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Lokales Masern-Alarm in Leipzig – Experten warnen vor "Schneeballeffekt"
Leipzig Lokales Masern-Alarm in Leipzig – Experten warnen vor "Schneeballeffekt"
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18:05 03.03.2017
Die Masern breiten sich in Leipzig weiter aus. Das Gesundheitsamt rät dringend dazu, seinen Impfstatus zu prüfen und sich impfen zu lassen.  Quelle: imago
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Leipzig

Vier neue Fälle allein in dieser Woche – und Experten befürchten einen weiteren Anstieg: Die Masernwelle in Leipzig hält an. Seit Montag steckten sich drei Kinder und ein Erwachsener mit der Viruskrankheit an. Die Zahl stieg damit auf 54 Fälle seit dem Ausbruch im Januar. „Es ist eine bedrohliche Situation, weil wir das Geschehen nicht stoppen können“, schlug Gesundheitsamtsleiterin Regine Krause-Döring am Freitag Alarm. Sie warnte vor einem Schneeballeffekt: „Wenn wir es nicht schaffen, dass ein Großteil der Leipziger sich impfen lässt, werden wir mit einer Vielzahl weiterer Erkrankungen rechnen müssen“, so die 61-Jährige.

Was den Infektologen besondere Sorgen macht, sind neben der Impfmüdigkeit vor allem schwere Fälle der Krankheit, die zuletzt zunahmen. Fünf Kleinkinder steckten sich bislang mit dem Masern-Virus an und mussten in Krankenhäusern behandelt werden. Bei unter Einjährigen ist die Krankheit lebensbedrohlich – ein Impfschutz ist im Normalfall erst ab dem 13. Monat möglich. Besonders dramatisch ist die Situation bei einer Schwangeren, die sich in der siebten Woche das Virus einfing. „Die Ärzte kämpfen darum, die Schwangerschaft zu retten“, schilderte Nils Lahl, Sachgebietsleiter für Infektionsschutz im Gesundheitssamt. Auch ein erst fünf Monate altes Mädchen wurde von seiner Mutter angesteckt – die Frau war ebenfalls ungeimpft. „Eine andere Mutter kam mit ihrem kranken Kind in eine Praxis und dort steckten sich weitere Kinder an“, berichtete Lahl. Was im Fall einer Infektion zu tun ist und wie man sich schützen kann, lesen Sie ganz unten in diesem Text.

Dritter "Gipfel" befürchtet: Der Verlauf der Masernfälle seit Jahresbeginn in Leipzig. Quelle: Stadt Leipzig

Schwerster Ausbruch seit 1984 befürchtet

Inzwischen befürchten die Experten, dass die Masernwelle die schwerste seit der Wiedervereinigung in Leipzig werden könnte. „Beim letzten großen Ausbruch 2015 gab es in vier Monaten 74 Fälle, jetzt sind es in knapp sieben Wochen schon 54. Und wir müssen von einem dritten Gipfel ausgehen“, so Lahl. Wenn sich nicht mehr Menschen impfen ließen, seien auch 100 und mehr Erkrankte nicht ausgeschlossen. Der letzte Ausbruch mit dreistelligen Fallzahlen in der Messestadt datiert aus den frühen 1980er-Jahren, bevor in der DDR die Pflicht zur zweiten Impfung eingeführt wurde. 218 Fälle wurden 1984 von den Behörden registriert. Beim schwersten Masern-Geschehen 1983 waren es sogar 1190 Erkrankte.

Die derzeitigen Masernfälle verteilen sich inzwischen über das gesamte Stadtgebiet, auf fünf Kitas und zwei Schulen. Mehr als 300 Besuchs- und Tätigkeitsverbote hat das Gesundheitsamt ausgesprochen, darunter zu einem großen Teil an einer Berufsschule im Leipziger Westen, wo das Virus als Erstes auftrat. In der Einrichtung mit mehr als 1000 Schülern sei nur eine einzige Lehrerin vollständig geimpft gewesen, berichtet Krause-Döring. Den Indexfall, also den Ursprung der Krankheit, konnte das Gesundheitsamt bisher nicht ermitteln. Fest steht aber: Das Virus wurde aus Rumänien eingeschleppt, wo es seit September einen extremen Ausbruch gibt, der auch Todesfälle forderte.

