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Lokales Leipzigs Wohnheime in der Sanierungsfalle
Leipzig Lokales Leipzigs Wohnheime in der Sanierungsfalle
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06:13 20.09.2018
Ein Baucontainer steht noch vor der Tür: Ins Studentenwohnheim in der Tarostraße 14 hat das Studentenwerk in den Semesterferien 4,5 Millionen Euro investiert. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die Zeiten, in denen Leipzig als Mieterparadies galt und sich auch Studierende die Bude mehr oder weniger aussuchen konnten, sind längst vorbei. Wenige Wochen vor Beginn des Wintersemesters schlägt das Studentenwerk Alarm: Bereits jetzt liegen dort weit mehr Bewerbungen auf Wohnheimplätze vor, als freie Zimmer zur Verfügung stehen, informiert Sprecher Michael Mohr.

Die Leipziger beteiligen sich daher an der bundesweiten Kampagne „Kopf braucht Dach“, mit der die insgesamt 58 Studentenwerke in Deutschland „auf die schwierige Wohnsituation der Studierenden in den Hochschulstädten“ aufmerksam machen. Andrea Diekhof, Geschäftsführerin des Studentenwerks Leipzig: „Wir fordern von der Politik auf Bundesebene, auf Länder- und kommunaler Ebene, uns stärker bei der Schaffung und beim Erhalt von bezahlbarem Wohnraum für Studierende zu unterstützen.“

Diekhof beklagt, dass Sanierungen zunehmend zu höheren Mieten führen. So hat das Studentenwerk zum Wintersemester 4,5 Millionen Euro in einen Wohnheimkomplex in der Tarostraße gesteckt und die Modernisierung von 190 Zimmern komplett aus Eigenmitteln finanziert. Die Fußböden, der Sanitärbereich und die Lüftung wurden erneuert. Die Monatsmiete steigt dort jetzt für ein Appartement von 250 bis 260 Euro auf 300 Euro. WG-Zimmer kosten künftig 270 bis 290 Euro statt zuvor 180 bis 240 Euro. Alle diese Unterkünfte liegen somit preislich über Pauschale in Höhe von 250 Euro, die das Bundesausbildungsförderungsgesetz BAföG fürs Wohnen vorsieht.

Höhere Mieten

„In Sachsen erhalten die Studentenwerke seit 2003 keine staatlichen Zuschüsse für Wohnheimbau oder Sanierungen mehr“, kritisiert Diekhof. Laut sächsischem Wissenschaftsministerium flossen Landesmittel letztmals 2007 und Bundeszuschüsse 2009. Jedenfalls hat das Studentenwerk Leipzig auch rund 500 000 Euro für die Instandhaltung der Haustechnik eines Wohnkomplexes in der Johannes-R.-Becher-Straße in den jüngsten Semesterferien aus eigener Tasche bezahlt. Zuvor waren 2016 und 2017 bereits in der Straße des 18. Oktober umfangreiche Reparaturen an den studentischen Unterkünften angefallen. „Die einzige Möglichkeit, diese Kosten zu erwirtschaften, ist die Erhöhung der Mieten“, so Studentenwerk-Sprecher Mohr. Auch in den kommenden Jahren seien Instandhaltungen in ähnlicher Größenordnung und resultierende Mieterhöhungen zu erwarten. „Wenn wir alle Gebäude durchsaniert haben, fehlen uns irgendwann die Angebote auf niedrigem Mietniveau“, befürchtet er.

Um das zu verhindern, fordern die Leipziger gemeinsam mit den Studentenwerken von Dresden, Chemnitz-Zwickau und Freiberg vom Freistaat mehr Geld. Im sächsischen Doppelhaushalt 2019/2020 wollen sie mit knapp sieben Millionen Euro berücksichtig werden, damit sie künftige Investitionen in die Bausubstanz nicht eins zu eins an ihre studentischen Mieter weiterreichen müssen.

Sachsen noch vergleichsweise gut dran

Bislang spielt das Ansinnen im Haushaltsentwurf allerdings keine Rolle. Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) bevorzugt eine andere Geldquelle: „Der Freistaat sollte sich an dem im Koalitionsvertrag des Bundes vereinbarten Bundesprogramm für die Förderung von Wohnheimneubau beteiligen“, beantwortet sie eine LVZ-Anfrage. Die Landesregierung wolle dabei den „Fokus auf die für Sachsen vorrangigen Bereiche Sanierung und Erhaltung des Bestandes und im Einzelfall vor allem in Dresden und Leipzig auf nötigen Ersatz- oder ergänzenden Neubau“ legen. Details über ihre Pläne hat die Bundesregierung allerdings bislang nicht veröffentlicht.

Stange betont, dass die Situation in Sachsen noch vergleichsweise gut sei: „Wir haben überdurchschnittlich viele Plätze in Wohnheimen.“ Im Bundesschnitt erhalten zehn Prozent der Studierenden ein Wohnheimzimmer, in Sachsen immerhin 14,5 Prozent. Obwohl „günstiges Wohnen für viele Studierende eine Voraussetzung dafür ist, überhaupt ein Studium beginnen zu können“, wie Stange sagt, spitzt sich die Situation – wie berichtet – auf dem Leipziger Mietmarkt aber zu. Diese Erfahrung macht auch Studentenwerkschefin Diekhof: „Die Studierenden sind eine von vielen Bevölkerungsgruppen, die händeringend preisgünstigen Wohnraum suchen. Sie stehen in Konkurrenz mit Geringverdienenden, jungen Familien, aber auch älteren Menschen.“ Jeder bezahlbare Wohnheimplatz entlaste daher den städtischen Wohnungsmarkt.

5200 Zimmer, 39 000 Studierende

Als Anstalt des öffentlichen Rechts hat das Studentenwerk unter Aufsicht des sächsischen Wissenschaftsministeriums die Aufgabe, vor allem ärmere Studierende zu versorgen. In 43 Wohnheimen, die in 15 Wohnkomplexe gebündelt sind, stehen dafür den insgesamt derzeit 39 000 Studierenden aller Leipziger Hochschulen rund 5200 Zimmer in Wohngemeinschaften oder als Einzelappartements zur Verfügung – ein Verhältnis von 13,3 Prozent.

Aktuell werden die nach dem Sommersemester frei gewordenen Wohnungen neu belegt. Bewerber kontaktiert das Studentenwerk in den kommenden Wochen. Wer bis zehn Tage vor dem gewünschten Vertragsbeginn keine Antwort erhalten habe, müsse davon ausgehen, kein Zimmer zu erhalten, so Sprecher Mohr. „Wir raten daher allen, sich auch auf dem privaten Wohnungsmarkt umzuschauen.“

In der Kampagne „Kopf braucht Dach“ rufen die Studentenwerke bundesweit auf, online „für bezahlbaren Wohnraum zu stimmen“: www.mein-studentenwohnheim.de

Von Mathias Wöbking

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