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Leipzigs Planer entwickeln neue Verkehrskonzepte

Der Verkehr der Zukunft Leipzigs Planer entwickeln neue Verkehrskonzepte

Im Rathaus steht bei den städtischen Ausgaben der Bau von Kitas und Schulen ganz oben. Noch nicht herumgesprochen hat sich, dass eine Stadt mit 720 000 Einwohnern auch eine deutlich leistungsfähigere Verkehrsinfrastruktur benötigt. Die ersten Ideen liegen jetzt dafür auf dem Tisch.

Autos ohne Ende – hier in der Jahnallee. In Zukunft wird es im Stadtgebiet noch mehr Autos geben, denn viele Neu-Leipziger bringen Autos mit. Die Stadt will gegensteuern.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Leipzig platzt aus allen Nähten. Jedes Jahr lassen sich über 10 000 Menschen neu nieder; im Jahr 2030 könnten hier rund 720 000 Leipziger leben. Es braucht neue Wohnungen, Kitas, Schulen und Verkehrsadern. Die LVZ zeigt in einer Serie, wie Deutschlands größte Boomtown die Weichen für ihre Zukunft stellt. Heute: das Verkehrs- und Tiefbauamt.

Volkmar Otto sieht fast jeden Tag, wie das Straßennetz überquillt. Denn der 58-Jährige ist Sachgebietsleiter Lichtsignalsteuerung des Verkehrs- und Tiefbauamtes und arbeitet in Leipzigs Verkehrsmanagementzentrale in der Schützenstraße. Dorthin übertragen Videodetektoren Bilder von rund 70 Ampeln auf einen Riesen-Monitor: Fast immer ist zu sehen, wie sich Fahrzeuge dicht an dicht drängen.

Wegen der schnell zunehmenden Zahl von Baustellen müssen die Verkehrsexperten der Stadt immer häufiger in den zentralen Verkehrsrechner eingreifen und Sonderprogramme schreiben. „Die Kollegen vom Baustellenmanagement wissen dann häufig nicht mehr, wie sie den Verkehr umleiten sollen“, erzählt Otto. Denn in den meisten Leipzigs Straßen ist die Leistungsgrenze bereits erreicht.

In Zukunft wird das noch schwerer. Denn mit den vielen Neu-Leipzigern kommen noch mehr Autos in die Stadt. Ottos Kollegen arbeiten schon seit Monaten die neuen Struktur-Daten in den Verkehrsrechner ein, um ihre Verkehrsprognosen zu aktualisieren. „Im nächsten Jahr sind wir fertig und können sehen, wo Straßen erweitert oder neu gebaut werden müssen“, sagt Ottos Chef Michael Jana, Leiter des Verkehrs- und Tiefbauamtes.

Jana weiß schon heute, dass sich die Verkehrsprobleme im Jahr 2030 nicht mit mehr Straßen lösen lassen. „Im großen Stil ist kein Straßenbau möglich“, sagt er. Dafür fehle es an Platz und Geld. Nur „hier und da“ müsse über neue Trassen nachgedacht werden. Den größten Teil des zusätzlichen Verkehrsaufkommens müsse der öffentliche Nahverkehr schultern – mit zusätzlichen Bus- und Straßenbahnlinien und dichteren Fahrtakten. „Bis eine neue Straße oder Straßenbahntrasse fertig ist, vergeht viel Zeit“, betont Jana. „Was wir 2030 nutzen wollen, müssen wir im nächsten Jahr auf den Weg bringen.“

Die Aufgabe, die auf Leipzigs Planer zukommt, ist riesig. Denn wenn im Jahr 2030 rund 160 000 Menschen mehr in der Stadt leben, müssen bis dahin rund 80 000 Wohnungen gebaut werden. Nur ein Teil dieser neuen Häuser kann in der aktuellen Kernstadt entstehen – weil dort bereits jetzt die letzten Baulücken verschwinden. Besonders viele Bauflächen sind derzeit in Ortsteilen wie Lindenthal, Plaußig und Portitz geplant, die aktuell nur bescheiden mit Nahverkehrsanbindungen ausgestattet sind. Der Amtsleiter hofft deshalb, dass Leipzigs Stadtplaner neue Siedlungen möglichst dicht an bestehenden Nahverkehrstrassen bauen.

