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Leipzigs Kulturbürgermeister Faber will eine zweite Amtszeit

Lokalpolitiker im Interview Leipzigs Kulturbürgermeister Faber will eine zweite Amtszeit

Michael Faber (54) steht am Ende seiner ersten Amtszeit. In der Linken ist Skadi Jennicke für seine Nachfolge im Gespräch. Gegenüber der LVZ kündigt Faber nun indes an, sich auch selbst wieder auf die jüngst erfolgte Ausschreibung bewerben zu wollen. Darüber, über das Kulturjahr 2015, seine Amtszeit und Pläne für die Zukunft spricht Faber im Interview.

Sieht Leipzigs Kultur gut aufgestellt und blickt trotz unsicherer politischer Zukunft gut gelaunt ins neue Jahr: Bürgermeister Michael Faber.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Michael Faber (54) steht am Ende seiner ersten Amtszeit. Im kommenden Jahr wählt die Ratsversammlung einen neuen Bürgermeister. Dass die Linken an Faber festhalten, gilt keineswegs als sicher. In der Partei ist Skadi Jennicke für seine Nachfolge im Gespräch. Gegenüber der LVZ kündigt Faber nun indes an, sich auch selbst wieder auf die jüngst erfolgte Ausschreibung bewerben zu wollen. Darüber, über das Kulturjahr 2015, seine Amtszeit und seine Pläne für die Zukunft spricht Faber im Interview.

Was denken Sie, wenn Sie an den verstorbenen Kurt Masur denken?

Kurt Masur war prägend für die Stadt. Das sichtbarste Zeugnis ist der Bau des neuen Gewandhauses. In seinen 26 Jahren als Gewandhaus-Kapellmeister hat er zwei Generationen in Leipzig musikalisch beeinflusst. Ein besonderes Verdienst ist, dass er das Werk Mendelssohns wieder in die großen Konzerthäuser gebracht hat – ähnlich wie Leonid Bernstein die Sinfonien Mahlers. Sein Einfluss, sein Werk reicht aber weit über Leipzig hinaus: Auch in New York, in London und Paris machte er Furore. Er war ein ganz Großer. Dazu kommt seine Rolle im Herbst 89, der die Stadt viel verdankt.

Sie haben ihn damals im Stadtfunk gehört...

Ja. Meine Erinnerung geht aber noch weiter zurück. Es war wohl 1972, ich war Grundschüler. Er hat die berühmten Schülerkonzerte in der Kongreßhalle gemacht. Ich erinnere mich, wie er damals in einem Konzert – ich glaube, es war die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg – das Fagott erklärte. Für mich war das das erste wirkliche, intensive Erlebnis mit klassischer Musik. Kulturelle Bildung, kulturelle Grundsozialisation, waren ihm immer ein großes Anliegen. Es kommt nicht von ungefähr, dass im Neuen Gewandhaus die große Malerei von Sieghard Gille und viele andere Gemälde in den Foyers hängen. Er war nie eng in seiner Anschauung, er hat das Zusammenspiel der Künste gesucht. Und es war für ihn selbstverständlich, dass man nicht nur Musiker, Interpret oder Dirigent ist, sondern auch Staatsbürger – mit Pflichten.

Ihre erste Amtszeit endet 2016. Die Ausschreibung ist raus. Haben Sie sich schon beworben?

Nein, ich werde das Anfang Januar aber tun. Ich habe große Lust darauf, weiterzumachen.

Fühlen Sie sich mit diesem Anliegen von den Linken hinreichend unterstützt?

Es hat sich sicher herumgesprochen, dass es in der Fraktion ein anderes Denken – mit einem veränderten Kandidatenvorschlag gibt. Es hat Gespräche gegeben, und es wird sicher Anfang des Jahres noch weitere geben. Ich kann das zurzeit nicht kommentieren. Mich hat die Situation eine Zeitlang bedrückt und sehr nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt, wo die fachliche Kritik ist. Ich habe aber auch aus anderen Fraktionen Ermutigung erfahren, mich wieder zu bewerben und will das gerne tun.

Welcher fachlichen Kritik würden Sie sich denn annehmen?

Es gab keine fachliche Kritik.

Was wäre Ihre Strategie für die nächsten Jahre?

