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Leipzigs Klinikchef über erste Trends der Langzeitstudie Life Child

Gesundheitsforschung für Kinder Leipzigs Klinikchef über erste Trends der Langzeitstudie Life Child

Schwerpunkte in der Gesundheitsforschung für Kinder und Jugendliche sind Gegenstand einer Tagung, zu der Sachsens Wissenschaftsministerium geladen hat. Der Direktor der Leipziger Uni-Kinderklinik spricht unter anderem daüber, was Kinder krank macht.

Hat bei Life Child bereits Trends in der Entwicklung der Kindergesundheit ausgemacht: Prof. Wieland Kiess (3.v.l.).
 

Quelle: Stefan Straube/UKL

Leipzig. Was macht Kinder und Jugendliche krank – und was wieder gesund? Das ist für eine Tagung mit Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange am 28. Juni in der Berliner Vertretung des Freistaates die Kardinalfrage. Wo es künftig sozusagen lang gehen muss in der Gesundheitsforschung für den Nachwuchs soll dabei erörtert werden. Initiator und einer der Hauptreferenten: Professor Wieland Kiess. Der Direktor der Leipziger Uni-Kinderklinik wird diesbezüglich erste Trends beisteuern, die die 2011 bis 2021 in der Messestadt laufende, große Langzeitstudie Life Child mittlerweile zutage förderte – und die zugleich richtungsweisend für künftige Forschungen sein dürften. Immerhin sind bei Life Child – einem Projekt des Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen der Uni-Medizinfakultät – rund 3970 junge Probanden, vom Ungeborenen bis zum Jugendlichen, sowie 2867 Eltern und 699 schwangere Frauen einbezogen worden. Kiess, der chefmäßig den Hut für das Ganze auf hat, hat dabei unter anderem folgende Aspekte auf der Kongress-Agenda:

„Beispielsweise konnten wir bei Life Child bereits dokumentieren, dass die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Belastung bei Kindern steigt, je häufiger sie mit Smartphone, Internet, Tablet, also sprich mit elektronischen Medien zugange sind. Je mehr die Kinder ihre Zeit damit verbringen, desto schlechter werden sie auch in der Schule“, so Kiess. Was vielen wiederum seelisch zu schaffen mache. Das Auftauchen psychischer Probleme beim Nachwuchs lasse sich zudem mittlerweile auch in den Kontext mit dem Einkommen der Eltern bringen, sagt Kiess: „In Haushalten mit schmalem Budget leiden Mädchen und Jungen oftmals ebenfalls seelisch, wie wir bisher registrieren konnten.“

Und: „Die Tatsache, dass Kinder heute schon beizeiten so viele elektronische Medien konsumieren, etwa stundenlang aufs Smartphones blicken, führte bereits dazu, dass immer mehr Sprösslinge schon früh Brillen tragen“, fügt Kiess hinzu. Das Wachstum des kindlichen Auges hänge vom Üben ab, davon, dass es einen ständigen Wechsel zwischen in die Nähe und in die Ferne schauen gibt. „In Südostasien, wo man uns im Hinblick auf solch’ technische Errungenschaften ja schon Jahre voraus war, haben wir heute bereits das Phänomen, dass 90 Prozent aller Kinder kurzsichtig sind. Das ist nun auch Trend bei uns“, so der Professor.

Jugendliche mit hohem Blutdruck: „Da zeichnet sich für uns ein Zusammenhang zu den Schulen ab, die die Jugendlichen besuchen. Hauptschüler haben demnach öfter hohen Blutdruck als Gymnasiasten. Wobei das nichts über die Schulen aussagt!“, betont Kiess. Eher über den Personenkreis. „An Gymnasien treiben zum Beispiel einfach mehr Schüler wöchentlich Sport, sind überdies oft in Sportvereinen organisiert. Lebensumfeld und -gewohnheiten sind bei ihnen eher gesundheitsorientiert.“

Ebenso habe die Leipziger Großstudie bereits aufgezeigt, das Blutfette – die Verursacher von Herzinsuffizienz und Atherosklerose – bei Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen höher sind als bei jenen aus gutsituierten Familien. „Der Grund dafür ist auch hier offenbar eine Kombination aus ungesundem Ernährungsverhalten, mangelnder körperlicher Bewegung…“, denkt Kiess.