Doch auch in der Kernstadt wird es Probleme geben: Wenn dort die letzten Brachflächen mit neuen Wohnhäusern bebaut sind, wird der Kampf um die knappen Stellplätze noch härter. Feuerwehren, Rettungsdienste und die Stadtreinigung kommen immer schwerer durch, weil zu viele Autos im Weg stehen.

Die Stadt will deshalb in Zukunft immer mehr Parkflächen bewirtschaften. Nach dem Vorbild des Waldstraßenviertels sollen Anwohner Vorrang erhalten. In Vierteln mit hohem Besucherverkehr durch Pflegedienste, Handwerker und Lieferanten werden aber auch zeitlich befristete Lösungen erwogen. Zum Beispiel so: Flächen, auf denen tagsüber Dienstleister parken, werden abends und nachts von Anwohnern genutzt. „Es gibt nicht die eine Lösung für alle“, sagt Amtsleiter Jana. „Ab 2017 schauen wir uns nach und nach die Stadtviertel an und entwickeln dort passende Bewirtschaftungskonzepte.“

In ländlichen Stadtgebieten, wo besonders viele Leipziger mit Autos unterwegs sind, soll der Nahverkehr ausgebaut werden. „Um die Pendlerströme in die Stadt zu reduzieren, müssen wir bei unserem Nahverkehr zunehmend regional denken“, so Jana.

Doch so einfach ist das nicht. Denn ein attraktiver Nahverkehr ist teuer – und das Geld dafür ist nicht da, weil im Rathaus der Investitionsschwerpunkt auf dem Bau neuer Kitas und Schulen liegt. So fehlen schon jetzt die Mittel für wichtige Neubau- und Instandhaltungsprojekte. Bislang ist zum Beispiel immer noch nicht klar, wie die Stadt ihren Eigenanteil für die bereits öffentlich angekündigte neue Straßenbahnanbindung Mockau-Nord aufbringen wird. „Wir sind dabei, die benötigen Mittel zusammenzustellen“, erklärt Jana.

Doch dieses „Zusammenstellen“ bedeutet nur, dass Prioritäten verschoben werden – für den Neubau der Mockauer Trasse bleiben also andere notwendige Verkehrsprojekte auf der Strecke. Zum Beispiel die überfällige Erneuerung der beiden Georg-Schwarz-Brücken. „Spätestens 2021 müssen wir dort bauen, sonst müssen wir die Konstruktionen abtragen“, beschreibt Jana die prekäre Lage. Auch der Anschluss des S-Bahnhaltepunkts Connewitz an die Brücke Klemmstraße scheitert seit Jahren daran, dass die Stadt ihren finanziellen Anteil dafür nicht aufbringen kann. Längst überfällig ist auch die grundlegende Sanierung des 1700 Kilometer langen Leipziger Straßennetzes. „Bei der Straßeninstandsetzung haben wir einen riesigen Nachholbedarf“, räumt der Amtsleiter ein. „Aber derzeit haben wir eine gute Fördermittellage und können vieles in Angriff nehmen.“

Was Jana nicht sagt: Noch immer ist der Verschleiß im Netz größer als die jährlichen Sanierungen, denn das Gros der Trassen stammt aus den 1950-er und 1980-er Jahren und hat mittlerweile eine schlechte Substanz. „Wenn wir die Verkehrsinfrastruktur für 720 000 Einwohner schaffen wollen, müssen wir dafür spätestens ab 2019 deutlich mehr Mittel einplanen“, meint der Amtsleiter.