Auf alle Fälle möchte ich natürlich das Begonnene zum Abschluss bringen. Vor allem das Naturkundemuseum in der Halle 7 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei mit implementiertem Theaterhaus. Das Museum soll 2019/2020 eröffnen, das Theaterhaus schon Mitte 2017. Diesen Prozess möchte ich begleiten – einschließlich der im kommenden Jahr erfolgenden Ausschreibung der Direktorenstelle für das Naturkundemuseum. Wir haben viel zu leisten im Bereich der sozialen, kulturellen Integration von Flüchtlingen. Und ich möchte, dass die Bibliothekslandschaft mit dem neuen Bibliotheksentwicklungskonzept noch stärker nach außen wirkt. In Reudnitz und Gohlis sind wir in Einkaufzentren gegangen. Es hat geklappt: Wir haben Menschen neugierig gemacht, die sonst nicht in Bibliotheken gehen. Wir wollen eine Klientel erreichen, die uns bislang etwas ferner ist. Das ist ein wichtiger Auftrag – für Oper und Schauspiel genauso. Wir können nicht genügsam sein. Die Gesellschaft ändert sich, wir wollen alle partizipieren lassen. Der Kulturentwicklungsplan ist dafür der Rahmen. Im Moment ist die Fortschreibung bis 2020 in Vorbereitung. Über die Weihnachtsferien werde ich das Papier abschließend bearbeiten.

Was wird daran neu sein?

Ein Schwerpunkt ist, mehr Verbindungen zwischen den Einrichtungen zu schaffen – egal, ob es städtische Einrichtungen sind oder ob sie vom Bund, vom Land oder einem Anderen getragen werden. Gemeinsam können wir noch mehr Wirkkraft entfalten. Außerdem berücksichtigt der Entwicklungsplan, dass Leipzig inzwischen eine wachsende Stadt ist.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Oberbürgermeister?

Gut.

Er hatte Ihnen ja zwischenzeitig die Zuständigkeit für die Hochkultur entzogen. Seit Mitte 2014 haben Sie sie zurück. Was haben Sie mit diesem Bereich seitdem gemacht?

Die Entwicklungen der Repertoires, der Zuschauerzahlen und der Erlöse sind noch besser geworden. Perspektivisch versuche ich, die Strukturen sicherzustellen. Wir wollen mit einer Rahmenvereinbarung für die Eigenbetriebe absichern, dass jegliche Tarifentwicklung in den nächsten Jahren städtisch mitgetragen und in den Etats abgebildet wird, dass also der künstlerische Etat unangetastet bleibt.

Der Kulturetat müsste dann in Summe steigen.

Ja. Die Tarifsteigerungen waren auch ein wichtiges Argument bei der Evaluierung des Sächsischen Kulturraumgesetzes, bei der ich neben Leipzig auch die Städte Dresden und Chemnitz vertreten habe. Im Januar werde ich im Kulturausschuss des Landtags dafür werben, die Kulturraummittel weiter zu erhöhen.

Wie wollen Sie die Strukturen fit für die Zukunft machen, wo wollen Sie sparen, wo kann gestrafft werden? Die CDU fordert, die Verwaltungen von Oper, Musikalischer Komödie und Schauspiel zusammenzulegen.

Ich bin überzeugt, dass wir eine sehr effiziente Grundstruktur haben und bin daher kein Freund einer solchen Strukturreform. Auch die umfängliche Untersuchung durch die Beratungsfirma „actori“ hat ergeben, dass die Eigenbetriebe Kultur sehr gut aufgestellt sind. Zum CDU-Vorschlag, das Gewandhaus in eine Stiftung zu überführen, liegt mir noch kein Prüfergebnis vor. Ich will dem nicht vorgreifen; man sollte als Verwaltung offen sein. Aber was wir erreicht haben, ist gelungen, weil wir eine sehr gute Struktur aufgebaut haben. Wir haben ja in den vergangenen Jahren auch Stellen gekürzt.

Wie viele?

In der Oper zum Beispiel etwa 60 Stellen seit 2007/08. Das ist nicht wenig. Im Bach-Archiv wurden die Personalstrukturen auch verändert. Wir müssen in bestimmten Abständen alles durchleuchten. Wichtig sind für mich dabei die Erfahrungen, die in anderen Städten gemacht worden sind und über die wir uns auf Bundes- und Landesebene austauschen. Auch internationale Erfahrungen fließen zum Beispiel über die Mitarbeit der Stadt im Kulturforum des Städtenetzwerks „Eurocities“ ein.

Was war 2015 für ein Kulturjahr?

