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Leipzig Lokales Mehr Personal und neue Fahrzeuge für die Leipziger Feuerwehr
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00:17 13.11.2016
Blick in die neue Integrierte Regionalleitstelle Leipzig ( IRLS) in Leipzig. Hier werden 112-Anrufe aus Stadt und Umland entgegengenommen. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Zukunft der Leipziger Feuerwehr wird in einem Gebäude geplant, das noch über einen fast schon historisch zu nennenden Schlafsaal verfügt. Mehr als 40 Kameraden finden hier Ruhe. Und das schon seit Jahrzehnten. „Da habe ich selbst noch drin geschlafen“, lacht Branddirektor Peter Heitmann (57).

Doch für allzu viel Nostalgie ist angesichts der aktuellen Bevölkerungsprognosen für die Boomtown Leipzig kein Platz, findet der Feuerwehrchef. Die arg sanierungsbedürftige Hauptfeuerwache am Goerdelerring, immerhin 135 Jahre alt, wird noch gebraucht und soll deshalb für einen zweistelligen Millionenbetrag saniert werden. Künftig wird hier auch das Kommunale Krisenzentrum der Stadt eingerichtet, was bisher auf zwei Gebäude – Branddirektion und Technisches Rathaus – verteilt war.

Und das ist nur ein Baustein von vielen, um mit den Herausforderungen der wachsenden Stadt klar zu kommen. Heitmann und sein Team blicken bis ins Jahr 2030 und stellen schon jetzt erste Weichen. So sollen in den nächsten fünf Jahren 31 Löschfahrzeuge erneuert werden – die Haupttechnik der Feuerwehr. „Das geht mit der Stadtentwicklung und dem Bevölkerungswachstum einher“, sagt der Branddirektor. „Wir brauchen die moderne Technik, die aktuellen Fahrzeuge sind teilweise über 25 Jahre alt.“

Dabei lässt sich gegenwärtig noch nicht sagen, wie sich das Einsatzaufkommen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird. In den letzten drei Jahren gab es laut Heitmann trotz gestiegener Einwohnerzahlen kein signifikantes Plus bei Bränden: 2150 waren es 2013, 2300 im vergangenen Jahr. Auch bei Hilfeleistungen ist die Entwicklung nicht gerade sprunghaft: Von 2013 bis 2015 ging es von 4100 auf 4500 Einsätze nach oben.

Gleichwohl wird es ohne Verstärkung kaum gehen. Heitmann: „Wenn die Prognosen zum Wachstum der Stadt so eintreten, muss es in Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr ebenfalls ein Wachstum geben.“

Aktuell verfügt die Freiwillige Feuerwehr über etwa 1000 Mitglieder, darunter 650 aktive Kameraden in 22 Ortsfeuerwehren. In der Berufsfeuerwehr sind 610 Stellen besetzt, davon etwa 460 für feuerwehrtechnisches Personal in sechs Berufsfeuerwachen. Heitmann rechnet vor, dass es in der Berufsfeuerwehr bis 2030, wenn in Leipzig den Prognosen zufolge rund 730 000 Einwohnern leben, mindestens 45 Stellen mehr sein werden. Das klingt nicht nach viel. Zumal es an Bewerbern nicht mangelt: Für derzeit acht Stellen gibt es 120 Interessenten.

Doch der alte Berechnungsschlüssel, wonach pro 1000 Einwohner ein Berufs-Feuerwehrmann vorhanden sein muss, sei überholt. Heitmann spricht von einer sogenannten Schutzzieldefinition. Die berechnet Risiko und Anzahl der benötigten Einsatzkräfte auf der Grundlage eines größeren Wohnungsbrandes. Ziel ist es, innerhalb einer Hilfsfrist von 9,5 Minuten mit den ersten Leuten am Brandort zu sein. „Die Frage ist: Wie viel Potenzial braucht die Berufsfeuerwehr, um ein möglicherweise damit einhergehendes gesteigertes Einsatzgeschehen und die Hilfsfrist sicherzustellen?“, so Heitmann.

Für die nächsten vier Jahre sei der Zuschnitt der Feuerwachen jedenfalls ausreichend. Die Leipziger Feuerwehr ist Erfinder der Gruppenstrategie und setzt noch immer darauf: Beim diesem sogenannten „Rendezvous-Verfahren“, 1998 von Heitmann eingeführt, werden Kräfte einer Feuerwache und einer anderen Wache am Einsatzort zusammengezogen. „Anzahl und Standorte der Berufsfeuerwehr in der Stadt sind derzeit optimal“, befindet der Branddirektor. Aber: Wo ziehen die neuen Bürger hin? Steigen mit der Bevölkerungszunahme tatsächlich die Einsätze, werden die einzelnen Wachen mehr beansprucht? Ist ein neuer Standort notwendig oder ist es besser, die Kräfte an den vorhandenen Standorten zu erhöhen? Eine fundierte Datenlage soll bei einem Monitoring innerhalb von drei bis vier Jahren erarbeitet werden. Der Neubau einer Feuerwache will reiflich überlegt sein. „Wenn man sich für einen Standort entscheidet, dann ist der für viele Jahrzehnte fest“, erklärt Heitmann.