In puncto Knochengesundheit hätten die Life Child-Wissenschaftler gleichfalls einen Wandel ausgemacht. Hervorgerufen durch einen zunehmenden Vitamin D Mangel. „In Australien und Brasilien zum Beispiel ist Rachitis – eine Störung des Knochenstoffwechsels, die im Kindesalter auftritt und durch diesen Vitaminmangel verursacht wird – inzwischen zum größten Gesundheitsproblem bei Kindern geworden. Ihr Knochen sind zunehmend bruchanfällig. Die Hälfte der Kinder leidet dort daran“, holt Kiess hierzu aus. „Nun könnte man meinen, das seien doch zwei Länder, die viel Sonnenschein haben, aus dem der Körper das Vitamin bezieht. Nur: Dort hält die Jugend eben auch zunehmend wenig von viel Bewegung an der frischen Luft, sondern sitzt wie bei uns lieber zuhause und spielt mit dem Smartphone. In Australien kommt noch dazu, dass dort offiziell massiv vor Hautkrebs gewarnt wird, die Leute sollen sich fern halten und lieber daheim bleiben. Mit dem Ergebnis, dass da jetzt wirklich weniger Kinder Hautkrebs kriegen, aber allgemein inzwischen ein erhöhtes Knochenbruch-Risiko haben. Alarmiert durch solche Fakten, widmen wir uns daher in der Langzeitstudie nun speziell auch der Vitamin D-Mangelerscheinung – als erste in Deutschland überhaupt. Rund 3500 Kinder und Jugendliche beziehen wir in diese Untersuchungen ein.“

Nicht zuletzt zeige sich ein Zusammenhang zwischen Kindergesundheit und Umweltgiften. „Wir Mediziner von der Universität Leipzig und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig-Halle – namentlich Professor Martin von Bergen – untersuchen gerade gemeinsam, wie sich der Einfluss von Chemikalien direkt auf die kindliche Entwicklung auswirkt“, so Kiess weiter. Insbesondere Weichmacher beziehungsweise Plastik, die in der Schwangerschaft aufgenommen werden, könnten Langzeitfolgen für den Stoffwechsel der Kinder, ihre Gewichts- und neurologische Entwicklung und ihre Intelligenz heraufbeschwören. Und auf ihre spätere Fertilität. Kiess bemüht ein Beispiel: „Vor 20 Jahren etwa hatten Wissenschaftler mal herausgefunden, dass die Eier der Raubvögel immer brüchiger und somit auch immer weniger Junge ausgebrütet werden können. Man hatte den Nachweis erbracht, das dies dem wachsenden Einfluss umweltschädigender Chemikalien geschuldet ist. Das holt womöglich jetzt auch die Menschheit ein. An solchen Dingen muss man dran bleiben, das unbedingt weiter erforschen – um letztlich Strategien zu entwickeln, dem gegenzusteuern“, sagt Kiess und merkt zugleich an, dies sei nur eines von vielen Beispielen, „wie sehr hier die Zusammenarbeit zwischen uns Ärzten und Chemikern sprich Wissenschaftlern unverzichtbar wird“.

Generell, so Kiess abschließend, gehe es in der Forschung zur Gesundheit der Jüngsten heute also nicht mehr allein darum, Prävention und Behandlung von Kinderkrankheiten zu verbessern. „Längst sind es auch soziale und psychologische Faktoren, die das Wohlbefinden von Kinder beeinflussen können, und muss das Augenmerk auch darauf gerichtet werden.“

Von Angelika Raulien

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