Jana & Co. setzen immer stärker auf sparsame Lösungen. Eine davon ist der Einsatz von modernster Informationstechnik für eine intelligente Verkehrsraumbewirtschaftung. Sogenannte nicht planbare Verkehrszustände sollen in Zukunft mit verkehrsabhängigen Ampeln entschärft werden. „Unser Verkehrsrechner soll die Belegung wichtiger Straße erfassen und dann ganze Straßenzüge in die entsprechend notwendigen Programme schalten“, skizziert Jana. „In einem Pilotprojekt haben wir auf der Strecke der Straßenbahnlinie 3 die Ampeln so geschaltet, dass sie in Abhängigkeit von der Fahrplantreue der Bahnen arbeiten. Kommt zum Beispiel am Listplatz die Bahn zu früh, wird die bevorrechtigte Schaltung für den Nahverkehr unterbrochen und die Autos können fahren.“

Technisch möglich sind auch Schaltungen, die Rettungsdiensten bevorzugt Grün gewähren. Aktuell wird ein Pilotprojekt vorbereitet, bei dem die Ampeln ganzer Straßenzüge in Abhängigkeit von Lärm und Schadstoffaufkommen geschaltet werden – sind die Werte zu hoch, wird die Zufahrt gedrosselt oder sogar komplett gesperrt und eine Umleitung ausgewiesen.

Die Aufrüstung der Verkehrsmanagementzentrale soll im nächsten Jahr angegangen werden und in fünf Jahren abgeschlossen sein. Danach erhalten Autofahrer in Leipzig auch deutlich mehr aktuelle Informationen über die Verkehrslage via Internet und Radio.

Auf ihrer Suche nach preisgünstigen Investitionen mit großen Effekten sind Leipzigs Verkehrsexperten auch auf die Rad- und Fußwege der Stadt gestoßen. Neue Ortsteilverbindungen und Schulwege für Radfahrer sollen kürzere Wege möglich machen – und so ebenfalls Straßen entlasten. Nächstes Jahr soll in Heiterblick ein Radweg vom S-Bahn-Haltepunkt bis nach Portitz entstehen, in der Landsberger Straße von der Südtangente bis zum Möckernschen Weg und an der Schönauer Allee von der Heinrich-Heine- bis zur Merseburger Straße.

Handlungsbedarf gibt es auch in Leipzigs Innenstadt. Sie muss großstädtischer und flächenmäßig größer werden, wenn die Einwohnerzahl auf 722 000 Leipziger schnellt. Die City werde nach Norden über den Ring mindestens bis zum Hauptbahnhof wachsen müssen, meinen Experten. Im Süden sei die Ausdehnung ins neue Markhallenviertel auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz absehbar und nach Westen in die Gottschedstraße – all das funktioniert aber nur, wenn die Fahrspuren des Innenstadtrings durchlässiger werden. „Die Reduzierung des Autoverkehrs auf dem Ring ist ein Thema für die Zukunft“, sagt Jana. „Aber das kann nicht ohne Betrachtung des gesamten Verkehrsnetzes geschehen.“

Der Amtsleiter denkt dabei vor allem an Leipzigs Tangentenviereck. Er will es leistungsfähiger machen und so den Verkehr auf dem Promenadenring reduzieren. In einem ersten Schritt wird die Kreuzung Wundt-/Kurt-Eisner-Straße/Schleußiger Weg ausgebaut – so dass dort alle Straßenbeziehungen möglich werden. „Wir untersuchen das zurzeit und wollen es im nächsten Jahr umsetzen“, sagt er.

Auch die Pläne, westlich des Hauptbahnhofs ein neues Wohnviertel zu etablieren und die Notwendigkeit, den LVB-Haltestellenkomplex vor dem Hauptbahnhof auszubauen, machen neue Lösungen notwendig, die den Ring von Verkehr entlasten. „Während der Fußball-WM 2006 und Leipzigs Olympiabewerbung war ja schon einmal angedacht, durch die Untertunnelung der Gerberstraße im Zuge der Berliner Straße/Parthenstraße den Bereich vor dem Hauptbahnhof zu entlasten“, denkt der Amtsleiter laut nach. Damals sollten die Autoströme über Gerberstraße, Berliner Straße, Berliner Brücke, Rackwitzer sowie Brandenburger Straße auf den Georgiring geleitet werden.

Von Andreas Tappert

Leipzig. Schützenstraße 51.3424312 12.3843033
Leipzig. Schützenstraße
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