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Lokales Leipzigs studierte Hüterin der leisen Landschaftspfleger
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18:23 11.08.2013
Die Großstadtschäferin Kerstin Doppelstein (34) mit ihrer Schafherde auf einer Weide am Cospudener See in Leipzig. Quelle: dpa

Aber es brachte der 34-jährigen Schäferin und dem Leipziger Stadtforstamt auch den diesjährigen Sächsischen Umweltpreis.

Schon wieder alles voller Goldruten hier. Das sind nicht die Pflanzen, die Förster Andreas Sickert gern sieht. Sickert leitet das Leipziger Stadtforstamt und den Wildpark. Sein Revier ist der Cospudener See.

Früher war hier Tagebau, später brach sich das Leben seine Bahn. Jetzt bahnt sich Sickert im Geländewagen den Weg zwischen Joggern, Skatern und Radfahrern. Sie alle mögen den lichten Wald rund um den See, zähes Gestrüpp wie die Kanadischen Goldruten mögen sie nicht. Aber der Förster weiß, was da hilft: Die Schäferin Kerstin Doppelstein mit ihrer Herde. "Die Schafe latschen da dreimal durch - und fertig." Das Hüte-Experiment am Cospudener See läuft jetzt schon im vierten Sommer. Die Schafe machen ihren Job gut. Und die Schäferin Doppelstein sieht nun langsam, dass sich ihr zeitaufwendiger Nebenerwerb zu lohnen beginnt. "Mein Ziel ist, dass die Schafhaltung eine runde Sache wird", sagt die 34-Jährige. "Dass ich wirklich alles vom Schaf nutzen kann - das Fleisch, die Wolle und die Landschaftspflege." Landschaftspflege mit Weidetieren ist nichts Neues, so werden seit Jahrhunderten offene Landflächen von unliebsamem Bewuchs frei gehalten.

Am Cospudener See indes leisten die Schafe Pionierarbeit. Sie helfen beim Aufbau neuer Wälder, wo noch vor 20 Jahren gar nichts wuchs. Kein dichter Urwald soll hier entstehen, sondern lichter, sonnendurchfluteter Bewuchs. Um den zu bekommen, braucht es zielgenaue Pflege. Unerwünschte Baumsprösslinge wie Pappeln, Birken und Weiden müssen regelmäßig raus. Menschliche Arbeitskraft wäre dafür zu teuer. Schafe und Ziegen lösen indes das Problem gründlicher und günstiger.

Wertvolle junge Eichen und seltene Vögel dürfen nicht gestört werden. "Wir haben hier inzwischen einige schützenswerte Arten", sagt Sickert. Der Wendehals ist hier wieder heimisch, außerdem Schmetterlinge, die es sonst kaum in Sachsen gibt, wie der Pappel­karmin. Da staunt selbst der Förster. Wer hätte gedacht, dass die Tagebau-Mondlandschaft in nur 20 Jahren zu einem derart vielfältigen Lebensraum wird? Trotz der Jogger und Skater, trotz der neuen Eigenheime am See und intensiver Naherholung.

Konflikte bleiben da nicht aus. Zwölf Hektar am See sind eingezäunt, damit die Schafe dort ungestört fressen können. "Manche regen sich schon auf, warum da Zäune stehen", sagt Doppelstein. Aber im Großen und Ganzen leben Schäferin und Badegäste in friedlicher Koexistenz.

Letztere freuen sich eben auch, wenn sie ihr Badetuch im niedrigen Gras auslegen können, das die Schafe kurzgefressen haben. Auf insgesamt 40 Hektar im Süden von Leipzig hütet Doppelstein zurzeit. Ihre Schafe sind wahre Fressmaschinen. Die Kunst der Schäferin besteht darin, sie auch dann zum Fressen zu kriegen, wenn mal der Hunger fehlt.

Die Diplombiologin betreibt hauptberuflich eine mobile Hundeschule, gibt Kurse als Therapiehundeführerin. Über die Hunde kam die gebürtige Berlinerin vor fünf Jahren zu den Schafen. "Ich hatte mir einen Schäferhund gekauft. Die werden auf Dauer rammdösig, wenn sie nicht hinter Schafen herlaufen können." Also fing sie in einer Schäferei in Rötha an, übernahm dort 28 Schafe und begann zu züchten. Inzwischen hat sie 200 Mutterschafe. Um die satt zu kriegen, braucht Doppelstein Flächen. Das Leipziger Stadtforstamt bot ihr 2010 welche an und bezahlt sie seitdem fürs Hüten.

So entstand das Projekt Hutewald, das vor Kurzem den Sächsischen Umweltpreis gewann. Denn "diese Art der Bewirtschaftung alleine nur mit Unterstützung der Stadt Leipzig zu bewerkstelligen, ist anerkennenswert", befand die Jury.

Doppelstein sieht darin "eine gute Motivation, um weiterzumachen". Die Schafe freuen sich auch, sie haben am Cospudener See den schönsten Arbeitsplatz, den ihre Branche zu bieten hat.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.08.2013

Christine Keilholz

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