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Lokales Leipzigerin berichtet über Kindheit im 2. Weltkrieg: "Die Trümmer"
Leipzig Lokales Leipzigerin berichtet über Kindheit im 2. Weltkrieg: "Die Trümmer"
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23:59 12.05.2014
Ute Scholze zum Schulanfang 1949. Quelle: Privat

Ute Scholze berichtet über ihre gefährlichen Spielplätze und ihren zerplatzen Traum vom Vanilleeis. Die Gedanken an das Erlebte bereiten ihr noch heute eine Gänsehaut.

Wahrscheinlich waren wir Kinder die Einzigen, die sie schön fanden: die schrecklichen Überbleibsel des Zweiten Weltkrieges. Die Ruinen oder Trümmer, wie wir sagten. Die Wohnung meiner Oma, in der Mutti mit mir nach dem Ausbomben ihrer ersten Wohnung, am 4. Dezember 1943, dem schlimmsten Fliegerangriff auf Leipzig, Unterschlupf gefunden hatte, lag in der Nähe des Bayerischen Bahnhofes. Um diesen zu treffen, wurde das umliegende Wohnviertel besonders stark bombardiert.

Viele Häuser wurden total zerstört und von manchen blieben nur die Außenmauern stehen. Manchmal sah man in den oberen Stockwerken noch ein Stück des Zimmerbodens, auf dem ein Ofen, ein Schrank oder eine Wanne stand. An manchen Wänden hingen noch Bilder oder Regale. Das Verblüffendste, was ich als Kind sah, war eine Wanduhr im ersten Stock, die unversehrt geblieben war und nach den Erzählungen eines alten Mannes aus der Nachbarschaft noch Wochen nach dem schrecklichen Bombenangriff die genaue Uhrzeit angezeigt hatte.

Wir Kinder konnten ja nicht ermessen, wie gefährlich und tückisch diese, in unseren Augen herrlich abenteuerliche und interessante, Spielplätze waren. Immer wieder schlugen wir die Verbote und Warnungen der Erwachsenen in den Wind. Nirgends konnte man so schön Verstecken spielen, Buden aus Ziegelsteinen bauen, Kletterkünste zeigen und halbverschüttete Keller erforschen.

Heute bekomme ich allerdings noch nachträglich Gänsehaut, wenn ich mir die Gefahren vergegenwärtige. Oft stürzten Mauerreste oder Gegenstände herab, rutschten Hohlräume in den Kellern zusammen oder explodierten von Kindern gefundene Granaten. Damals steckte ich so manche Ohrfeige ein, wenn ich durch meine total verschrammten Schuhe überführt wurde, wieder mal auf "Schatzsuche" gewesen zu sein. Besonders gern suchten wir uns aus den Schuttbergen Gipsstücke oder Holzkohle heraus, damit konnte man zusammen mit roten Ziegelsteinstücken so schön auf dem Gehweg malen, sehr zum Ärger der Erwachsenen. Ganz besonders böse wurde unser Hauswirt, der ständig am Fenster auf Lauer lag, was wir Kinder nun schon wieder anstellten. Und es gab nicht viel, was uns erlaubt war. Meist mussten wir mit der Scheuerbürste und Wasser unsere Kunstwerke wieder vom Pflaster entfernen.

Manche Leute legten sich in den Trümmern sogar kleine Beete an, denn jede Tomate, jeder Kohlrabi oder Salatkopf war zur Ergänzung des dürftigen Speiseplanes hochwillkommen. Material zum Absperren dieser kleinen Gärten war im Schutt reichlich vorhanden. Besonders die Überreste von den sogenannten Reformbetten, die aus Metallgittern bestanden, wurden oft verwendet. Einzäunungen aus Holz sah man nicht, denn jedes in den Trümmern gefundene Holzstück wurde aus Mangel an Kohle verheizt.

