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Letztes Silvester fürs Bachstüb’l: Leipzigs dienstältester Gastwirt sagt adieu

Ende einer Legende Letztes Silvester fürs Bachstüb’l: Leipzigs dienstältester Gastwirt sagt adieu

„Silvester,18 Uhr, ist finish“, sagt Frank Weiße. Dann schließt der Wirt vom Bachstüb’l im Thomaskirchhof nicht wie üblich an diesem Tag und nur fürs Jahr 2016 sein Restaurant zu. Nein, Weiße, 64, und höchstwahrscheinlich Leipzigs dienstältester Gastronom, schließt nach 40 Jahren sein Traditionslokal und geht in Rente.

Vier Jahrzehnte lang war das Bachstüb’l Szene- und Künstlertreff. Heute öffnet es zum letzten Mal seine Pforte.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. „Silvester,18 Uhr, ist finish“, sagt Frank Weiße. Dann schließt der Wirt vom Bachstüb’l im Thomaskirchhof nicht wie üblich an diesem Tag und nur fürs Jahr 2016 sein Restaurant zu. Nein, Weiße, 64, und höchstwahrscheinlich Leipzigs dienstältester Gastronom, der in seinem Berufsleben immer am selben Fleck tätig war, hört auf. Die Adresse der Einkehr wird es weiter geben. Ein österreichischer Gastronomiemanager erwarb das Objekt. Nach einer Pause im Januar soll es wieder öffnen. Ob dann wieder so wie es die Leipziger kennen, wollte Weiße weder bestätigen noch dementieren.

Das Bachstüb’l gehört zu Leipzig wie nicht viele weitere Traditionsgaststätten. Am 3. März 1977 hatte es als Tagesbar und Teilbetrieb vom Thüringer Hof geöffnet. Weiße, damals Oberkellner im Gasthaus um die Ecke, wurde ausgeguckt, um als sogenannter Haftungsbereichsleiter die Bar zu übernehmen. „Du bist der einzige, der nicht säuft“, erinnert sich Weiße branchengerecht an die einstige Personalwahl. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es im Thomaskirchhof 12 eine Weinstube gegeben, zu DDR-Zeiten arbeitete in den Räumen zunächst ein Orthopädieschuhmacher, bevor sie über Jahre leer standen.

Unter Weißes Leitung entwickelte sich das Bachstüb’l schnell zum Szenetreff. Künstler und Lebenskünstler fanden hier fast ihr zweites Zuhause. Bis 24 Uhr hieß es meist hoch die Tassen. Zu Messezeiten war es der beliebte Treff zwischen Ost und West. Die Stasi, wie Weiße schnell mitbekam, war freilich auch dabei. Nur taugte dieser „Kollege“ zum Kneipenjob wie die Kuh zum Rückenschwimmen. Der soll doch nicht dich überwachen, sondern deine Gäste, beschwichtigten realsozialistische Leitungskreise. Kabarettisten schlugen im Bachstüb’l auf, Thomaskantor Biller und Besucher von Gottesdiensten und Konzerten aus der Kirche gegenüber ebenso, nicht zuletzt Stammgäste, die die mehreren Schoppen Wein, die sie konsumierten, auch vertrugen. Als Speise stand immer das „Würzfleisch“, neudeutsch längst wieder Ragout fin betitelt, ganz oben auf der Beliebtheitsliste. „Früher gab es dafür kein Kalbfleisch, also mussten wir uns mit Schwein oder sogar mal mit Kaninchen helfen“, plaudert Weiße genau so aus der Bachstüb’l-Schule wie wenn er sich daran erinnert, dass manch Kasten guten Bieres unter der Theke an die Stammgäste veräußert wurde.

Der Wirt tritt bis zuletzt in historischer Kniebundhose und Weste auf und die Stühle sind noch die, die zu DDR-Zeiten von den Stuhlbauern in Oelsa-Rabenau gefertigt wurden. Als 1990 auch die HO genannte DDR-Handelsorganisation keine Chance zum Überleben hatte, übernahm Weiß das Restaurant. Er erwarb das Bachstüb’l für 100 000 deutsche Mark von der Treuhand. „Das war damals eine Menge Holz, etwa soviel, als wenn du heute eine Million Euro hast. Mut gehörte dazu. Ich habe ihn nicht bereut.“ Ende der 1990er-Jahre wurde grundlegend renoviert, ohne den Charakter des Hauses zu zerstören.

Nun hört Weiße auf. Und das nicht etwa, weil der Laden nicht läuft, sondern weil der Wirt überzeugt ist, dass die Zeit dafür gekommen ist, um mit Frau und Familie noch etwas vom Leben zu haben. Den neuen Betreibern wünscht er alles Gute: „Eigentlich kann man an diesem Standort nichts falsch machen.“

Von Thomas Mayer

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