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Lokales Leipziger muss jetzt seine vier kleinen Kinder allein groß ziehen
Leipzig Lokales Leipziger muss jetzt seine vier kleinen Kinder allein groß ziehen
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10:19 04.02.2017
Sven Sziedat und sein kleines Quartett. „Ich will ihnen eine stabile, sinnvolle Zukunft gestalten“, hat er sich vorgenommen.   Quelle: André Kempner
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Leipzig

 Mitten in der Katastrophe bietet Sven Sziedat gerade all seine Kräfte auf, um nach vorn zu schauen. Er muss nach vorn schauen. Den Kindern zuliebe. Sie sind erst zwei, drei, fünf und sechs Jahre alt. Die zwei Mädchen und die beiden Jungen brauchen ihren Papa. Nach so einem Schicksalsschlag…

Am 8. Januar verloren die Geschwister ihre Mutti und Sziedat seine Ehefrau. Sie war – wie er – gerade einmal 40 Jahre alt. Kinderkrankenschwester hatte sie gelernt, erzählt der Leipziger. Und, mit einem Anflug träumerischen Lächelns: „Wir beide wollten von Anfang an eine ,große Familie‘. Wir haben uns ausgemalt, wie schön es sein muss, wenn wir mal alt sind, auf einer Bank zu sitzen, den Kindern zuzusehen.“

Vor sieben Jahren hatten Claudia und Sven Sziedat geheiratet. „Meine Frau hatte einen Herzfehler. Und einen festen Willen: Sich das Leben nicht von einer Krankheit diktieren zu lassen. Sondern es so normal wie möglich zu leben“, sagt Sziedat. Gemeinsam haben die beiden Leipziger den Alltag mit der kleinen, munteren Rasselbande gemanagt. Dann, im November vorigen Jahres, erlitt seine Frau einen, wie es hieß, leichten Schlaganfall, wurde entsprechend behandelt. Eine Reha-Kur in einer sächsischen Klinik sollte sich anschließen. Letztlich terminiert auf den 29. Dezember. „Wir haben mit den Kindern so noch Weihnachten feiern können. Und als sie zur Reha fuhr, war sie voller Zuversicht“. Am Silvestertag dann der Anruf aus der Kur-Klinik: Claudia hatte erneut einen Schlaganfall erlitten. Man hatte sie per Hubschrauber in die Leipziger Uni-Klinik gebracht. Ärztliches Können, all die Hightech-Medizin – der jungen Frau vermochte es nicht mehr zu helfen.

Sziedat hat seither unter allen Anstrengungen seelisch den Kopf über Wasser behalten: Die beiden Jüngsten begreifen das Drama wohl noch nicht. Sie spüren es. Geht er nur mal kurz aus dem Zimmer, rappeln sich vier Beinchen hoch und wetzen hinterher. Beruhigt, um an der nächsten Türecke zu sehen, Papa ist nicht fort. „Die zwei größeren – mit ihren fünf und sechs Jahren – realisieren freilich schon eher, dass die Mutti nicht mehr da ist... Ich versuche, mit ihnen jetzt jeden Abend zusammen eine Kerze anzuzünden…“, deutet Sziedat an. Und? Er selbst? Er schüttelt den Kopf. Nein, Zeit für die eigene Trauer habe er im Moment noch nicht gefunden...

Familie, Freunde – wer konnte, unterstützte ihn in den vergangenen Tagen, in denen er, wie er schildert, zwischen Kindern, Haushalt und Behördengängen „nur hin- und hergesprungen“ ist. Dabei ist er sich im Klaren: „Diese erste Hilfe für den Moment ist für Angehörige und Bekannte nur begrenzt leistbar.“ Seine Eltern wohnen zu weit weg, im Erzgebirge. Claudias Eltern sind zwar in Leipzig. Aber auch sie sind noch im werktätigen Alter, besonders unter der Woche muss der junge Mann also Haushalt und Kinder solo deichseln. „Besonders kritisch ist es früh.“ Wenn alle vier zur gleichen Zeit aufstehen, gewaschen, angezogen und mit Frühstück versehen sein wollen, um halbwegs pünktlich in die Kita zu kommen. Neben all den logistischen Kraftakten sagt er aber auch: „Ich will ihnen eine stabile, sinnvolle Zukunft gestalten.“

Was ihm dabei nun schwer zu schaffen macht, ist das immer schmaler werdende Familienbudget. Ein Auto besitzen Sziedats schon nicht mehr. Seinen Job als Bautischler und Holzgestalter hat er zuletzt bereits infolge der Erkrankung seiner Frau aufgeben müssen, um ihr mit den Kindern zur Hand zu gehen. „Ich hatte bis dahin bei der Sanierung alter Häuser historische Holztreppen, Türen, Fenster und dergleichen restauriert. Ich hab‘ das gern gemacht“, sagt er. „Doch Einkaufen, Wäschewaschen, Essen kochen, Kinder zu und von der Kita abholen und bald auch eines zur und von der Schule – das wird mich jetzt erst einmal auf Jahre beschäftigen. Da ist an Berufstätigkeit nicht zu denken.“ Sziedat musste inzwischen Hartz -IV beantragen, hat sich dieser Tage unter anderem schon hilfesuchend ans Jugendamt gewandt. Sicher, sagt er, die Kleinen würden wohl immer etwas zu Essen und Anzuziehen haben. „Aber Kinder brauchen wohl über diese Grundbedürfnisse hinaus etwas mehr. Das belastet mich, dass ich ihnen das finanziell künftig wohl nicht ermöglichen kann. Eben so Dinge wie mal ins Puppentheater, ins Schwimmbad, in den Zirkus oder ins Kino gehen, eine Musik-AG besuchen, in einem Kindersportverein mitzumachen oder in den Ferien wenigstens ein paar Tage zelten.“ Irgendwie, sagt er, wäre er da über Unterstützung schon sehr froh.

Um die Kinder gerade in diesen schweren Tagen etwas abzulenken (Mama Claudia wird am Mittwoch beerdigt), lud der Förderverein des Leipziger Zoos die Kinder schon mal zum Zoobesuch ein. Vielleicht finden sich in der Stadt ja aber auch so eine Art Paten, die in regelmäßigen Abständen mit den Kindern – jeweils einzeln – ab und an etwas unternehmen. Etwas, wo sich vielleicht auch nur mal der eine kleine Junge oder das eine kleine Mädchen im Mittelpunkt fühlen können. Und sei es für eine Stunde auf dem Spielplatz, im Wildpark….

„Für mich allein ist es jetzt schwer, hier und da auf die Bedürfnisse eines einzelnen Kindes einzugehen“, denkt Sziedat, der sich wie die meisten Eltern für den Nachwuchs ein unbekümmertes Aufwachsen mit ein paar Chancen im Leben wünscht. Allerdings findet er sich nun in der Schar Alleinerziehender wieder, von denen Leipzig die meisten in ganz Sachsen zählt „Hier leben immerhin 15 000. 7500 von ihnen beziehen inzwischen Alg II. Und wie schnell einer unverschuldet in so eine prekäre Lage kommen kann, zeigt auch das Beispiel der Sziedats“, weiß Brunhild Fischer, Geschäftsführerin des hiesigen Verbandes Alleinerziehender.

Wer eine Möglichkeit sieht, Sven Sziedat mal in irgendeiner Form künftig beizustehen, melde sich gern bei dessen Schwager Herrn Lingenfelder, Tel. 0171 8364698, E-Mail Larser111@online.de.

Von Angelika Raulien

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