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Leipzigs Stadtschäferin Doppelstein wirft hin

Aberwitzige Vorschriften Leipzigs Stadtschäferin Doppelstein wirft hin

An der wichtigsten Stelle ihres Vortrags schossen Kerstin Doppelstein dann doch die Tränen aus den Augen. „Ich habe heute lange überlegt, ob ich die traditionelle Schäfer-Tracht anlege. Weil ich streng genommen kein Schäfer mehr bin“, so die 38-jährige Leipzigerin.

Nur eine der grotesken Anzeigen: Nach einem Bürgerhinweis wurde Kerstin Doppelstein vom Leipziger Veterinäramt aufgefordert, sie solle bitte etwas tun, damit ihre Schafe fröhlicher gucken.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. An der wichtigsten Stelle ihres Vortrags schossen Kerstin Doppelstein dann doch die Tränen aus den Augen. „Ich habe heute lange überlegt, ob ich die traditionelle Schäfer-Tracht anlege. Weil ich streng genommen kein Schäfer mehr bin“, so die 38-jährige Leipzigerin.

Sie sprach vergangene Woche vor über 100 Zuhörern an jenem Ort, wo sich Kerstin Doppelstein einst selbst zur Schäfermeisterin ausbilden ließ – an der Fachschule für Landwirtschaft im sächsischen Großenhain. Neben vielen jungen Berufskollegen saßen bei dem Forum noch ein Staatssekretär und weitere hochrangige Vertreter der Zunft im Publikum. Mucksmäuschenstill war es, als die auch durch eine Reportagereihe im MDR-Fernsehen bekannt gewordene Diplom-Biologin über all jene Probleme berichtete, die sie nun – nach neun Jahren als Schäferin in Leipzig und Umgebung – kapitulieren ließen. Als sie geendet und die Tränen bezwungen hatte, brandete Beifall auf.

Für Außenstehende kam der Abschied wie ein Blitz aus heiterem Himmel. 2009 hatte die in Berlin geborene Frau eine Promotionsstelle an der Leipziger Uni zugunsten einer mobilen Hundeschule aufgegeben. Im Nebenerwerb meldete sie einen landwirtschaftlichen Betrieb an. Von anfangs 28 Schafen und 1,5 Hektar Weideland hat sich Doppelstein inzwischen auf etwa 600 Muttertiere (Schafe und Ziegen) sowie 300 Hektar vergrößert.

Trotz aller Mühen erlitt sie die ersten fünf Jahre finanzielle Verluste. Doppelstein erhält kaum Fördermittel, sondern lebt von Verträgen über ökologische Ausgleichsmaßnahmen und Dienstleistungen – etwa fürs Leipziger Liegenschaftsamt, private Firmen, die Talsperrenverwaltung zum Beweiden der Flussdämme oder Aufträge der Wasserwerke. Nur durch stete Vergrößerung ihres Betriebes kam sie in die schwarzen Zahlen. „Schon in meiner Meisterarbeit berechnete ich für meinen Betrieb einen Arbeitskräftebedarf von drei Vollzeitbeschäftigten, war aber stets allein“, erzählte sie nun in dem Vortrag. „Im August 2016 habe ich jemanden in Vollzeit eingestellt, was aber wieder weiteres Wachstum des Betriebes verlangte.“

Obwohl sie häufig nur vier Stunden schläft, sonst ständig arbeitet, zehrten einige Probleme inzwischen an der Substanz. So sei ihr unverständlich, weshalb in Sachsen eine EU-Förderrichtlinie zu Weideland und Dauergrün so ausgelegt wird, dass sie die dazugehörige Betriebsprämie nur für einen Teil ihrer Flächen erhält. „Obwohl ich sie sämtlichst auf die gleiche Art und Weise mit Schafen beweide.“

Zweitens nähmen die Behörden zu viel Rücksicht auf Beschwerden von Personen, die kaum Kenntnisse von der jahrtausendealten Schafzucht hätten. Doppelstein bezeichnete diese durchweg als „aufmerksame Bürger“. Etliche irrwitzige Gespräche mit dem Veterinäramt hätten deshalb schon Zeit verschlungen. Zum Beispiel klang das so: „Frau Doppelstein, ein aufmerksamer Bürger ist der Meinung, er kann spüren, dass es Ihren Schafen nicht gut geht. Zuletzt erkennt er es daran, dass sie so traurig gucken. Ich halte davon auch nicht viel, aber wir müssen dem nachgehen. Könnten Sie bitte irgendetwas tun, damit Ihre Schafe fröhlicher gucken?“

Was sich wie ein Witz anhört, behindere die Arbeit immer massiver. So habe ein weiterer „aufmerksamer Bürger“ beim Landwirtschaftsministerium angezeigt, dass für 300 Coburger Fuchsschafe, die den letzten Winter nahe des BMW-Werks verbringen sollten, ein Witterungsschutz fehle. Eine Kontrolle vor Ort ergab: Nichts zu bemängeln. Dennoch wurde der Schäferin geraten, bei der nächsten Anzeige mit den Tieren besser in einen Stall zu wechseln. Was den Schafen und der Landschaft zwar nichts nutzt, hohe Futter- und Energiekosten erzeugt, aber in Richtlinien anderer Bundesländer sowie einigen Gerichtsurteilen dennoch Anklang findet. Doppelstein wollte die Herde daher vorsichtshalber auf Weideflächen im Stöhnaer Becken umsetzen. Dort verlangte das Veterinäramt des Landkreises einen ganzjährigen Witterungsschutz. Dabei würde der Bau solcher Anlagen in dem Naturschutzgebiet, wo sogar Kraniche brüten, vom Umweltamt niemals erlaubt. Und wäre nach ihrer Überzeugung auch für die Tiere nicht gut.

2013 erhielt Doppelstein den sächsischen Umweltpreis für ihr Projekt „Hutewald am Cospudener See“. Durch den Einsatz ihrer Bio-Rasenmäher – darunter 20 Yaks – entsteht auf früherem Tagebaugebiet eine Landschaft, in der bereits wieder der Kuckuck oder der sehr seltene Wendehals ihren Nachwuchs aufziehen. Allerdings werden andauernd die mobilen Weidezäune zerstört, Stromgeräte und Batterien gestohlen. Auch wurden mehrfach Tiere „befreit“ oder Hunde zum Spaß ins Gehege gesetzt. Die Folge: mehrere tote Schafe. „Und tagsdrauf beschweren sich aufmerksame Bürger, weil mein Hütehund nicht angeleint ist.“

Das Leipziger Umweltdezernat will keinesfalls auf die Zusammenarbeit mit Kerstin Doppelstein verzichten. „Eine so fachkundige und engagierte Schäferin ist für uns nicht zu ersetzen. Sonst müssten wir das überaus erfolgreiche Hutewald-Projekt aufgeben“, erklärte Stadtförster Andreas Sickert. Im Gegenteil sollte die Schäferei Doppelstein eigentlich auch die Pflege eines der Gatter mit Waldbisons am Cospudener See übernehmen, weil deren Besitzer Falk Selka aus Altersgründen kürzer treten will. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass eine Beweidung mit Schafen und Ziegen der beste Weg ist, um für die Ökovielfalt schädliche Pflanzen wie Kanadische Goldrute oder Japanischer Knöterich im Neuseenland zurückzudrängen, so Sickert weiter. „Wir wollen zudem die Natur zurück in die Stadt holen. Dafür sorgen, dass Leipzigs Kinder Tiere nicht nur vom Fernseher und Laptop kennen.“

Von Jens Rometsch

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