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Leipziger wirft Fahrkartenkontrolleuren Rassismus vor – LVB müssen Stellung beziehen

Leipziger wirft Fahrkartenkontrolleuren Rassismus vor – LVB müssen Stellung beziehen

War es ein ausländerfeindlicher Übergriff oder eine aus dem Ruder gelaufene Fahrkartenkontrolle? Mit dieser Frage müssen sich die Leipziger Verkehrsbetriebe nun öffentlich auseinandersetzen.

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LVB-Kontrolleure prüfen einen Fahrschein. (Archivfoto)

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Anlass ist ein an die Stadt Leipzig gerichteter offener Brief eines Leipziger Ingenieurs. Darin schildert der Mann eine unangenehme Begegnung mit zwei Fahrkartenkontrolleuren. Sie sollen zwei ausländische Fahrgäste aggressiv behandelt haben. Als er eingriff, geriet er selbst ins Visier der Prüfer.

Am Anfang des Streits zwischen dem Ingenieur Christian Begand und den Leipziger Verkehrsbetrieben steht eigentlich ein schönes Beispiel für Zivilcourage. Begand, gebürtiger Vogtländer, sitzt am 27. November vergangenen Jahres in der Straßenbahnlinie 2 Richtung Meusdorf, als es im hinteren Teil der Bahn laut wird. Er geht näher heran und sieht, wie zwei kräftige Männer zwei ausländische Fahrgäste anschreien. Ein fremdenfeindlicher Angriff, denkt er sich und entschließt sich zusammen mit mehreren anderen Mitfahrern zu einem mutigen Schritt: Sie stellen sich zwischen Männer und Ausländer, „um einen körperlichen Übergriff zu verhindern“, wie Begand heute erzählt.

Unschöne Pointe: Die beiden kräftigen Männer sind Fahrkartenkontrolleure der LVB und sehen sich zu Unrecht mit dem Vorwurf konfrontiert, ausländerfeindlich gehandelt zu haben. Zwar hat einer der beiden aus Syrien stammenden jungen Männer hat einen Studentenausweis und darf fahren. Der andere aber ist mit einem nicht entwerteten Einzelfahrschein unterwegs. Für die Kontrolleure ein klarer Fall: Für das nicht gestempelte Ticket werden 40 Euro fällig. Doch es gibt Verständigungsprobleme. Die beiden Syrer sprechen nur Englisch. Das aber verstehen die Kontrolleure nicht.

Eskalation an der Haltestelle

Christian Begand hört, wie die beiden Männer brüllen: „Nix Englisch! Hier wird Deutsch gesprochen!“ Insgesamt sei die Stimmung aggressiv gewesen, schildert er in seinem offenen Brief an die Stadt Leipzig. Die Ticketprüfer seien beleidigend und ausfallend, das Eingreifen der Umstehenden notwendig geworden. An der Haltestelle Probstheida steigen Ausländer, Zeugen und Kontrolleure aus. Als die beiden Prüfer kurz abgelenkt sind, steckt Begand sein Ticket einem der Ausländer zu. Die verlassen daraufhin gemeinsam mit den anderen Passagieren die Haltestelle. Zurück bleiben Begand und die beiden Kontrolleure.

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An der Haltestelle Probstheida muss die Polizei eingreifen. (Symbolfoto)

Quelle: André Kempner

Nun wollen die Männer plötzlich das Ticket des Ingenieurs sehen. Das aber hat er ja gerade verschenkt. Er weigert sich, den Fahrausweis vorzuzeigen und will weggehen, doch die Männer hindern ihn daran. Es kommt zu einem Handgemenge, Begand ruft die Polizei. Als die Beamten eintreffen, erstatten beide Seiten gegenseitig Anzeige wegen Körperverletzung. Die Kontrolleure verlangen zudem nun die 40 Euro von dem Ingenieur, weil er an der Haltestelle kein Ticket bei sich hatte.

