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Lokales Märchenschloss am Gutenbergplatz gerettet
Leipzig Lokales Märchenschloss am Gutenbergplatz gerettet
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17:21 21.03.2018
Die Gesichter dieser Damen über einem Seitenportal waren lange Zeit komplett zerstört. Jetzt lächeln sie wieder. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Am Gutenbergplatz hat Leipzig jetzt eines seiner schönsten historischen Gebäude zurückerhalten. Die Passanten können sich kaum satt sehen an dem Haus, das wie ein Märchenschloss wirkt. Errichtet hatte es der schwedische Architekt Emil Hagberg von 1898 bis 1901 in einem malerischen Neorenaissance-Stil. Bauherr war der Deutsche Buchgewerbeverein – die damalige Dachorganisation aller Verbände der graphischen Industrie.

Viele Einwohner kennen das Gebäude noch als „Bugra-Messehaus“. So stand es auch bis zum Start der Sanierung über dem fest verschlossenen Eingangstor. Mehr als 20 Jahre lang blieb das weitgehend ruinierte Märchenschloss zuvor leer. Selbst Denkmalschützer hatten kaum noch zu hoffen gewagt, dass sich eines Tages ein Investor an das letzte unsanierte Messehaus in Leipzig herantrauen wird.

Wie berichtet, geschah 2014 das Wunder aber doch. Der hiesige Projektentwickler Hildebrand & Partner erwarb das Grundstück. Firmenchef Steffen Hildebrand kündigte in der LVZ an, alles wieder gemäß dem historischen Vorbild zu restaurieren. „Von der alten Substanz ist zum Glück viel erhalten geblieben. Nach 20 Jahren Leerstand kann man nur nicht immer gleich erkennen, was noch alles im Original da ist.“ Komplett verschwunden war dennoch zum Beispiel die fulminante Dachlandschaft des Hagberg-Originals. Um die Größe der Aufgabe zu verdeutlichen: Der Investor ließ den Dachstuhl wieder neu zimmern und auf 2800 Quadratmetern mit Schieferplatten eindecken.

Was fast schon aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden war: Auf dem Areal rings um den Gutenbergplatz schlug bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das Herz des deutschen Verlags- und Druckereiwesens. Inmitten des Graphischen Viertels mit Hunderten polygraphischen Firmen hatten sich die wichtigsten nationalen Branchenverbände und Lehranstalten der Schwarzen Zunft angesiedelt. 1888 wurde das Buchhändlerhaus an der Prager Straße eröffnet – als Sitz des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler erinnerte es ebenfalls schon an ein Schloss aus der Romantik. Also jener Zeit, in der Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Metall-Lettern erfand. Während von dieser alten Börse nach der Bombennacht am 4. Dezember 1943 nur ein kleiner Flügel übrig blieb, der später ins Haus des Buches integriert wurde, konnte das ebenfalls zerstörte Buchgewerbehaus nach 1945 vereinfacht wieder aufgebaut werden. Nicht jedoch das historische Dach.

„Wir sind voller Hoffnung in den Rohbau reingegangen, aber im Inneren fand sich nicht mal der kleinste Farbrest einer früheren Ausmalung“, erzählt jetzt Peter Leonhardt, der im Amt für Denkmalpflege für das Graphische Viertel zuständig ist. Auch die zwölf Meter hohe Gutenberg-Festhalle ging beim Wiederaufbau nach dem Krieg verloren. Nur der Erker, in dem innen eine drei Meter große Gutenberg-Figur thronte, blieb an der Außenwand ablesbar. Der reich verzierte Erker mit einem Porträt Gutenbergs und Wappen der Schwarzen Zunft erstrahlt nun wieder an der roten Ziegelfassade. 1000 laufende Meter Sandstein-Verzierungen haben Hildebrand & Partner originalgetreu restauriert und rekonstruiert. Hinzu kamen 150 Reliefs und Ornamente, die Allegorien wie die Nutzung des Papyrus zeigen, erläutert Hildebrand. „Wir sind dankbar dafür, dass wir Leipzig mit dem Buchgewerbehaus ein wichtiges Stück Tradition und Geschichte zurückgeben konnten.“

76 Wohnungen – zum Teil mit Kamin und über drei Stockwerke – entstanden in dem Objekt. Die allermeisten sind längst vermietet. Dachterrassen erlauben einen Ausblick über die ganze Stadt. Für das historische Haupttreppenhaus werden gegenwärtig noch bebilderte Schautafeln zur Geschichte des Ortes gerahmt. Eine Ausstellung spendierten Hildebrand & Partner auch schon zur Fertigstellung des direkt benachbarten Schiemichen-Baus, welcher 1938 für Ausstellungen polygraphischer Maschinen errichtet worden war – davon leitete sich später der Name „Bugra-Messehaus“ ab. Im Schiemichen-Bau entstanden 66 Loft-Wohnungen. Beide Flügel verfügen über Zugänge zur großen Tiefgarage unter dem Gutenbergplatz, die ab 1994 samt einem Hotel, Handel, Gewerbe und Freizeit-Angeboten in der Gutenberg Galerie entstanden war.

Über 50 Millionen Euro haben die Rettung von Schiemichen-Bau und Buchgewerbehaus gekostet. „Für alle Passanten und Besucher ist nun wieder sichtbar, welche Rolle das Buchgewerbe einmal in Leipzig gespielt hat“, lobt Denkmalschützer Leonhardt. Bis zum Jahresende soll das letzte, am Haupteingang befindliche Baugerüst fallen. Dann informieren dort wieder die historischen Schriftzüge über die frühere Nutzung: „Deutsches Buchgewerbehaus“, „Deutsches Schriftmuseum“ und „Deutsches Buchgewerbe Museum“.

Von Jens Rometsch

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