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Lokales Lichtfest in Leipzig: „89 bleibt kraftvolles Bild der Demokratie“
Leipzig Lokales Lichtfest in Leipzig: „89 bleibt kraftvolles Bild der Demokratie“
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23:55 09.10.2017
Rund 15.000 Besucher waren beim Lichtfest 2017 auf dem Augustusplatz dabei. Quelle: André Kempner
Leipzig

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ – dieser am 15. Juni 1961 von DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht geäußerte Satz, der beim Lichtfest über die Video-Installation vor der Oper flimmerte, erwies sich bereits zwei Monate später als Lüge. Dass diese Mauer weggefegt wurde, ist auch den mehr als 70.000 Menschen zu verdanken, die sich am 9. Oktober 1989 bei der damals bislang größten Massendemonstration für Freiheit, Demokratie und freies Denken auf den Weg gemacht hatten.

Zum Leipziger Lichtfest 2017 wurden Tausende erwartet. Beim Friedensgebet in der Nikolaikirche sprach unter anderem Margot Käßmann.

Mehr als 15.000 Besucher formten am Montagabend eine aus brennenden Kerzen gestaltete „89“, um an jenen für Leipzig und ganz Deutschland so wichtigen historischen Tag zu erinnern. „Das ist ein kraftvolles Bild für Demokratie“, sagte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) begeistert. Das „Stephan König Jazz Quartett“ spielte fünf eigens für den Abend komponierte Stücke, deren Stimmung ebenso wie die Talks von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt wurde. „Wie lebendig, bunt und spürbar Demokratie sein kann, kommt auf uns alle an“, ergänzte Jung. Die lebe vom Zuhören, von Kompromissen, aber keineswegs von Pöbeleien.

Auf Mauern kam auch Margot Käßmann, die Reformationsbotschafterin, bei ihrer Predigt in der gut besuchten Nikolaikirche zu sprechen: „Ziel der Friedlichen Revolution waren nicht neue Mauern.“ Vielmehr sei es darum gegangen, Mauern abzureißen, die Menschen trennen, sagte sie und rief erneut auf zu einem „neuen Mut zum Aufbruch“. Dazu gehörten offene Grenzen in Europa. Gast in der Nikolaikirche war Haroutune Selimian, Pfarrer der armenisch-evangelischen Bethel-Gemeinde Aleppo, der vom Leid im sechs Jahre dauernden Krieg in Syrien berichtete.

Nach Friedensgebet und Rede zur Demokratie strömten die Gottesdienstbesucher mit Kerzen auf den Augustusplatz. „Für mich gehört es einfach dazu, zum Lichtfest zu kommen und mich daran zu erinnern, was wir damals für eine Angst hatten“, sagte Petra Winter, die heute in Halle lebt. Auch heute sorge sie sich wieder, vor einem Ruck nach rechts.

Auf der Lichtfestbühne sprach Moderator Claudius Nießen vom Deutschen Literaturinstitut mit Gästen über Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit, für die viele einst ebenso auf die Straße gegangen sind. Dokumentarfilmerin Anke Ertner erzählte, wie sie erkennen musste, dass vieles, was sie aus der Schule oder von Eltern kannte, ideologisch gefärbt oder sogar falsch war.

Doch wie ist es heute mit den Fake-News, den erfundenen Nachrichten? „Wir müssen bei den Kindern anfangen, wenn wir die Verbreitung von Fake-News eindämmen wollen“, sagte Juliane von Reppert-Bismarck, preisgekrönte Journalistin, die ihr Projekt „Lie Detectors“ vorstellte. Die Idee: Journalisten gehen in Schulen, erklären Kindern und Jugendlichen, wie sie arbeiten und wie sich seriöse Nachrichten von erfundenen News unterscheiden lassen. Dabei befähigen sie Jugendliche, zu Lügendetektoren einer Online-Welt zu werden, die – beflügelt durch soziale Netzwerke – zunehmend von Verschwörungstheorien und Propaganda überschwemmt wird. „Wir wollen ihnen nicht sagen, was sie denken sollen. Sondern sie befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen.“

Mathias Orbeck

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