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Lokales Massiver Holzeinschlag im Leipziger Auwald
Leipzig Lokales Massiver Holzeinschlag im Leipziger Auwald
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00:18 04.02.2017
Über 100 Jahre haben diese Riesen gestanden – jetzt warten sie auf den Abtransport. Viele Leipziger sind entsetzt, unter ihnen auch Anwohner Hartmut Bunsen.   Quelle: Foto: André
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Leipzig

 Spaziergänger haben es schon vor geraumer Zeit entdeckt, doch jetzt schlagen auch die Anwohner massiv Alarm: Im südlichen Auwald sind Forstunternehmen dabei, im Auftrag der Stadt über hundert Jahre alte Bäume zu schlagen. Stapelweise liegen die Reste der alten Riesen am Rande mehrerer Waldwege und warten auf ihren Abtransport. Rund 140.000 Euro wird die Stadt durch diesen Holzeinschlag einnehmen. Stadtförster Andreas Sickert spricht trotzdem von einem Nullsummenspiel.

Auch Hartmut Bunsen war entsetzt, als er nach drei Wochen Urlaub in sein Haus in Schleußig zurückkehrte. Der Lärm der Motorsägen ließ den Präsidenten des Unternehmerverbandes Sachsen im Auwald nachschauen. „Ich habe ja Verständnis dafür, wenn die Stadt wegen einer Flut die Bäume auf den Dämmen wegnimmt und so für mehr Sicherheit sorgt“, sagt er jetzt. „Aber die nieten jetzt hier ja fast alles um. Nur die alten und schlechten Bäume lassen sie stehen. Alles was gesund ist, wird gefällt.“

Anwohner wie Bunsen schlagen vor allem auch deshalb Alarm, weil noch viel mehr Bäume gefällt werden sollen. Zu erkennen ist das an den rosaroten Markierungen, die die Forstleute an den Bäumen angebracht haben. „Wenn die auch noch wegkommen, stehen hier nur noch alte Krüppel und Gestrüpp“, sagt Bunsen und zeigt auf die unzähligen Markierungen, die an Bäumen unweit der Stieglitzstraße zu sehen sind.

Auch andere Anwohner sind besorgt. „Das ist doch fürchterlich, was hier passiert“, ärgert sich zum Beispiel Antje Nieber. Sie argwöhnt, das Rathaus wolle mit dem Holzeinschlag nur die Stadtkasse aufbessern. „Dabei gehen hier so viele Leute spazieren.“

Helga Seelmann sieht das ähnlich. „Wenn man die Forstleute zur Rede stellt, sagen sie, das sei Nutzwald und größere Bäume müssten nun mal weichen“, berichtet sie. „Dass der Auwald Leipzigs grüne Lunge ist und es hier um Natur geht, interessiert offenbar niemanden.“ In einer großen Stadt wie Leipzig dürfe Wald nicht vorrangig als Wirtschaftsgut betrachtet werden, sondern vor allem als knappes Naturgut, das auf jeden Fall erhalten werden müsse, fordert sie. „Aber bei dieser Aktion geht es doch nur um möglichst viele Kubikmeter Holz. Was einigermaßen ein Baum ist, wird gefällt.“

Bei Leipzigs Oberförster Andreas Sickert liegen inzwischen die Nerven blank. Er könne solche „Verschwörungstheorien“ nicht mehr hören, sagt er. Die Einnahmen des Holzverkaufs würden fast komplett für die Kosten des Einschlags draufgehen – die Stadt schreibe nur „eine schwarze Null“. Gleichzeitig verweist er auf einen Stadtratsbeschluss vom 28. Oktober 2015 und die daraus abgeleiteten jährlichen forstwirtschaftlichen Nutzungspläne. Der Ratsbeschluss regle den Umgang mit dem Stadtwald bis zum Jahr 2023 und sei auch mit den Naturschutzvereinen und -verbänden abgestimmt. „Das ist ganz normales forstwirtschaftliches Handeln.“

Dass viele fast abgestorbene Bäume stehen bleiben, begründet er damit, dass dort Vögel nisten oder Käfer-Kolonien leben. „Solche Bäume sind ökologisch besonders wertvoll“, so Sickert. Mitglieder der anerkannten Naturschutzverbände hätten sie gekennzeichnet und würden kontrollieren, dass sie stehen bleiben.

Auf Nachfrage räumt Sickert allerdings auch ein, dass in diesem Jahr besonders viele Bäume geschlagen werden – vor allem an den Randbereichen des Auwaldes und an den Wegen durch den Wald, für die die Stadt eine Verkehrssicherungspflicht hat. Seit ein größerer Ast einem Spaziergänger auf den Kopf gefallen ist und dieser drei Wochen im Koma lag, spiele das eine noch größere Rolle. Auch bei Sickert habe deshalb ein Staatsanwalt angeklopft und Ermittlungen aufgenommen. „Die Gefahr solcher Zwischenfälle hat deutlich zugenommen, seitdem das Eschentriebsterben in Leipzig zu beobachten ist“, sagt Sickert. Schuld daran sei ein Pilz, der sich seit dem Jahr 2010 im Stadtwald ausbreitet. Dieser befalle nicht nur junge, sondern auch zunehmend ältere Eschen. Überhohe Eschen mit einem Alter von 160 bis 180 Jahren seien besonders gefährlich, wenn sie umstürzen. „Deshalb schlagen wir in diesem Jahr auch stärker ein, als der Plan vorsah.“ Aufgrund des Esche-Sterbens habe die Stadt rund 55.000 Euro zusätzlich bereitgestellt.

Besonders betroffen vom Einschlag sind auch Rotbuchen, Eschenblättriger Ahorn und Pappeln. Denn diese sind nicht standorttypisch und werden durch typische Gewächse ersetzt. Nachgepflanzt werden sollen Linden, Hainbuchen, Feld- und Bergahorn – und an lichten Stellen auch Eichen.

Von Andreas Tappert

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