Masern gelten als hochgefährliche Infektionskrankheit. Quelle: dpa

Die Gesundheitsamtschefin appellierte vor allem an Menschen aus Berufsgruppen, die viel mit anderen Personen zu tun haben, ihren Impfstatus zu prüfen und sich immunisieren zu lassen. Der Andrang in den Impfsprechstunden des Gesundheitsamts hielt sich bislang jedoch in Grenzen. „Wir beobachten mit Sorge, dass das Thema auf die leichte Schulter genommen wird“, so Lahl.

Junge Erwachsene sind Hauptverteiler der Krankheit

Online-Foren sind voll mit Impfwarnungen und Schauermärchen. Vor allem höher Gebildete lassen sich davon offenbar beeinflussen, wie das Gesundheitsamt beobachtet hat. „Hier ist die Verunsicherung am größten“, berichtete Lahl. Dabei seien junge Erwachsene gerade das Hauptproblem, weil sie als Verteiler der Krankheit gelten und so im schlimmsten Fall Kleinkinder anstecken können – in der Straßenbahn, beim Arzt oder an der Supermarktkasse. Allen Impfgegnern hält Gesundheitsamtsleiterin Krause-Döring ein stichhaltiges Argument entgegen: „Komplikationen kann es natürlich auch bei einer Impfung geben. Aber diese überwiegen auf keinen Fall solche, die bei einer Erkrankung auftreten können.“

Von Robert Nößler

Hintergrund zu Masern

Warum sind Masern so ansteckend?

Das Heimtückische ist die Ansteckung durch Tröpfcheninfektionen. „Es reicht ein Windzug bei geöffnetem Fenster und man kann sich bei einem anderen Menschen im Raum das Virus holen“, erklärt Nils Lahl. Ansteckend ist die Krankheit bereits fünf Tage bevor sich der typisch rote Hautausschlag bildet. Der Patient fühlt sich meist müde, hat rote Augen, Fieber und klagt über Schnupfensymptome wie bei einer Erkältung. Erst wenn das Exanthem auftritt, lässt sich die Krankheit sicher diagnostizieren. Die Inkubationszeit ist mit bis zu 21 Tagen besonders lang.

Wie gefährlich sind Masern?

Von 100 nicht geschützten Personen erkranken 97. Das Risiko schwerwiegender Komplikationen ist besonders bei Kindern unter fünf Jahren und bei Erwachsenen über 20 Jahre erhöht. Mehr als jeder fünfte Erkrankte in diesem Alter muss im Krankenhaus behandelt werden. Mittelohr-, Lungen- oder Hirnhautentzündungen können die Folge sein, teils mit lebenslangen Schäden.

Wie kann man sich schützen?

Sicheren Schutz bietet neben einer durchgemachten Erkrankung nur eine zweifache Impfung, die ab dem 13. Monat und ab dem 4. Geburtstag erfolgt, in Sonderfällen auch schon ab dem 6. Monat (Besuch einer Kindereinrichtung vor dem vollendeten 1. Lebensjahr, Masernausbruch). Wer sich unsicher ist oder seinen Impfpass verlegt hat, kann dies durch einen Tither-Test beim Hausarzt oder Gesundheitsamt nachprüfen lassen. Bei Masernverdacht sollte man auf keinen Fall einfach zum Arzt oder in eine Notaufnahme gehen. Hierfür gibt es bei Ärzten spezielle Infektionszimmer – so wird eine Ansteckung anderer Patienten ausgeschlossen. nöß

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