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Lokales Masern in Leipzig - Mediziner sorgen sich bei Tagung um „Herdenschutz“
Leipzig Lokales Masern in Leipzig - Mediziner sorgen sich bei Tagung um „Herdenschutz“
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00:17 15.03.2017
Freuten sich erneut über den regen Zuspruch der Kollegen: Volker Schuster (links) und Michael Borte, die Leipziger Organisatoren des Sächsischen Impftages.  Quelle: Foto: Christian Modla
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Leipzig

Masern in Leipzig: „Kurz vorm Wochenende konnten wir noch einen Verdachtsfall in einer Kita ausschließen. Drei Verdachtsfällen gehen wir noch nach. Aktuell sind keine neuen bestätigten Fälle hinzugekommen. Nach wie vor sind in der Stadt 54 Menschen an Masern erkrankt“, sagte Nils Lahl vom Gesundheitsamt. Ist Leipzig damit übern Berg? Dem Frieden traut er noch nicht. „Die Inkubationszeit ist recht lang, wir haben sie im Amt auf 16 Tage festgelegt.“ Kämen bis Anfang April keine weiteren Fälle hinzu, ließe sich Entwarnung geben.

Der Masern-Ausbruch in Leipzig verlieh dem 21. Sächsischen Impftag am Sonnabend aktuelle Relevanz. „Es zeigt sich wieder einmal, wie wichtig es ist, über Impfschutz zu informieren“, sagte Professor Volker Schuster vom Leipziger Uni-Klinikum, der diesen Fortbildungstag mit seinem Kollegen Professor Michael Borte vom Klinikum St. Georg erneut organisierte. Rund 500 Infektionsspezialisten aus Sachsen und darüber hinaus vereinte die Veranstaltung im Uni-Gebäude am Augustusplatz. Und nahezu unisono wurde über viel zu schlechte Durchimpfungsraten in der Bevölkerung geklagt, um einen wirklichen „Herdenschutz“ vor schweren Krankheiten zu erzielen:

  • Markus Rose, Oberarzt am Klinikum St. Georg, blickte auf die abklingende große Grippewelle zurück. Über 15 000 Menschen in Sachsen ereilte sie. Bislang gab es 52 Todesopfer. Jeder vierte der gegenwärtig Erkrankten müsse im Krankenhaus behandelt werden, so Rose. „Eine Schutzimpfung hätte da viel verhindern können. Influenza ist übrigens keine Sache Älterer. Der Anteil betroffener Kinder und Jugendlicher war gerade sehr groß. Auch der der Berufstätigen. Das ist überdies ein volkswirtschaftlicher Faktor. Jeden, der älter als ein halbes Jahr ist, sollten wir – wenn es möglich ist – impfen“, appellierte er an die Kollegen. „Wir haben sehr wirksame Impfstoffe, wir haben für Kinder ein sehr gutes Nasenspray. Und die Kassen bezahlen das auch.“ Doch noch immer seien es zu wenige, die sich impfen ließen. Vor allem kämen zu wenige, die anderen gegenüber eine besondere Verantwortung haben: „Wir müssen verstärkt darauf achten, auch Menschen, die mit einer Risikoperson in einem Haushalt leben, zu impfen.“ In diesem Kontext kritisierte er die Mitarbeiter großer Einrichtungen. „Bei den fast 200 Stellen, wo in Sachsen die Influenza ausbrach, handelte es sich zumeist um Kliniken, Pflegeheime, Reha-Einrichtungen, Schulen und Kitas. Nicht selten waren die Beschäftigten selbst nicht geimpft. Wir im St. Georg haben das jetzt so geregelt, dass jeder Mitarbeiter, der nicht grippegeimpft ist, Mundschutz tragen muss.“
  • Nils Lahl vom Leipziger Gesundheitsamt stimmte in das Lied ein. In einem Mammutakt hätten die Kollegen seit der Flüchtlingswelle in Leipzig rund 9500 Asylsuchende untersucht. „Seit Juli vorigen Jahres werden in Sachsen zur Erstuntersuchung auch Impfungen angeboten. Doch es sind weniger Flüchtlinge als Deutsche, die uns beschäftigen“, so Lahl. „Als zuletzt die Masern auch in einem großen Leipziger Camp auftraten, zeigte sich, dass von 130 Mitarbeitern des Betreibers 100 keinen Impfschutz hatten. Man hatte bei der Einstellung der Leute für den Job in einer Gemeinschaftsunterkunft einfach nicht daran gedacht.“
  • Dietmar Beier, der Vorsitzende der Sächsischen Impfkommission (SIKO), beklagte des Weiteren schlechte Durchimpfungsraten – unter anderem bei der Dreifachimpfung Masern-Mumps-Röteln (MMR). Ziel der WHO sei es, diese Krankheiten bis 2020 in Europa zu eliminieren. Sind 95 Prozent der Bevölkerung eine Landes ge-impft, könne dies klappen. Leider gehöre Deutschland zu den Ländern, die stark hinterherhinken. Bei der Erstimpfung der jüngsten Kleinkinder liege man zwar schon bei rund 95 Prozent, doch bei der erforderlichen Zweitimpfung sinke die Quote schon. „In dem Zusammenhang empfiehlt die SIKO, diese so um den vierten Geburtstag, spätestens aber zur Schulaufnahmeuntersuchung zu verabreichen; im Gegensatz zur Ständigen Impfkommission STIKO, die das Ganze noch vor dem zweiten Lebensjahr empfiehlt“, so Beier. Doch weil die zweite MMR-Impfung nach der Grundimmunisierung als Auffrischimpfung für einen langfristigen Erhalt der Immunität dienen soll, betrachte man den etwas größeren Impfabstand als sinnvoll.
  • Dörte Meisel, Frauenärztin aus Wettin, befasste sich mit der präventiven HPV-Impfung, die sich bisher aufs weibliche Geschlecht zwischen neun und 26 Jahren konzentriert. Die Durchimpfungsrate sei auch hier noch viel zu niedrig für den „Herdenschutz“ (in Sachsen rund 50 Prozent). Dabei könnten Human-Papillomaviren, weil durch Sex übertragen, zu Krebserkrankungen führen. Und Jungen seien vor HPV ebensowenig gefeit wie Mädchen. Meisel plädierte dafür, auch das männliche Geschlecht zu impfen. Ein Hemmnis: Die STIKO empfiehlt die Impfung bislang nur für Mädchen. Die Kassen zahlen. Für Jungen gilt das noch nicht.

Von Angelika Raulien

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