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Lokales Leipzigs „Blechbüchse“ wird 50
Leipzig Lokales Leipzigs „Blechbüchse“ wird 50
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08:37 22.08.2018
Am 22. August 1968 war das "Konsument am Brühl" als größtes Warenhaus der DDR wiedereröffnet worden. Quelle: Leipzigreport
Leipzig

Der anfangs etwas spöttisch, später liebevoll gemeinte Spitzname leitete sich von der Form und dem Muster der Fassade ab. Sie erinnerte an Brotdosen aus Blech, die damals fast jeder zur Selbstversorgung auf Arbeit besaß. Die riesige Fassade war jedoch nicht aus Blech, sondern bestand aus Aluminium-Waben. Der Leipziger Künstler und Metallbildhauer Harry Müller hatte die Waben in einer Form gestaltet, die Fachleute hyperbolische Paraboloidelemente nennen. Nächsten Monat feiert Müller seinen 88. Geburtstag.

Die geschwungene Form der „Blechbüchse“ leitete sich von dem Gebäude ab, das vor 50 Jahren durch die neue Aluminiumhaut verdeckt wurde. Das war das historische „Kaufhaus am Brühl“, erbaut 1907/08 vom bedeutenden Leipziger Architekten Emil Franz Hänsel für die Handelsfirma Messow & Waldschmidt.

In 50 Jahren vom „Konsument-Warenhaus am Brühl“ zu den „Höfen am Brühl“ – Leipzigs „Blechbüchse“ ist und war ein Wahrzeichen der Stadt.

1915 und 1927 konnten die Eigentümer das im Schweizer Stil gehaltene Haus auf Nachbargrundstücke erweitern: 1927 bekam Leipzig hier die erste Rolltreppe – damals eine Sensation. 1933 gab es erste Nazi-Aufrufe zum Boykott des „jüdischen Geschäfts“. 1936 wurden die Eigentümer gezwungen, ihr Haus und Grundstück am Brühl 1 (wo 1813 übrigens Komponist Richard Wagner zur Welt kam) an Kaufmann Rudolf Knoop aus Köln und Justitiar Walter Ahlburg aus Berlin zu übertragen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Fassade weitgehend zerstört, danach Knoop enteignet. Die Leipziger Konsumgenossenschaft eröffnete in dem notdürftig wieder aufgebauten Haus 1946 ein „Warenhaus des Friedens“. 1965 bis 1968 wurde das – im Zuge der Neugestaltung des gesamten Brühls – deutlich erweitert und modernisiert. Sogar eine neue Rolltreppe aus Schweden kam zum Einsatz.

Auf fünf Geschosse verteilt standen in der „Blechbüchse“ nun 11 500 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. Nur das Erdgeschoss und der Restaurant-Bereich ganz oben hatten Tageslicht. An der Rückseite waren ein Achtgeschosser für Lager und Verwaltung sowie ein Flachbau als Lebensmittelmarkt hinzugekommen. Fortan ließen 50 000 Kunden pro Tag etwa zwei Millionen DDR-Mark an den Kassen. Das Warenangebot galt als überdurchschnittlich gut für den Mangelstaat – zum Beispiel sangen öfter die Thomaner vor den insgesamt 1400 Mitarbeitern. Als Dank dafür, das der Chor dort einheitlich schwarze Schuhe bekam. Zum Service für die Kundschaft gehörten Dolmetscher, Kinderbetreuung, Zelt- und Fernseh-Verleih, sogar hauseigene Ärzte. „Immer sonnabends, bevor wir 9 Uhr öffneten, durften ganze Kinderheim-Besatzungen oder kinderreiche Familien herein und sich passende Bekleidung aussuchen. Sonst kam man ja schwer an schöne Sachen ran“, erzählte Ruth Ackermann aus Gohlis, die den Kundendienst leitete.

Allerdings heizte die Aluminium-Hülle im Sommer das alte Mauerwerk dahinter extrem auf. 2010 wurde das historische Kaufhaus abgerissen. Nur die „Blechbüchsen“-Fassade blieb, wurde ein Teil des Shopping-Centers „Höfe am Brühl“.

Von Jens Rometsch

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