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Leipzigerin meistert Alltag noch selbst, braucht keinen Putz- oder Pflegedienst

100. Geburtstag Leipzigerin meistert Alltag noch selbst, braucht keinen Putz- oder Pflegedienst

Ilse Hunger beging am Mittwoch ihren 100. Geburtstag. LVZ besuchte die Jubilarin, die ihren Alltag noch selbst bewältigt, ihren 63-jährigen leicht behinderten Sohn umsorgt und – nicht zuletzt – seit 50 Jahren die LVZ liest.

Ilse Hunger wurde am Mittwoch unglaubliche 100 Jahre alt.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Also, sonderlich gut habe sie vergangene Nacht nicht geschlafen. „Da ging mir soviel durch den Kopf. Man wird ja nicht gleich wieder 100“, lächelt Ilse Hunger am Mittwoch fast entschuldigend. Zudem hatte sie befürchtet, den Termin um 7.30 Uhr beim Friseur zu verpassen. Doch als kurz nach 9 erste Gratulanten von der LVZ bei ihr in der Südvorstadt vor der Wohnungstür im dritten Stock stehen, empfängt die kleine zierliche Dame in festlich-weißer Bluse, schwarzem Trägerrock und einem bestens in Form gebrachten, vollen Haarschopf. Nur Andreas, der Sohn (63), hatte noch nicht auf den zurechtgelegten schwarzen Anzug, das gestreifte helle Hemd und die Krawatte zurückgegriffen. „Zieh Dich doch bitte jetzt auch mal um!“, so die freundliche wie mütterlich-mahnende Ansage.

Ilse Hunger rechnet damit: Der Tag wird etwas aufregend. Einen Nudeleintopf für Mittag hatte sie vorsichtshalber schon tags zuvor gekocht. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ein Schlückchen Sekt?“, bittet sie ihre ersten Gäste in die Stube.

Mitten hinein in den Ersten Weltkrieg war Ilse Hunger als drittes von vier Kindern an jenem 17. Februar 1916 in Leipzig geboren worden. Der Vater hatte eine Agentur in der Universitätsstraße Ecke Kupfergasse: „Sachsenland Werbungsmittler Alfred Kolbe“. „Mir hat es da bald auch Spaß gemacht, Annoncen zu entwerfen. Ich stand mit allen Zeitungen in Deutschland in Verbindung!“, erzählt sie. Die Eltern hätten auf Bildung gesetzt. Ilse besuchte die Höhere Töchterschule, schloss die zehnte Klasse ab, ging hernach zum Buchhandel, wurde Prokuristin. Und fand sich alsbald in den fürchterlichen Zeiten eines Zweiten Weltkrieges wieder, in dem nicht zuletzt die in Merseburg lebende ältere Schwester mit ihrem Kleinkind ums Leben kam. Sie selbst wurde „als letzte junge Frau meiner damaligen Firma“ zur Arbeit im Luftrüstungsunternehmen ATG Leipzig-Großzschocher verpflichtet. „Doch am Ende gelang es Vater, mich da rauszuholen. Er hatte 17 Angestellte, zwei waren im Krieg gefallen. Da hat er mich frei bekommen. 23 Jahre arbeitete ich dann mit ihm zusammen. Wir hatten ein gutes Einvernehmen. Nur bezahlt hat er schlecht! Er meinte, Hans-Joachim verdiene doch ganz gut!“

Bei einer Reise an den Bodensee hatte sie Hans-Joachim Hunger, den Optikermeister, kennengelernt. Durch den Krieg, sagt sie, sei man dann „etwas auseinandergekommen“. Er war in Norwegen stationiert, kam später in englische Kriegsgefangenschaft… „Und dann trafen wir nach dem Krieg eher zufällig hier in der Stadt wieder aufeinander.“ 1950 Heirat. Andreas kam zur Welt, der „nicht so die Auffassungsgabe seines Vaters hat“, deutet Ilse Hunger die „leichte Behinderung“ ihres Sohnes an, derenthalben er allein für sich zu sorgen nicht imstande ist und auch jetzt noch bei Muttern wohnt.

Das Angebot der Zeitzer Witwe

Die neue Zeit nach 1945 zollte ihren Tribut. „Vaters Geschäft wurde enteignet. Wir waren plötzlich mittellos“, schildert Ilse Hunger. Ihr Mann habe als Optiker damals auch nicht mehr arbeiten können, machte Gelegenheitsarbeiten, bis ihn eine Kriegswitwe aus Zeitz in ihr Optiker- Geschäft holen wollte. Unter der Maßgabe, er müsse sie heiraten. Machte ihr Hans-Joachim freilich nicht, kam über die Frau aber wieder in die Branche. Zuletzt übte er am Leipziger Uni-Klinikum seinen erlernten Beruf aus. Er starb 1991.

Familiär wurde es ruhig um Ilse Hunger. Auch die Geschwister leben nicht mehr. Ihre Nachkommen sind in der Welt zerstreut. Trotzdem klingelt es am Mittwoch viel bei ihr. Mal das Telefon (weil sie noch rege mit Freunden und Bekannten korrespondiert). Mal an der Tür. Zwei freundliche Hausbewohner etwa bringen Blumen. In den Vorjahren, sagt die Jubilarin, „hat noch die Hausgemeinschaft gesammelt“. Aber inzwischen wechselten die Mieter hier so oft, man kenne sich kaum noch. Blumengrüße kommen dann auch von Leipzigs OBM und Landesvater Tillich. Auf dem Tisch liegt ein Glückwunschbrief von Bundespräsident Joachim Gauck. „Was der leistet, da habe ich Respekt“, sagt Ilse Hunger, die nicht nur rege Biografien namhafter Menschen, sondern seit 50 Jahren auch die LVZ liest. „Bis auf die eine Seite, wo es immer um diese moderne Musik geht, die lese ich höchstens quer. Sonst interessiert mich alles.“ Selbst mit 100 Lenzen fällt man somit dann eben auch nicht auf den „kriminellen Enkeltrick“ rein. „Das hab ich jüngst gleich gemerkt und der Polizei weitergemeldet!“, winkt sie ab.

Mittagsruhe erst seit Kurzem

Während sich bei Altersgefährten schon mal Pflege- oder Putzdienste die Klinke in die Hand geben, macht sie alles tipptopp selbst. Für schwere Sachen ist Andreas zuständig. Sie sehe und höre nur nicht mehr ganz so gut; der Fuß schmerze schon mal, sagt sie. Und turnt täglich mit paar Übungen dagegen an. Erst seit einiger Zeit gönnt sich Mutter unter Mittag eine Stunde Ruhe. „Ob das jetzt was wird?“, zweifelt sie allerdings am Ehrentag. Nachmittags wollen noch zwei Frauen vom Kleingartenverein kommen, in dem Ilse Hunger eine Parzelle bewirtschaftet. „Ich hab’ ja jetzt schon mal überlegt, ihn aufzugeben“, sinniert sie, um gleich darauf regelrecht aufzublühen. „Letztes Jahr habe ich erstmals Blumen und Gemüse aus Samen selbst hochgezogen. Das ging alles auf!“, sagt sie. „Also, wenn ich jetzt über den Winter die Sache mit den Kniebeugen wieder hinkriege, dann behalte ich den Garten!“

Von ANGELIKA RAULIEN

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