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Lokales Leipzigs Braunkohle-Ausstieg sorgt für Zoff
Leipzig Lokales Leipzigs Braunkohle-Ausstieg sorgt für Zoff
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22:45 06.12.2018
Das Kraftwerk Lippendorf liefert bisher Strom und Fernwärme ins 15 Kilometer entfernte Leipzig.  Quelle: Patrick Moye
Leipzig

Von „nicht nachvollziehbar“ und „falsch“ bis hin zu „absolut richtig“ und „sinnvoll“ reichen die Reaktionen auf Leipzigs geplanten Bau eines neuen Gaskraftwerks. Die Stadt will ab 2023 keine Fernwärme mehr aus dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf beziehen und die benötigte Fernwärme selbst erzeugen. Der Vorstoß, den OBM Burkhard Jung (SPD) am Mittwoch verkündet hatte, ruft Zustimmung, aber auch heftige Gegenwehr hervor.

Man habe Jungs Idee mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, heißt es bei der Mibrag. Das mitteldeutsche Bergbauunternehmen appelliert an die Stadtverwaltung, das Konzept noch einmal ökologisch und wirtschaftlich mit der bestehenden Lösung zu vergleichen. Schließlich würden sich sowohl die CO2-Emissionen als auch die lokale Feinstaubbelastung durch ein zusätzliches Gaskraftwerk erhöhen.

Abwärme geht künftig ungenutzt in die Luft

„Die Zusicherung, dass die Umstellung keine finanziellen Auswirkungen auf die Bürgerinnen und Bürger haben wird, ist angesichts der hohen Investitionskosten und der hohen Gaspreise nicht nachvollziehbar.“ Die Mibrag gibt zugleich zu bedenken, „sollte die Stadt als Abnehmer ausfallen, müsste diese Abwärme zusätzlich über die Kühltürme an die Umgebung abgegeben werden“.

Ausstieg aus der Braunkohle: Ist der Leipziger Weg zur Klimarettung richtig?

Die Stadt will sich bis 2023 vom Kraftwerk Lippendorf abkoppeln und die Fernwärme künftig selbst produzieren. Eine gute Idee?

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„Aktuell haben wir mit dem Kraftwerk Lippendorf einen zuverlässigen Partner, der neben der Grundlast der Stromversorgung eben auch für rund 75 Prozent der Fernwärme für Leipzig zuständig ist“, sagt Norman Friske, Bezirksleiter der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Diese Wärme falle so oder so an. „Jetzt umzusteigen, bedeutet klimatechnisch keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung.“

Entsetzen in Neukieritzsch

Entsetzt über den Vorstoß des Leipziger Oberbürgermeisters regierte dessen Amtskollege in der Gemeinde Neukieritzsch, Thomas Hellriegel (CDU), auf dessen Gemarkung das Kraftwerk liegt. „Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Das ist volkswirtschaftlich und ökologisch der komplette Wahnsinn.“ Zudem komme der Vorschlag zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. „Es wäre besser abzuwarten, was bei der Kohlekommission rauskommt. Jetzt ist der Vorstoß doch Wasser auf die Mühlen all derer, die eine Ausstieg aus der Braunkohle fordern.“

Zustimmung bekommt Jung hingegen von seinem SPD-Parteifreund, Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig: „Uns allen ist klar, dass der Abbau der Braunkohle in Sachsen endlich ist und damit auch die Erzeugung der entsprechenden Fernwärme für Kommunen“, so Dulig. „Es ist daher nachvollziehbar, wenn sich die Stadt Leipzig bereits jetzt Gedanken macht und Alternativen plant.“

Kabinett in Dresden gespalten

Ganz anders sieht man das im Landwirtschaftsressort von Duligs Kabinettskollegen Thomas Schmidt (CDU): „Es ist kein Vorteil für die Umwelt zu erkennen, wenn die bisher für die Fernwärmeversorgung in Leipzig genutzte Prozessabwärme des Kraftwerkes Lippendorf bei gleichbleibender Stromerzeugung ab 2023 ungenutzt bleibt“, sagt Ministeriumssprecher Frank Meyer. „Insofern wäre das Vorgehen der Stadt Leipzig nur dann vorteilhaft, wenn es sich daran orientiert, wie lange das Kraftwerk Lippendorf noch in Betrieb sein wird.“

Auch Jan Hippold (CDU), Chef des Wirtschaftsausschusses im sächsischen Landtag, fordert die Stadt auf, ihren Schritt zu überdenken: „Das Kraftwerk Lippendorf ist eines der modernsten in Europa. In der Art und Weise auszusteigen, wie es die Stadt Leipzig jetzt angekündigt hat, ist der falsche Weg“, sagt Hippold. Momentan würden in der Kohlekommission sehr intensive Diskussionen über den Strukturwandel geführt werden. Dabei gehe es um Hilfen für die betroffenen Regionen. Die Mitarbeiter im Kraftwerk und in den Tagebauen bräuchten Verlässlichkeit.

