren, wie 96 Jugendliche mit Behinderung gemeinsam mit den anderen Schülern in den
11. und 12. Klassen
der Menelik-Schule, Partner des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in der Messestadt, zur Hochschulreife geführt werden. Sie kauften den Laden der Behindertenkooperative für umfassende Augenversorgung leer, die stylische Brillengestelle mit akkurat geschliffenen Linsen herstellt und exklusive Stoffartikel schneidert. Sie besuchten blinde Frauen in der Organisation Together, die dort, wenn sie unfreiwillig geschwängert wurden, ein Jahr lang mit Kind in ein normales Leben zurückgeführt werden.

Das Nakopa-Projekt sieht für die beiden Delegationsbesuche im ersten Jahr eine Bestandsaufnahme inklusiver Bildungs- und Kulturformen in den Partnerstädten vor. Im zweiten und dritten Jahr werden gemeinsame Projekte ausgearbeitet. Für das inklusive Ferienprogramm „Stadt in der Stadt“, das dann auch in Addis Abeba durchgeführt wird, hat Ulrike Bernard vom Haus Steinstraße bereits einen schattigen, gut erreichbaren Ort auf dem Campus des traditionsreichen Entoto College gefunden. Ludwig Henne vom Förderverein der Deutschen Zentralbücherei für Blinde packte ein taktiles Buch ein, das in Addis Abeba als Vorlage für ein gemeinsames Werk der Partnerstädte entstand. Simone Walther, Lehrerin am Schiller-Gymnasium und im Vorstand des Städtepartnerschaftsvereins Leipzig–Addis Abeba, übergab Blumen- und Kräutersamen zusammen mit einer Geldspende für ein Hochbeet. Daraus könnte der wohl erste Tastgarten für Blinde in der äthiopischen Hauptstadt werden. Zahlreiche Ge-schenke hatte auch Iris Rösch vom Behindertenverband Leipzig im Gepäck.

„Wir haben immer gedacht, dass die Leipziger aus Höflichkeit behaupten, sie könnten von uns lernen“, sagte Merdassa Kasaye, Sozialarbeiter an der German Church School, am Ende. Nach einer Reise, auf der die unterschiedlichsten Ansätze zur Inklusion deutlich wurden, gab der Äthiopier den Gästen eine Weisheit mit auf die Heimweg: „Ein guter Lehrer lernt von seinen Schülern.“

Von Stephanie von Aretin

Addis Abeba 8.9806034 38.7577605
Addis Abeba
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lädt vom 20. Juli bis 16. August 2017 zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz. Alle Infos zum Programm und Ticketverkauf... mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

Wie weiter nach der Grundschule? Unsere Übersicht aller Gymnasien, Oberschulen und Freien Schulen in Leipzig will Eltern bei der Auswahl der passenden Bildungseinrichtung für ihr Kind unterstützen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

Die Multimedia-Reportage erzählt elf spannende Geschichten entlang der Linie 11 - der längsten Straßenbahnlinie Leipzigs. mehr

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Probieren Sie es aus im Spieleportal von LVZ.de. mehr