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Lokales Leipzigerin steht Demenz-Kranken bei
Leipzig Lokales Leipzigerin steht Demenz-Kranken bei
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06:04 08.09.2018
Hannelore Wolf vom Verein Selbstbestimmt Leben kümmert sich um Demenz-Kranke und deren Angehörige. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Jugendtrainer, geben Schülern Nachhilfe, lesen Kindern Geschichten vor, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen. Heute: Hannelore Wolf vom Verein Selbstbestimmt Leben Leipzig und Umgebung (SBL).

„Das ging unter die Haut“

Es flossen viele Tränen. Auch Hannelore Wolf musste weinen. Gleich beim ersten Stück. Beim „Ave Maria“ von Franz Schubert. „In mir singt ein Lied“ hieß es an jenem 26. Mai dieses Jahres in der Oper am Augustusplatz. Die Auftaktveranstaltung zu einer neuen Reihe des Musiktheaters in Kooperation mit dem eingetragenen Verein Selbstbestimmt Leben. Hannelore Wolf war dabei. Sie begleitete ein älteres Ehepaar. Einer der beiden Partner leidet an Demenz. Im Konzertfoyer des Musentempels saßen an diesem Tag noch andere Senioren, deren Verstandeskraft nachlässt. Das hielt die niederländische Opernsängerin Maartje de Lint aber nicht davon ab, mit ihren gehandicapten Gästen zu singen. Deren Klanggedächtnis zu stimulieren, das im Verlauf der Erkrankung spät oder gar nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Musik als Muntermacher, als Weckruf, als Medium, das Verbindung wieder möglich macht. „Es war ergreifend zu beobachten, wie unsere Leute erwachten, wie sie mitgingen und aufmerksam wurden“, erzählt Hannelore Wolf. „Das ging unter die Haut.“

„Der Umgang mit Demenz-Kranken erfüllt mich“

Die 64-Jährige gehört zu jenen 45 Freiwilligen, die sich dem Verein Selbstbestimmt Leben verbunden fühlen. SBL steht seit 2010 für Beratung, Betreuung und Förderung von Demenz-Kranken und deren Angehörigen. Hannelore Wolfs ehrenamtliches Engagement begann vor fünf Jahren. Als Kita-Erzieherin ging es für sie aus gesundheitlichen Gründen irgendwann nicht mehr weiter. Doch wer einmal mit schutz- und fürsorgebedürftigen Menschen gearbeitet und sich in dem Job immer wohlgefühlt hat, den lässt diese Berufung so schnell nicht los. Hannelore Wolf schulte um, wurde Betreuungskraft nach Paragraf 87 b Sozialgesetz-buch XI. Sperriger Name, aber so heißt die Tätigkeit, die sich den Alten und Schwachen widmet. Als sie kurze Zeit später aus dem aktiven Berufsleben ausschied, stand für Hannelore Wolf fest: „Ich mache weiter. Der Umgang mit Demenz-Kranken erfüllt mich. Es ist ein gutes Gefühl, wenn du am Abend feststellen kannst, dass du deinen Klienten für Augenblicke aus seiner eigenen Welt in unsere Welt zurückgeholt hast. Und wenn es nur für ein Lächeln war.“

„Leute beobachten, das mag meine Klientin“

Klient, sagt Hannelore Wolf, nicht Patient. Sie pflegt nicht, sie begleitet. Derzeit kümmert sie sich an zwei Nachmittagen in der Woche um eine 84-Jährige. Die alte Dame lebt (noch) allein in ihrer Wohnung. „Wir gehen oft spazieren, denn nur auf sich gestellt, würde die Frau das nicht mehr schaffen. Sie ist außerhalb ihrer eigenen vier Wände ohne Orientierung“, erzählt Hannelore Wolf. Bei schlechtem Wetter spielen die beiden Rommé Cup. Das fördert das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen. Beides ist bei einer Demenz dem Verfall preisgegeben. Ausflüge in die City oder in ein Eis-Café sind auch sehr beliebt. Und das Sitzen auf einer Bank. „Leute beobachten, das mag meine Klientin“, berichtet die frühere Mitarbeiterin in einem Montessori-Kindergarten nicht ohne Amüsement. „Manchmal wird fleißig gelästert.“ Ihre Erfahrungen mit kleinen Kindern kommen Hannelore Wolf bei der Betreuung von dementen Senioren zugute. „Du musst Geduld haben und darfst nicht hektisch werden, wenn nicht gleich alles klappt. Es gilt das alte Motto: In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt sie.

„Und sie ging wenig später auch“

„Hilf mir, es selbst zu tun“ – dieser Ansatz der von ihr hochgeschätzten italienischen Reformpädagogin Maria Montessori trägt sie ebenfalls durchs Ehrenamt. Schon bei der ersten Klientin am Beginn ihres Engagements für den Verein Selbstbestimmt Leben war das so. „Eine Kindergärtnerin wie ich. Zu ihr und zu ihrem Mann hatte ich ein besonderes, ein sehr herzliches Verhältnis. Wenn ich da war, konnte er mal zum Sport gehen, an sich selber denken, eine Auszeit nehmen. Ansonsten war er rund um die Uhr nur für seine geliebte Ehefrau da“, schildert Hannelore Wolf. Das Ende war bitter und ging ihr sehr nah: „Irgendwann klappte das mit der Betreuung daheim nicht mehr. Die Klientin kam in ein Pflegeheim. Bald darauf starb er. Und sie ging wenig später auch.“ Unvergessen sei der Moment, als die Demenz-Kranke, die in gesunden Jahren wunderbar Klavier spielen konnte, mit einem Finger mal wieder die Tasten bediente und dabei strahlte. Ja, die Musik sei in vielen Stunden ein Quell wiederkehrender Lebendigkeit gewesen. „Wir haben sehr viel zusammen gesungen. Und wir haben festgestellt: Ich war längst nicht so textsicher wie das Ehepaar“, bekennt sie mit einem melancholischen Lächeln.

„Musik schafft Nähe“

Momente voller Emotionen erwartet Hannelore Wolf auch am 29. September wieder. Dann wird „In mir singt ein Lied“ in der Oper fortgesetzt. Sämtliche Termine der Konzertreihe für Menschen mit Demenz in der Spielzeit 2018/19 sind ausgebucht, alle Tickets vergriffen. Doch es gibt eine Alternative: Am 16. November ab 10 Uhr spielen vier Violinistinnen des Gewandhauses in der neuen Propsteikirche für Betroffene und ihre Angehörigen. Dort soll auch gesungen werden – Informationen und Anmeldung beim Verein Selbstbestimmt Leben unter Telefon 0341 24330566 oder via E-Mail info@sbl-leipzig.de. „Musik schafft Nähe. Und Zugang“, sagt Hannelore Wolf.

Von Dominic Welters

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