Leag sieht Kraftwerk nicht in Gefahr

Thoralf Schirmer, Sprecher des Lippendorfer Kraftwerksbetreibers Leag, berichtet, dass man mit der Stadt gerade dabei war, über eine Vertragsverlängerung zu verhandeln. Allerdings nur bis 2030 – „damit die Stadt dann über einen Ausstieg nachdenken kann“. Schirmer weiter: „Offensichtlich will die Stadt jetzt aber sofort den Schlussstrich ziehen.“ Einen Beitrag zum Klimaschutz erreiche sie damit aber keineswegs, sondern das Gegenteil. „Die Kohleverstromung läuft weiter, der Bedarf ist da und wird sich so schnell auch nicht ändern.“

Wirtschaftlich schmerze es, Leipzig als Fernwärmeabnehmer zu verlieren. Weitere Kunden sind nur die Stadt Böhlen und die Gemeinde Neukieritzsch – und Ersatz für Leipzig werde es kaum geben. Aber existenzbedrohend sei das für das Kraftwerk mit seien 320 Mitarbeitern nicht, bekräftigte Schirmer seine Aussagen vom Vortag. „Unser Hauptgeschäft ist Strom. Und der wird auch so bezahlt, dass es auskömmlich ist.“ Wer gehofft habe, mit dem Fernwärme-Aus sei auch das Kraftwerk am Ende, habe sich getäuscht. „Diese Rechnung geht nicht auf.“

Stadtwerke planen weitere Kraftwerke

Ob der Bau eines neuen Gaskraftwerkes für Leipzig Sinn macht, das könne man nicht kommentieren, heißt es beim Verband Kommunaler Unternehmen (VKU). Grundsätzlich passe die Entscheidung aber in eine Reihe ähnlicher Projekten. „Ein Brennstoffwechsel ist richtig und wichtig, damit die Energiewende im Land gelingen kann“, sagt ein VKU-Sprecher. Bei der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) könne Leipzig zudem auf staatliche Förderung setzen, „weil Strom und Wärme zusammen besonders effizient und damit relativ klimafreundlich erzeugt werden“. Es sei durchaus auch sinnvoll, zusätzliche Speichermöglichkeiten vorzuhalten oder Biogas zu verbrennen.

Beides hat die Messestadt geplant, wie die Leipziger Stadtwerke mitteilen. 5700 Gebäude hängen in der Stadt an der Fernwärme. Neben dem Bau des 150 Millionen Euro teuren Kraftwerks will die Stadt bis 2030 weitere 150 Millionen Euro für vier neue Blockheizkraftwerke (vier wurden in jüngerer Vergangenheit bereits errichtet), in neue Speicher und in die Nutzung von Solarthermie investieren. Auch soll ein Biomassekraftwerk gebaut werden.

In Zeiten der Energiewende gehe Leipzig den richtigen Weg, sagt auch Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Braunkohle hat in Deutschland keine Zukunft. Die Kommunen müssen sich entscheiden.“ Für die DIW-Expertin ist der Umstieg von Kohle auf Gas energiepolitisch wie ökologisch sinnvoll.

Biogaslieferant winkt ab

Biogas zu verheizen ist ein teurer Spaß. Auf dem Markt ist es laut einem Experten dreimal teurer als Erdgas. „Das Gas, das wir aus Stroh herstellen, ist viel zu schade, um es zu verheizen“, heißt es bei der Vereinigte Bioenergie AG (Verbio). Bereits seit sechs Jahren stelle die Firma mit Sitz in Leipzig in zwei Pilotanlagen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg reines Biogas aus Stroh her, 2019 soll in Pinnow bei Schwedt die erste große Anlage in Betrieb gehen.

Technisch könnte das Gas auch in einem Heizkraftwerk verfeuert werden, sagt Verbio-Sprecherin Ulrike Kurze. „Der Effekt als Kraftstoff ist aber viel größer.“ Verbio konzentriert sich daher darauf, das Strohgas als Diesel-Ersatz für Lkw zum Einsatz zu bringen.

Erdgas vor allem aus Russland könnte dagegen der Leipziger Großhändler Verbundnetz Gas (VNG) liefern, und zwar „langfristig und zuverlässig“, wie ein Sprecher sagt. Das sorge auch für eine „hervorragende CO2 -Bilanz“. Billig werde aber auch das nicht, gibt Gewerkschafter Friske zu bedenken. „Fernwärme durch Gas ist unbestritten teurer als aus Lippendorf.“ Die Mehrkosten könnten allenfalls durch Fördermittel ausgeglichen werden. „Hier zählt der Steuerzahler doppelt drauf. Das darf so nicht passieren.“

Von Andreas Dunte und Frank Johannsen

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