Meine Mutti erzählte mir, dass es damals üblich war, zwischen den mit Briketts oder Braunkohlenstücken beladenen Güterwagen nach heruntergefallenen Kohlestücken zu suchen. Besonders Mutige kletterten auf die Waggons und warfen Briketts herunter, das geschah auch auf fahrenden Wagen und nicht selten kam es zu Unglücken. Erwischen lassen durfte man sich natürlich nicht, die Wächter waren nicht zimperlich und schlugen hart zu, wenn sie jemanden in die Finger bekamen. Aber was tut man nicht alles in der Not.

Unmittelbar nach Kriegsende begann man an wichtigen Plätzen, so zum Beispiel auf dem Hauptbahnhof, dem Augustusplatz und da, wo Straßenbahnengleise betroffen waren, die Trümmer wegzuräumen. Den Hauptanteil an dieser Arbeit leisteten die "Trümmerfrauen", denn die Männer waren zum Teil noch in Gefangenschaft oder wurden in wichtigen Betrieben gebraucht. Einer Schätzung nach sollten diese Aufräumarbeiten 30 Jahre dauern, aber als die ersten Männer aus der Kriegsgefangenschaft kamen, hatten die Frauen die wichtigsten Flächen in harter Arbeit schon beräumt. Ich kann mich sehr gut an die kleinen Loks erinnern, welche die Loren aus Metall in langen Ketten auf Schmalspurgleisen durch die Straßen der Innenstadt zogen. Aus dem Schutt der Ruinen wurden zum Beispiel die Ränge des Zentralstadion in Leipzig aufgeschüttet.

Länger dauerte es natürlich, die Trümmer einzelner Häuser zu beseitigen. So blieben uns noch lange diese Spielplätze mit ihren "Geheimverstecken" in den ausgehöhlten Wänden und den vielen Vogelnestern in den Nischen und Mauervorsprüngen erhalten. Schon nach kurzer Zeit wuchsen die ersten Pflanzen auf den Schuttbergen, besonders Huflattich, Löwenzahn und Birken eroberten sich das Gelände im Handumdrehen. Und natürlich die "Gewitterblumen", eine sehr dekorative Pflanze mit vielen lila Blüten, ihr richtiger Name ist "Schmalblättriges Weidenröschen". Ihr volkstümlicher Name rührte vom Aberglauben her, dass es Gewitter gäbe, wenn man sie abpflückt. So wurde es uns Kindern jedenfalls erzählt.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die meinen Vater ziemlich schockte und mir wieder einmal eine Strafpredigt eintrug: Ich hatte auf den Schuttbergen Blumen gepflückt, kleine Sträuße und Kränze gebunden und mich vor unser Nachbarhaus auf dem Gehweg platziert, weil ich die Sträuße dort in einem leeren Schaukasten, dem die Scheiben fehlten, in einer Schale mit Wasser ausstellen konnte. Ich hatte mir ein Preisschild gemalt und wartete guter Dinge, dass man mir meine Blumen abkaufen würde. Leider zeigte niemand Interesse, entweder war sogar der bescheidene Preis von zwei Groschen zu viel oder die Leute fanden meine Blumen nicht so schön wie ich.

Enttäuscht räumte ich sie nach zwei Stunden wieder weg und der Traum vom Vanilleeis zerplatzte. Nur leider fand sich ein netter Nachbar, der meinem Vater von meiner Geschäftstüchtigkeit erzählte und so war eine schlimme Gardinenpredigt alles, was mir diese Idee eintrug.

Noch heute ruft der Anblick des unverwüstlichen Löwenzahnes und der bedürfnislosen Birken, die auch jetzt noch in verwahrlosten Gebäuden in Dachrinnen, auf Dächern und aus Mauerritzen wachsen, bei mir die Erinnerung an meine Kindheit zurück. Das Eigenartige ist, dass bei mir die Trümmer, obwohl sie aus einem so schrecklichem Anlass entstanden, der vielen Menschen Unterkunft, Hab und Gut oder sogar das Leben kostete, keine böse Erinnerung hinterlassen haben, sondern einfach nur zu meiner Kindheit gehören.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.05.2014

Ute Scholze

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