Stadt und Öffentlichkeit sollen Druck machen

Begand reicht eine schriftliche Beschwerde bei der LVB über das Verhalten der Fahrscheinprüfer ein. Die Verkehrsbetriebe antworten ihm: Das erhöhte Beförderungsentgelt, die 40 Euro, werden ihm erlassen. Außerdem habe man die Kontrolleure mit Nachdruck darauf hingewiesen, sich höflich und korrekt gegenüber den Fahrgästen zu verhalten. Doch das reicht dem Ingenieur nicht. Er zieht aus der Reaktion der LVB den Schluss: „Die Kontrolleure werden auch weiterhin täglich die Möglichkeit haben, ihre ausländerfeindliche Einstellung auszuleben, ohne dadurch irgendwelche Konsequenzen befürchten müssen. “

Nach mehreren Schriftwechseln mit den Verkehrsbetrieben entschließt er sich, die Sache öffentlich zu machen und schickt Ende Mai diesen Jahres einen offenen Brief an Leipziger Medien und an den Oberbürgermeister. Denn: Begand befürchtet, sein Erlebnis könnte kein Einzelfall sein. Deshalb soll die Stadt Druck machen auf die Verkehrsbetriebe.

Ratlosigkeit bei der LVB

Ein Ziel hat er dabei schon erreicht: Bei Steffen Tippach bilden sich Schweißperlen auf der Stirn, wenn er mal wieder zu der Sache Stellung beziehen soll. Tippach ist Bereichsleiter Markt und Strategie bei der LVB. Auch das Kundenmanagement fällt in seinen Verantwortungsbereich. Der Schriftwechsel mit Christian Begand und den Kontrolleuren füllt mittlerweile einen ansehnlichen Hefter auf seinem Schreibtisch.

„Was mehr können wir als LVB denn noch unternehmen, damit Herr Begand zufrieden ist?“ fragt er sich laut. Denn aus seiner Sicht ist alles Nötige getan. Man hat mit den beiden Kontrolleuren gesprochen. Daraufhin haben die beiden Angestellten des LVB Tochterunternehmens Leipziger Service Betriebe ihre Sicht der Dinge dargelegt – und die unterscheidet sich deutlich von Begands Schilderung. Die Situation habe sich daran entzündet, dass ein Fahrschein nicht gestempelt wurde und dass der betreffende Fahrgast, einer der beiden Ausländer, sich geweigert habe, 40 Euro zu bezahlen. Durch das Eingreifen der anderen Passagiere sei die Situation etwas aus dem Ruder gelaufen, woraufhin es laut wurde.

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Steffen Tippach, Bereichsleiter Markt und Strategie bei den LVB. (Archivfoto)

Quelle: André Kempner

Selbst wenn diese Version stimmt, weiß Steffen Tippach, dass das Verhalten der Prüfer „nicht hundertprozentig korrekt war“. Denn die Kontrolleure werden darin geschult, Situationen zu entschärfen. Kommt es zu einem lauten Wortwechsel, ist für Tippach klar, dass „da im Nachhinein drüber geredet werden muss.“ Das sei auch passiert. „Wir haben die Prüfer belehrt.“ Doch mit Ausländerfeindlichkeit habe der Streit nichts zu tun gehabt, so sein Fazit.

Englischkenntnisse kein Einstellungskriterium

Man müsse sehen, dass Fahrausweisprüfer keinen leichten Job hätten. „Da kann man schon mal plötzlich eine Eisenstange im Gesicht haben“, sagt er und spielt damit auf einen Angriff gegen eine seiner Prüferinnen Ende Mai an. Und obwohl die Kontrolleure von den Fahrgästen nicht immer freundlich behandelt würden, sollten sie ihren Kontrollanspruch höflich und deeskalierend durchsetzen. „Bei diesem Spannungsfeld ziehe ich meinen Hut vor den Kollegen“, sagt Tippach.

Er könne zwar verstehen, wenn jemand Ausländer vor einem fremdenfeindlichen Übergriff beschützen wolle. Er selbst habe 15 Jahre lang gegen Rassismus gearbeitet, sagt der frühere Landtagsabgeordnete der Linkspartei. Wenn es Beweise gebe, dass einer der Prüfer ausländerfeindlich handle, werde er handeln: „Dann bin ich der Erste, der Konsequenzen zieht.“ Doch in diesem Fall könne er wenig tun. Dass sich die Prüfer kein Englisch sprachen und die Fahrgäste nicht verstehen konnten, sei ihnen nicht vorzuwerfen. „Englischkenntnisse sind kein Einstellungskriterium. Das ist bei der Bezahlung dieses Berufs nicht durchsetzbar.“

Waren die Fahrscheinprüfer ausländerfeindlich?

