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Lokales In Leipzig beginnt der Literarische Herbst
Leipzig Lokales In Leipzig beginnt der Literarische Herbst
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07:31 23.10.2018
Die Leipziger Übersetzer Heide Lutosch und Bradley Schmidt.freuen sich auf einen gemeinsamen Workshop Quelle: Christian Modla
Leipzig

Was genau Heide Lutosch und Bradley Schmidt nächsten Montag auf der Bühne anstellen werden, das wissen sie noch nicht. Klar aber ist, sie werden dort stehen, und das ist für die beiden ungewohnt genug: „Die meisten Übersetzer und Übersetzerinnen, die ich kenne, sind eher schüchtern“, sagt Heide Lutosch und lächelt. „Es hat ja wahrscheinlich einen Grund, warum wir Übersetzer und nicht Schauspieler geworden sind.“ Die Organisatoren des Literarischen Herbstes aber wollen die Übersetzer dieses Jahr ins Licht rücken.

Das 25-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston (Texas, USA) prägt das diesjährige Festival, das heute Abend im Alten Rathaus eröffnet wird. US-Autoren wie Irene Dische, Deborah D.E.E.P. Mouton und Rich Levy werden in Leipzig zu Gast sein und ihre Arbeiten vorstellen. Diese interkulturelle Begegnung über die Literatur ist nur möglich, wenn – manchmal gerät es in Vergessenheit – Übersetzer zuvor ihre Arbeit gemacht haben. Dem möchte die Programmacher Franka Reinhart und Steffen Birnbaum mit etlichen Veranstaltungen Anerkennung zollen.

Die Übersetzer im Fokus

Am Donnerstag trifft Clemens Meyer im UT Connewitz seine Übersetzerinnen Roberta Gado und Katy Derbyshire und spricht mit ihnen darüber, wie es ist, das Leipziger Flair in seinen Büchern auf Italienisch oder Englisch wiederzugeben. „Die lange Nacht der Literaturübersetzungen“ am Montag bringt dann auch die Leipziger Heide Lutosch und Bradley Schmidt auf die Bühne. Ab 17 Uhr gibt es im Kupfersaal Lesungen, Musik, Podiumsdiskussionen – und die Präsentationen der Arbeiten von Heide Lutosch, Bradley Schmidt sowie von sieben weiteren Übersetzern, die am Wochenende für einen Workshop in Leipzig zusammenkommen.

In den Seminarräumen der Meyer-Übersetzerin Roberta Gado verbringen sie zwei Tage und widmen sich der Übersetzung von drei amerikanischen Lyrikern: der Poetry-Slammerin Deborah D.E.E.P. Mouton und den Dichtern Kevin Prufer und Rich Levy. Die sind aus Houston angereist und werden ihren Übersetzern auch während des Workshops einen Besuch abstatten, um mit ihnen über die eigenen Texte zu sprechen. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt der deutsch-amerikanische Leipziger Bradley Schmidt. Er übersetzt zwar des Öfteren Lyrik aus dem Deutschen ins Amerikanische. „Meist aber haben wir kaum Kontakt zu den Autoren. Für kleine Nachfragen schreiben wir Mails“, erzählt er. Seine Kollegin Heide Lutosch übersetzt vor allem Sachbücher vom Englischen ins Deutsche. „Ich freue mich vor allem auf die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache“, sagt sie.

Ein Gedicht, zwei Versionen

Und genau die ist auch das Anliegen des Workshop-Leiters Hannes Becker. Der Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig wünscht sich Zeit „für einen künstlerischen Zugang zu den Werken“. Was genau am Ende dabei herauskommen soll, das lässt er offen: „Wir möchten uns erst einmal frei machen von dem Gedanken an die Präsentation und uns einfach auf die Texte konzentrieren“, sagt er. „Ob eine szenisch-rhetorische Lesung oder Musik – es ist alles möglich.“

Während sich das Publikum im Kupfersaal überraschen lassen kann, müssen die Workshop-Teilnehmer sich schon jetzt vorbereiten. Es gab Hausaufgaben, die Lutosch und Schmidt gewissenhaft erledigt haben: Sie mussten das Gedicht „Shame“ von Rich Levy übersetzen: „I drag my shame outside for a walk/ because it needs a little air“ – so lautet die erste Strophe. „Ich schlepp mein Schamgefühl nach draußen“ beginnt Bradley Schmidt seine deutsche Variante. „Mein Komplex braucht frische Luft“ lauten Heide Lutoschs erste Worte. Der private Abgleich zwischen den Übersetzer-Kollegen zeigt: Es wird Unterschiede und Stoff für die Debatte geben. Lutosch und Schmidt freuen sich darüber. „Man kann so sicher viel über den eigenen Sprachgebrauch lernen“, sagt Schmidt.

Raus aus dem Schatten

Und, so die Hoffnung, Literatur-Liebhaber können bei der Vorstellung der Ergebnisse viel über die Arbeit der Übersetzer lernen – und über ihren Wert. Lange nämlich agierten die Übersetzer im Schatten der Autoren. Doch sie haben großen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Autors, betont Schmidt: „Auch ohne den Originaltext zu kennen, bekommt man schnell ein Gefühl dafür, ob die Übersetzung gut ist.“ Und Heide Lutosch fügt hinzu: „An guten Übersetzungen kann man sehr große Freude haben. Ich ärgere mich da schon, wenn die Übersetzer in einer Rezension nicht einmal genannt sind.“

Von Anna Flora Schade

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