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Leipziger verabreden sich besonders häufig zu Flashmobs

Leipziger verabreden sich besonders häufig zu Flashmobs

Was machen nur all diese jungen Leute da? Wenn lauter Pärchen gleichzeitig knutschen, kann es kein Zufall sein. Ist es auch nicht: „Flashmob“ nennt sich das Phänomen zwischen Kunst, Happening und Demonstration.

Nachdem der Leipziger Hauptbahnhof am Valentinstag für ein paar Minuten zur Kuschelzone geworden ist, sollen bald weitere „Blitz-Meuten“ in die Stadt einfallen.

 Es ist Sonntag, und das übliche Wochentags- Chaos bleibt aus auf dem Leipziger Bahnhof. Ein paar Leute streifen durch die Blumenläden: Valentinstag. Ein Pfiff ertönt aus einer Ecke, die Menschen in der riesigen Osthalle verschmelzen in Umarmungen, Küssen, Berührungen. Drei ältere Frauen halten sich an den Händen und ein Gelee-Herz in die Luft. Sechs Minuten geht das so. Dann lösen sich die Menschen aus ihrer innigen Starre, klatschen, jubeln. Und gehen weiter. Als wäre nichts passiert. Polizisten, Bahn-Mitarbeiter und Passanten schauen sich fragend an. Was war das?

Man nennt es Flashmob, zu deutsch „Blitz-Meute“. Ein scheinbar spontaner Menschen-Auflauf, der an öffentlichen Plätzen synchron ungewöhnliche Dinge tut. Einer der beeindruckendsten Flashmobs war wohl das Zusammentreffen hunderter Michael-Jackson-Fans kurz nach seinem Tod auf den Straßen Stockholms. Für wenige Minuten tanzen sie gemeinsam seine legendären Choreographien und verschwinden daraufhin. Einige empfinden solche Mobs als ein völlig paradoxes Pseudo-Event. Andere sehen in einem Flashmob ein modernes Kultur- und Gesellschaftsverständnis, einen Versuch zu überraschen, zu beeindrucken und sich auszudrücken.

Meist gibt es einen Aufruf in einem Internet- Forum, per E-Mail oder in sozialen Netzwerken. Man verabredet eine Aktion, Ort und Zeit – und hält Stillschweigen. Denn ein Flashmob lebt von Spontaneität und Überraschung. Das Phänomen der „Blitz-Meute“ entstand vor rund zehn Jahren in New York, dem Mekka für innovative, junge Kunst. Kultur geformt durch Körper, durch Kollektivität, durch Spaß. Gebildet und propagiert durch das Medium der Flashmob-Generation: Web 2.0. Und das Phänomen zieht weite Kreise: Wann immer eine Subkultur einen Trend entwickelt, springen auch Wirtschaft, Politik und Werbung auf den Zug und versuchen zu profitieren.

So rief die Gewerkschaft Verdi kurz vor der Bundestagswahl 2009 in mehr als 50 Städten zu einem bundesweiten Flashmob auf und wollte dadurch auf ihre Mindestlohn- Forderungen aufmerksam machen. Mit ihrer Aktion legte die Organisation ganze Supermärkte lahm. Ein Indiz für die wachsende Bedeutung von Flashmobs ist wohl auch, dass das Bundesarbeitsgericht vergangenes Jahr entschied, dass sie als eine Streik-Form zulässig sind. Statt politischer Demonstration nun also Dadaismus?

Ein prominentes aktuelles Beispiel der Werbewirksamkeit findet sich in deutschen Fernsehsendern: Ein Telekommunikationsriese inszenierte auf dem Leipziger Bahnhof einen Flashmob mit hunderten Menschen und dem Casting-Phänomen Paul Potts. Gemeinsam singen sie vermeintlich spontan die Ode an die Freude und nehmen alles mit ihren Handys auf, die freilich von ein und demselben Anbieter stammen. Natürlich wurden hier aber gezielt Chöre angesprochen und im Vorfeld geprobt.

Der Leipziger Valentinstags-Flashmob war da im Vergleich angenehm unprofessionell. Manuela Iser hatte ihn organisiert, schon länger war in ihr die Überlegung gereift, zum Tag der Liebe eine besondere Aktion zu starten. Sie sah sich in Internet-Foren um und stellte dort ihre Idee vor. Kurze Zeit später entwickelte sie über Monate mit völlig fremden Menschen in einem Forum das Projekt und verabredete sich um 14.14 Uhr in der Osthalle. Nachdem der Flashmob gelungen ist, zeigt sie sich zufrieden und verspricht, noch weitere zu organisieren: „Zur Buchmesse, im Sommer, zur WM. Da fällt mir schon einiges ein.“

Wer beim Video-Portal Youtube nach Flashmobs in Leipzig sucht, wird mehrfach fündig. Tanzende Menschen auf dem Markt, eine Kissenschlacht auf dem Augustusplatz oder eine einzige Starre im Bahnhof. Auf die Frage, warum, antwortet einer der Organisatoren namens Schreihals600: „Es gibt keinen Grund: Die Antwort: Einfach nur so.“ Es ist müßig zu spekulieren, ob es einer jungen Generation darum geht, die ewige Langeweile zu durchbrechen, neue Leute kennenzulernen oder sich im großartigen Gefühl zu baden, gegenüber nicht eingeweihten Passanten im Wissensvorteil zu sein. Man ist Teil von etwas. Und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Vielleicht entwickelt sich das Phänomen Flashmob in den kommenden Jahren zu einer neuen Ausdrucksform in allen Bereichen, vielleicht wird es auch ein spaßiges Ereignis für Eingeweihte bleiben und irgendwann unauffällig verschwinden. Bis dahin ist es aber einfach schön, junge und alte Menschen zu sehen, die sich spontan in die Arme fallen und ihre Liebe am Valentinstag

Theresa Rentsch

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