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Lokales Mediziner der Uni-Klinik Leipzig retten 56-Jährige knapp vor dem Kältetod
Leipzig Lokales Mediziner der Uni-Klinik Leipzig retten 56-Jährige knapp vor dem Kältetod
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10:51 17.02.2012
Vier Aerzte kämpfen um das Leben einer stark unterkühlten Patientin: Diana Becker-Rux, Thomas Hartwig, Michael Bernhard und rechts Sven Laudi (v.l.). Quelle: Universitätsklinikum Leipzig
Leipzig

Elf Stunden saß sie nachts in sibirischer Kälte im Freien. Eine Woche lang holten die Intensivmediziner der Leipziger Uniklinik sie wieder zurück ins bewusste Leben. Das war nur möglich, weil die Rettungskette, von der Erstversorgung durch den Notarzt bis zur Spezialbehandlung, perfekt funktionierte.

Sie hatte einen Wintermantel, darunter eine Hose, und Halbschuhe an, als sie am Dienstagabend vor einer Woche an den Leipziger Auensee in Richtung Parkeisenbahn ging. Diese Bekleidung mochte für einen kurzen Spaziergang als Kälteschutz reichen, aber nicht für elf Stunden auf einer Parkbank. Schon gar nicht bei einer Nachttemperatur  von minus 15 Grad. Wenige Tage vorher war in Magdeburg ein 55-jähriger Obdachloser leblos auf einer Bank gefunden worden. Der Notarzt dort konnte nur noch den Tod feststellen.

Passanten alarmierten Rettungsdienst

Auch bei Elke Franke zog sich das Blut immer mehr aus Armen und Beinen zurück, sie wurde eiskalt, Herz und Gehirn schalteten auf absolute Sparfunktion. Dem Zittern folgte eine bleierne Müdigkeit. Der Lebenswille und die Kraft aufzustehen, fehlten. Steif gefroren fanden sie am Mittwochmorgen gegen acht Uhr Passanten und alarmierten den Rettungsdienst. „Sie war bewusstlos, hatte schwach geatmet und nur einen ganz schwachen Puls“, sagte Martin Rothemund, der als Notarzt zur Stelle war, gestern der Leipziger Volkszeitung. Der niedergelassene Leipziger Internist, der auch am Rettungsstützpunkt des Diakonissenkrankenhauses arbeitet, hat die Patientin wiederbelebt und eine schnelle Weiterbehandlung auf der Intensivstation in die Wege geleitet.

„Der Notarzt hat sehr klug und umsichtig gehandelt, alles richtig gemacht, so dass wir uns genau vorbereiten konnten, um die Patientin sofort im Schockraum zu versorgen“, lobte Professor Udo X. Kaisers, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Leipziger Uniklinik. Rothemund meinte überzeugt: „Alle anderen Kollegen, die zu dem Fall gekommen wären, hätten genauso entschieden."

Kammerflimmern und nur noch 23 Grad Körpertemperatur

Leipzig. Auf 23 Grad Celsius war die Körpertemperatur von Elke Franke in der Eisnacht gesunken. In vielen Fällen hätte dies allein schon das Todesurteil bedeutet. Zudem könne es sehr leicht zum Bergungstod kommen, sagte Kaisers, daher müsse das Bewegen eines fast erfrorenen Menschen äußerst vorsichtig geschehen. „Wenn sich das sehr kalte Blut aus Armen und Beinen mit dem etwas wärmeren Blut vermischt, das Herz, Gehirn und andere lebenswichtige Organe versorgt, kann dies zu Herzflimmern und zum totalen Zusammenbruch des Kreislaufs führen“, erklärte er.

Dieses Kammerflimmern stellten die Intensivmediziner der Uniklinik bei der völlig unterkühlten Patientin fest. Schnelles Handeln war gefragt: „Unter laufender Herz-Lungen-Wiederbelebung haben wir einen externen Blutkreislauf an die Patientin angeschlossen. Die dazu notwendigen Kanülen platzierte das geübte Team schnell. Das extrakorporale System war vorbereitet“, so Kaisers. Dabei handelt es sich um eine ECMO, eine Extrakorporale Membranoxygenierung, bei der die Maschine die Kreislauf- und Atemfunktion der Patienten übernimmt. Über eine solche Technik verfügt in der Messestadt auch das Herzzentrum.

 Damit das Blut nicht weiter abkühlt, sondern erwärmt wird, hat die Maschine noch einen Wärmetauscher, eine Art Heizeinrichtung. Dadurch wird das Blut, das aus dem Körper heraus geleitet wird, erwärmt und so wieder zurückgeführt. Kaisers: „Dadurch kann die Körperkerntemperatur rasch beeinflusst werden. Wir haben so die Körperkerntemperatur der Patientin in zehn Minuten von 23 auf 28 Grad Celsius erhöht.“ Danach erfolgte eine elektrische Defibrillation mit der erfreulichen Folge, dass Elke Frankes eigener Kreislauf wieder in Gang kam. So wurde sie aus der Notfallaufnahme auf die Intensivstation verlegt und für 48 Stunden bei einer Kerntemperatur von nur 32 Grad gehalten.  „Kontrollierte Hypothermie“, nennt das der Klinikchef. „Die niedrige Temperatur ist ein Schutz für das Gehirn, wir konnten nicht wissen, ob schon ein nachhaltiger Sauerstoffmangel eingetreten war; dessen nachteilige Folgen wollten wir so verhindern.“

Patientin erholt sich vermutlich vollständig wieder

Am Mittwochabend dann kam die Patientin wieder zu sich, hatte ihr Lebenswille endgültig den Kältetod besiegt. „Zu unserer großen Freude hat die Patientin keinen erkennbaren Schaden davon getragen“, sagte Kaisers. Auch Sven Laudi, der leitende Oberarzt der Intensivstation, der mit an Elke Frankes Bett steht, zeigt sich erleichtert, dass seine Patientin wieder sprechen kann und einen geistig fitten Eindruck macht. „Wir können zufrieden sein, ihr Zustand ist optimal, die gesamte Rettungskette hat ideal funktioniert“, sagte er. Die Leipzigerin ist über den Berg, auch wenn die Behandlung noch fortgesetzt werden muss.

Fälle wie dieser sind selten, nicht nur an der Uniklinik. Ähnliches Glück hatte ein 29-jähriger Skifahrer, der in den italienischen Alpen erst nach 100 Minuten bewusstlos und mit einer Körpertemperatur von 22 Grad aus einer Lawine ausgegraben wurde. Auch er konnte wiederbelebt werden und fühlt sich wie vorher.

Elke Franke blickt sich fragend um, wo sie ist, erhält Antworten. Dann schaut sie ihrem jüngsten Sohn in die Augen, freut sich, dass der 23-Jährige an ihrem Bett steht, ihre Hand hält. Sie spricht mit ihm, auch wenn ihre -Stimme noch brüchig klingt, ist froh, wieder da zu sein, und scherzt sogar. Täglich -bekommt die Mutter vier erwachsener Kinder Besuch. Auch ihr Vater ist -glücklich, seine Tochter wieder zu haben.

Intensivmediziner Kaisers möchte den Fall nutzen, um zu appellieren, auch einen stark unterkühlten Menschen nicht vorschnell für tot zu erklären und lieber den Rettungswagen als den Leichenwagen zu rufen.

Anita Kecke

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