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Lokales "Mein nächstes Auto wird ohne Navi sein"
Leipzig Lokales "Mein nächstes Auto wird ohne Navi sein"
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Gerade aus der Werkstatt zurück und erneut geplündert: der BMW von Lutz K., wieder mal ohne Navigationssystem. Quelle: Privat
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Leipzig

Den Anblick wird Lutz K. wohl nicht so schnell vergessen: Als er am Morgen des 21. April in seinen BMW steigen wollte, hingen in der Mittelkonsole nur ein paar lose Kabel herum. Autoknacker hatten das fest installierte Navigationsystem auf ziemlich brachiale Weise ausgebaut. Der Schaden: etwa 10 000 Euro.

 K.'s Auto war nach Angaben der Polizei eines von mindestens zehn, die allein in dieser Nacht aufgebrochen wurden. Der organisierte Diebstahl von Navigationssystemen bewegt sich nach wie vor auf einem atemberaubend hohen Niveau. Im vergangenen Jahr wurden im Stadtgebiet 956 solcher Geräte geklaut, berichtet Polizeisprecher Uwe Voigt auf LVZ-Anfrage, darunter 582 fest installierte und 374 mobile Navis. "In diesem Jahr zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab", so Voigt.

 Die mobilen Geräte werden nach Erkenntnissen der Ermittler zu großen Teilen von Drogenabhängigen gestohlen, die mit dem Verkauf der Geräte ihre Sucht finanzieren. Anders sieht es bei den von Autoherstellern werkseitig eingebauten Navigationsystemen aus. Deren Diebstahl ist technisch anspruchsvoller und gehört zum Kerngeschäft professionell organisierter Banden. Seit Jahren ziehen sie durch die Stadt und klauen quasi auf Bestellung. Je nach Auftragslage sind auch schon mal Lenkräder mit Airbag gefragt: So wurden am 18. Mai fünf ausgebaute Lenkräder und ein Navi angezeigt. Betroffen waren Volkswagen und BMW. In der Nacht zu gestern kamen wieder sechs feste Navigationsgeräte weg. Die Vorgehensweise ist stets gleich: Die Täter schlagen eine Scheibe des jeweiligen Autos ein und entriegeln dann die Tür. Allein in der Stadt Leipzig werden der Polizei im Durchschnitt täglich fünf bis sechs solcher Diebstähle angezeigt.

 Auch nach Einschätzung des sächsischen Innenministeriums stellt dieser Deliktbereich "seit Jahren einen unverhältnismäßig stark ausgeprägten Schwerpunkt der Kriminalitätslage in der Stadt Leipzig dar". Begangen würden die Taten von "arbeitsteilig vorgehenden Tätergruppen". Aus diesem Grund wurden allein im Jahr 2013 sieben Mal Kontrollbereiche in verschiedenen Stadtteilen eingerichtet. Es handelte sich um Gegenden, wo in mindestens fünf Fahrzeugen das fest installierte Navi ausgebaut worden war und teilweise die Autoknacker innerhalb von knapp einem Monat mehrfach zuschlugen.

 Auch bei Lutz K. blieb es nicht bei einem Diebstahl: Nachdem er seinen Wagen aus der Werkstatt geholt hatte, stand der BMW vom 8. zum 9. Mai gerade mal eine Nacht draußen - und wieder wurde das teure Navi ausgebaut und geklaut. Nach zwei Diebstählen innerhalb von zwei Wochen zieht er nun Konsequenzen: "Mein nächstes Auto wird ohne Navi sein", sagt er. "Ich lade mir stattdessen lieber eine App für das Smartphone runter."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.05.2015
Frank Döring

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