Der Abschied von Georg Christoph Biller als Thomaskantor war ein Paukenschlag; es war ein Abschied mit Schmerz. Biller war sehr stilprägend, er hat aus dem Chor wieder eine große Einheit geformt – was sehr schwierig ist, da sich der Chor ständig verändert. Denn jedes Jahr scheiden die Zwölftklässler aus und die Viertklässer kommen neu in den Chor. Ich habe großen Respekt vor seiner Leistung. Die Suche nach einem Nachfolger läuft; ich hoffe, dass wir im Mai Klarheit haben. Wichtige Personalentscheidungen gab es auch in einigen anderen Einrichtungen: Dass wir Andris Nelsons als neuen Gewandhauskapellmeister bekommen haben, ist ein großer Coup. Eine andere wichtige Personalie ist die Neubesetzung des Direktorenpostens der Volkshochschule mit Heike Richter-Beese.

Welche Entwicklungen der kulturellen Infrastruktur waren besonders bedeutend?

Der Stadtrat hat den Planungsbeschluss für die Zweitspielstätte des Schauspielhauses gefasst. Ich hoffe, dass im Februar der Finanzierungsbeschluss folgt. Das Schauspielhaus braucht zwingend die Kammerbühne. Schon jetzt sind wir trotz der Provisorien sehr erfolgreich: Moderne Stücke, Autorenentdeckungen, Experimente. Mit der neuen Bühne werden wir noch mehr Zuschauer dafür interessieren können.

Und sonst?

Ein bedeutendes Kapitel ist die Entwicklung des Naturkundemuseums. Mit der Revitalisierung eines Industriebaus auf der Baumwollspinnerei haben wir eine klasse Chance, die dank Fördermitteln auch finanziell zu stemmen wäre. Das Gelände hat – auch international – eine große Anziehungskraft entwickelt. Davon kann das Naturkundemuseum profitieren. Außerdem liegt es am Übergang von Plagwitz nach Grünau – ein großer Einzugsbereich. Zusätzlich können wir dort ein neues Theaterhaus für die Freie Szene unterbringen – für das Leipziger Tanztheater und das Off-Theater Lofft. Der Fachausschuss Kultur setzt sich schon seit langem für ein Theaterhaus ein. Profitieren würde auch das Theater der Jungen Welt. Es würde auf der Baumwollspinnerei zusätzliche Probenräume bekommen und hätte nach dem Auszug des Lofft zudem das ganze Haus am Lindenauer Markt zur Verfügung. All das muss nun der Stadtrat entscheiden. Erwähnen möchte ich noch die Sanierung der Kongreßhalle, die der Zoo im Auftrag der Stadt realisiert hat. Das war eine harte Nuss. Aber es ist gelungen, und wir haben dieses wunderbare Haus wieder zum Leben erweckt.

Das klingt ja nach einer durchweg positiven Bilanz. Was hat denn nicht geklappt?

Ich hatte in meiner Amtszeit schon kompliziertere Jahre. 2015 war durch die wirtschaftliche Bilanz der Stadt ein sehr gutes Jahr. Generell hat sich die Kultur in den letzten Jahren gut entwickelt. Ein Beispiel dafür ist die Förderung der freien Kultur, die wir in den letzten Jahren kontinuierlich aufgestockt haben. Ab 2016 wird dieses Budget jährlich um 2,5, Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesteigert. Außerdem ist es uns gelungen, die Infrastruktur zu sichern. Nehmen Sie zum Beispiel die großen Sanierungsleistungen in Gewandhaus, Oper, Musikalische Komödie. Jetzt muss noch das Naturkundemuseum kommen. Dann kann man eigentlich sagen: Diese Stadt ist dufte aufgestellt.

In Plagwitz entsteht noch eine neue Stadtteilbibliothek.

Ja, der Standort am Felsenkeller wird 2016 komplett modernisiert. Neben der Bibliothek in der Südvorstadt ist es die am meisten besuchte.

Damit sind wir schon im neuen Jahr. Da stehen auch Jubiläen an.

2016 erinnern wir an den 100. Todestags Max Regers und den 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz. Beide waren prägende Figuren für Leipzig. Reger wollen wir als vielseitigen Komponisten ins öffentliche Bewusstsein rücken – eben nicht nur als Orgel-Komponisten. Und Leibniz, den letzten Universalgelehrten, der ja in Leipzig geboren wurde, werden wir zusammen mit den wissenschaftlichen Einrichtungen unserer Stadt würdigen. Aber wir versuchen auch, ihm kulturell näher zu kommen: Unsere Partnerstadt Hannover, wo er verstorben ist, hat einen Kompositionswettbewerb ausgerufen. Nach der Uraufführung in Hannover werden wir auch hier bei uns Kompositionen aus diesem Wettbewerb aufführen.

Von Björn Meine

Leipzig, Neues Rathaus 51.336255 12.372555
Leipzig, Neues Rathaus
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