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Leipzigs Schulsozialarbeiter: Erfolg nicht an Abbrecherquote messen

Steuerungskonzept wird erarbeitet Leipzigs Schulsozialarbeiter: Erfolg nicht an Abbrecherquote messen

Leipzig gehört zu den Städten mit der höchsten Schulabbrecherquote und muss mehr dagegen tun. Dabei wird immer mehr auf Sozialarbeiter gesetzt, die es richten sollen. Das Jugendamt arbeitet an einem Steuerungskonzept, um ihre Arbeit zu bewerten. Sozialarbeiter wehren sich aber, dass die Schulabbrecherquote im Vordergrund steht.

Schulsozialarbeiterin Marit Sammet vom Diakonischen Werk der Inneren Mission Leipzig in der Kurt-Biedermann-Schule in Grünau.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Leipzig gehört zu den Städten mit der höchsten Schulabbrecherquote und muss mehr dagegen tun, da sind sich die Stadträte einig. Dabei wird immer mehr auf Sozialarbeiter geschielt, die es richten sollen. Das Jugendamt arbeitet – im Auftrag des Stadtrates – an einem Steuerungskonzept. Dessen erster Entwurf, den Erfolg von Schulsozialarbeit in erster Linie an der Quote von Abbrechern und Verweigerern zu messen, ist aber wieder in der Schublade verschwunden. Die Debatte, was Schulsozialarbeit leisten kann, hingegen nicht. „Den Erfolg unserer Arbeit nur am Schulerfolg zu messen, wird diesem vielschichtigen Arbeitsfeld nicht gerecht“, sagt Rocco Thiere (40), der an der Adolph-Diesterweg-Förderschule arbeitet. Schulsozialarbeit gilt längst als Qualitätsmerkmal einer Bildungsstätte, wird von allen Eltern als selbstverständlich gefordert. In Leipzig gibt es dafür 62 Frauen und Männer an 59 Grund- sowie Förderschulen und Oberschulen sowie Berufsschulzentren, die in Regie von Freien Trägern der Jugendhilfe sind. Die Schulsozialarbeiter aller Träger haben sich in einem offenen Arbeitskreis zusammengeschlossen.

„Die Arbeit mit schulmüden Kindern und Jugendlichen ist nur ein Teilaspekt“, erzählt Katharina Kramer (34), die für den Internationalen Bund an der 68. Oberschule arbeitet. Wichtig sei vor allem, Vertrauen zu den Kindern und Jugendlichen aufzubauen, damit diese mit den kleinen und großen Problemen kommen. Dazu gehöre ständige Beziehungsarbeit und Verlässlichkeit. Irgendwann erzählt dann auch ein Mädchen von Nöten mit dem Stiefvater, der sie vielleicht bedrängt. Dann wird Hilfe mit Experten vermittelt, die die Schulsozialpädagogen alleine nicht bieten können. „Wir suchen dann die geeignete Hilfe, etwa mit dem Allgemeinen Sozialdienst. Oft gehört dazu auch Motivationsarbeit für Familien, sich überhaupt helfen zu lassen“, so Gabriele Heide (58) vom Verein RAA Leipzig, die in der Helmholtzschule wirkt.

„Unsere Aufgaben sind so vielfältig wie das Leben in der Schule“, ergänzt Philipp Simson vom Verein Fairbund, der an der 120. Grundschule im Einsatz ist. Dabei stehe es im Fokus, benachteiligte Kinder zu fördern, damit diese später erfolgreich ein eigenständiges Leben starten können. Dabei werde auch mal eine Klassenfahrt oder Wanderung begleitet, die sonst vielleicht ausfallen müsste. Zu den konkreten Angeboten gehören: teambildende Maßnahmen in den Klassen, die Verhinderung von Ausgrenzung und Mobbing, Kontakte bei allerlei Nöten, Kriseninterventionen, Hilfe bei spezifischen Problemen. Hinzu kommt mittlerweile die Arbeit mit jungen Ausländern in den DAZ-Klassen, in denen Deutsch als Zweitsprache unterrichtet wird.

„Optimal ist ein Team von zwei Fachkräften, nach Möglichkeit Mann und Frau“, erläutert Thiere, der beim Caritasverband angestellt ist. „An einzelnen Schulen sei dies bereits umgesetzt, an anderen wünschen wir uns dies ebenfalls.“ Das Land hat angekündigt, mit dem Doppeletat 2017/18 Schulsozialarbeit besser zu fördern. Ob Leipzig davon profitiert, bleibt abzuwarten. Denn Leipzig ist bereits Vorreiter, gibt jährlich 2,5 Millionen Euro aus. 44 Schulen werden aus eigener Kasse finanziert, weitere 15 über Landesprogramme.

Die Beteiligten sehen Schulsozialarbeit, die in Leipzig in den neunziger Jahren an sieben Schulen begann, als Erfolgsgeschichte. „Eine so enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe war ein Novum“, so Thiere. Heute sei es selbstverständlich, dass Lehrer und Schulleiter mit den Sozialarbeitern kooperieren. Letztere wehren sich dennoch, dass ihre auf Bedarf und Situationen bezogene Arbeit in ein Korsett gedrängt werden soll, welches ihrer Ansicht nach lebensfremd und mit einem erheblichen Dokumentationsaufwand verbunden wäre. Eine 32-Stunden-Stelle sei mit einer Fachkraft besetzt, die in der Regel an einer Einrichtung für 300 bis 500 Schüler zuständig ist. So fühle sich die tägliche Arbeit wie eine Jonglage mit acht Bällen an, sind sich die Sozialarbeiter einig. „Das Kunststück besteht darin, keinen fallen zu lassen und dabei noch selbst gesund zu bleiben“, heißt es unisono. Deshalb lehnen die Schulsozialarbeiter es ab, Erfolgs- und Qualitätskriterien, die sie durchaus begrüßen, auf Erreichen des Schulabschlusses einzuengen.

Jugendamtsleiter Nicolas Tsapos kann die Diskussion nicht verstehen. „Ich halte sie für überspitzt, als ob wir Sozialarbeiter für den Bildungsauftrag in Haftung nehmen. Darum geht es doch gar nicht. Ihre Arbeit ist ein Baustein, der zum Bildungserfolg beiträgt“, sagt er. Doch auch ihre Arbeit müsse messbar sein – das sei zudem ein Auftrag des Stadtrates. Bis Jahresende will er daher ein überarbeitetes Steuerungskonzept für Schulsozialarbeit vorlegen, an deren Entstehen die Freien Träger beteiligt sind.

Von Mathias Orbeck

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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