Neben der Berufsfeuerwehr will der Branddirektor auch die freiwilligen Wehren stärken. „Wir haben bereits mit dem Stadtfeuerwehrverband überlegt, wie wir neue Mitglieder gewinnen können“, sagt Heitmann. Zugleich sollen Angehörige von Feuerwehren weiter verstärkt für städtische Bauhöfe berücksichtigt werden, wenn sie sich bewerben. Damit soll deren Einsatzbereitschaft auch werktags gewährleistet werden. „Demnächst wollen wir mit dem Ordnungsamt sprechen, ob es vergleichbare Möglichkeiten gibt, wenn zusätzliche Stellen im Stadtordnungsdienst geschaffen werden.“

Deutlicher zeichnen sich bereits die Konturen der nächsten Jahrzehnte im Rettungsdienst und Krankentransport ab. „Es gibt wissenschaftliche Studien, die den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und -struktur einerseits sowie dem Rettungsdienst andererseits belegen“, so Heitmann. „Das Wachstum der Stadt werden wir als erstes im Rettungsdienst spüren.“ Nicht nur durch etliche Zuzüge, sondern auch durch immer mehr medizinische Spezialeinrichtungen. „Patienten werden dann mit dem Krankentransport von außerhalb gebracht und hier versorgt, aber wir müssen sie mit unseren Kapazitäten wieder zu ihrem Heimatort bringen.“ Für den Feuerwehrchef, dem auch der Rettungsdienst untersteht, gibt es keinen Zweifel: „Es wird einen Anstieg im Krankentransport und in der Notfallrettung geben. Deshalb wird schon jetzt Haushaltsvorsorge für die Jahre 2019/20 getroffen.“

Schon früher geht es der betagten Fahrzeugflotte in der Berufsfeuerwehr an den Kragen. Die Rettungswagen haben bereits um die 300 000 Kilometer auf dem Tacho, aus diesem Grund werden 2017/18 fünf neue Rettungswagen für knapp eine Million Euro angeschafft. Mittelfristig seien insgesamt 2,4 Millionen Euro zur Aufstockung der Flotte eingeplant. „Das ist bereits ein Sicherheitspuffer hinsichtlich des zu erwartenden Bevölkerungswachstums“ so Heitmann.

Das scheint notwendig zu sein. Studien gehen davon aus, dass die Zahl der Notfalleinsätze in der Stadt von 73 700 im Jahr 2015 auf 83 600 wächst (2020) und schließlich auf 96 000 Einsätze (2030). Durchschnittlich dauerte ein Einsatz mehr als eine Stunde. Im Krankentransport ist eine ähnliche Entwicklung zu erwartet: Von aktuell 71 700 klettert die Zahl im Jahr 2020 auf 81 700 und im Jahr 2030 auf 93 000 Einsätze. Kapazitäten dafür werden angeschafft. Heitmann spricht von zwei bis drei Rettungswagen und einem Notarzteinsatzwagen zusätzlich. „Es muss ja auch von den Kostenträgern finanziert werden“, begründet er.

Auch in der Integrierten Regionalleitstelle in Großzschocher stehen die Zeichen schon wieder auf Erweiterung. Wenn die 1881 erbaute Hauptfeuerwache für die Tradition der Leipziger Feuerwehr steht, so ist der 11,5 Millionen Euro teure Neubau an der Gerhard-Ellrodt-Straße die Zukunft. „Wir haben dort genügend Einsatzleitplätze, müssen aber das Personal erhöhen“, blickt Heitmann voraus. Für neue Kollegen ist Raum vorhanden: 21 Disponenten-Plätze können an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besetzt werden. Zusätzlich stehen sechs Arbeitsplätze für die Notruf-Annahme bei Unwettern oder Großschadensereignissen zur Verfügung. Um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden, bleiben zehn Disponentenstellen bis 2017/2018 erhalten, die zunächst bis Ende dieses Jahres befristet waren. Für diese Jahre sind darüber hinaus jeweils zwei Stellen zusätzlich eingeplant. „Bis 2030“, ist sich Heitmann schon jetzt sicher, „passen wir das Personal bei Bedarf stetig weiter an.“

Zu einem Nickerchen im Schlafsaal am Goerdelerring kommt der Branddirektor längst nicht mehr.

Von Frank Döring und Andreas Tappert

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