Der Vorwurf, die Kontrolleure hätten sich fremdenfeindlich verhalten, ist schwierig zu überprüfen. Außer Begands Brief gibt es derzeit keine weiteren Aussagen, über das, was am fraglichen Novembertag in der Bahn passiert ist. Die Bilder aus den Überwachungskameras sind weg. Sie wurden nach 24 Stunden von neuen Aufnahmen überschrieben. Das sei der gewöhnliche Ablauf, wenn nicht Polizei oder jemand im Unternehmen rechtzeitig die Speicherung beantrage, sagt Tippach. Das hielten die Polizisten in Begands Fall nicht für nötig. Die gegenseitigen Anzeigen von Fahrgast und Prüfern bezogen sich auf die Vorgänge an der Haltestelle. Begand, der am Tag nach dem Vorfall eine Beschwerde an die LVB richtete, schickte diese schriftlich per Post. Eingegangen ist das Schreiben zwei Tage nach der fraglichen Bahnfahrt. Da waren die Bilder schon weg.

Die Sache auf der Belehrung der Prüfer beruhen zu lassen, ist für Begand allerdings zu wenig. Er fordert eine dienstrechtliche Abmahnung, denn sonst hätte der Vorfall für die beiden Beschuldigten außer dem ermahnenden Gespräch keinerlei Folgen. Und damit könnte sich feindliches Verhalten gegenüber ausländischen Fahrgästen leicht wiederholen. „Soll ich etwa meinen ausländischen Mitarbeitern erklären, dass es nicht ausreicht, nach Einbruch der Dunkelheit bestimmte Randgebiete der Stadt zu meiden, sondern dass die wirklich gefährlichen Täter Angestellte eines städtischen Unternehmens sind?“ fragt er sich öffentlich.

Stadt und Stadtrat beschäftigen sich mit dem Vorfall

Unterstützung für seine Forderung erhält der Ingenieur von der Opferberatungsstelle RAA. Dort hatte Beraterin Diana Eichorn vor zehn Jahren einem ausländischen Fahrgast vor Gericht begleitet. Er hatte Fahrausweisprüfer angezeigt, weil die den Mann ohne Grund verprügelt hatten. Die Männer wurden schuldig gesprochen. Seitdem hat Eichorn viele Gespräche mit den Verkehrsbetrieben geführt und erkennt die Bemühungen des Unternehmens an, durch Schulungen vorzubeugen. Dennoch hört sie immer noch Berichte über diskriminierendes Verhalten von Fahrscheinprüfern. Ihr Fazit lautet deshalb: „Es reicht nicht aus, zu sagen, nur weil es keine anderen Zeugen gibt, war das Verhalten der beiden Kontrolleure nicht ausländerfeindlich.“

Auch die Stadt hat inzwischen Druck auf die Verkehrsbetriebe ausgeübt und eine Stellungnahme verlangt. Die hat LVB Chef Ulf Middelberg inzwischen vorgelegt. Darin beteuert er die grundsätzliche Haltung des Unternehmens, Rassismus nicht zu dulden. Bei der Auswertung von Kundenrückmeldungen allerdings hat sich gezeigt: In den vergangenen drei Jahren gab es außer Begands Brief noch vier weitere Beschwerden von Betroffenen, die sich aufgrund ihrer Herkunft von Kontrolleuren schlecht behandelt fühlten. Man überlege nun, wie man die Prüfer in Zukunft noch besser schulen könne, sagt Steffen Tippach.

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Juliane Nagel , Stadträtin der Linken in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Am kommenden Mittwoch wird Begands Bürgeranfrage im Stadtrat behandelt. Dort hat sich Juliane Nagel (Linke) der Sache angenommen. Neben der Frage, wie oft Diskriminierungen aufgrund ausländischer Herkunft gemeldet wurden, möchte sie von der LVB wissen, wie oft es in den vergangenen Jahren Anzeigen gegen Prüfer wegen Körperverletzung, Nötigung oder Beleidigung gab. Das Thema Fahrkartenkontrollen wird Leipzigs Bus- und Bahnbetreiber noch eine Weile beschäftigen.

Clemens Haug

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