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Lokales Menschenrechtsexpertin Marion Böker: „Es ist für Frauen höchste Zeit den Wandel einzuleiten“
Leipzig Lokales Menschenrechtsexpertin Marion Böker: „Es ist für Frauen höchste Zeit den Wandel einzuleiten“
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16:39 07.03.2012
Marion Böker ist Menschenrechtsexpertin in Berlin. Quelle: www.boekerconsult.de
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Berlin

Mit LVZ-Online spricht Böker über die Einführung der Frauenquote, soziale Benachteiligung und neue Chancen für Frauen auf internationaler Ebene.

Frage:

Im Zuge des Weltfrauentages ist die Debatte über eine europaweite Frauenquote entflammt. Brauchen gebildete Frauen tatsächlich eine Quote, um Karriere zu machen?

Mario Böker:

Ja, leider. Wir Frauen denken oft, wenn wir sehr gut sind und Leistung wie in der Schule bringen, garantiere uns das den Aufstieg im Beruf. In Hierarchien und Geflechten der Macht und der Konkurrenz ist dieser Teil der Anforderung aber nur gering. Die Seilschaften der Männer sind bislang nicht zugänglich für Frauen. Das UN-Abkommen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW) gibt unseren Regierungen in Artikel 4.1 vor, die Quote einzusetzen. Es gehört zur ideologischen Debatte, dass behauptete wird, sie schwäche die Frauen. Denn wo sie einmal praktiziert wurde, konnten Frauen meist Fuß fassen und anderen ein Vorbild sein. Männer ziehen überwiegend Männer nach sich. Ausnahmefrauen haben nie eine starke Position, sie können auch wenig ändern. Und genau davor haben Quotengegner Angst, denn nur viele Frauen in Führungspositionen könnten einen Wandel einleiten. Und dafür ist es höchste Zeit.

Die Quote beschäftigt sich bereits mit den Problemen, die gut ausgebildete Frauen in der Berufswelt erleben. Was ist mit der sozialen Benachteiligung, die beide Geschlechter betrifft?

Die soziale Benachteiligung wächst seit 2000 mit dem Einfluss der neoliberalen Politik massiv. Es ist inakzeptabel die soziale Benachteiligung von Menschen zu akzeptieren. Starke Frauen brauchen gut gebildete, starke und selbstbewusste Männer in ihrer Gesellschaft. Daher muss Bildung in allen Lebensphasen für alle zugänglich werden. Besonders jene, die aus diversen Gründen früh ausgeschieden sind, müssten eine neue Bildungskarriere erfahren. Wir brauchen einen Mindestlohn und Renten, die eine würdige Existenzsicherung mit Zugang zu allen Rechten ermöglichen. Das geht einher damit, dass einige etwas mehr geben müssen. Aber wir sind eines der reichsten Länder und können das meistern.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit: Wie hat sich das Frauenbild seit der DDR in den neuen Bundesländern geändert?

Junge Frauen, die heute in den neuen Bundesländern aufwachsen, haben mit denselben Diskriminierungen und Marginalisierungen zu kämpfen, wie Frauen in den alten Bundesländern. Wir können nur zusammen dagegen angehen. Die Erfahrungen der Frauen, die in der DDR eine lange Berufskarriere hatten, können uns sicher helfen. Allerdings sieht heute ein Arbeitsleben für Frauen und Männer viel unsicherer aus: Flexible Verträge, eine geringe Bezahlung und Frauen, die in Teilzeitberufe gedrängt werden, bilden hier leider die Regel.

Für Frauen, die sich in der DDR scheiden ließen, gibt es keinen Versorgungsausgleich, also keine finanzielle Absicherung im Alter oder wegen Erwerbslosigkeit.  Sie haben einen Text über diese mehrfache Diskriminierung verfasst, der den Vereinten Nationen vorliegt. Was hat sich seitdem getan?

Vergangene Woche hat die Arbeitsgruppe, so hörte ich hier, ein Schreiben an die Bundesregierung verfasst, die sie auffordert, dazu Stellung zu nehmen. Spätestens in einem halben Jahr muss die Regierung Merkel nun auf den Text antworten. Nach dem Untersuchungsverfahren könnten wir dann konkrete Lösungen in die Tat umsetzen.

Sie befinden sich gerade bei der 56. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission in New York. Das Thema der diesjährigen Sitzung ist „Stärkung von Frauen im ländlichen Raum – Beseitigung von Hunger und Armut“. Welche Chancen haben Frauen in ländlichen Gebieten?

Es gibt viele Einzelbeispiele von erfolgreicher Selbstbestimmung von Frauen in Entwicklungsländern. Eindrucksvoll ist, dass sich Frauen auf den ökologischen Anbau spezialisieren und hier ihre Qualitätsprodukte vermarkten. Leider fehlt ihnen oft der Zugang zu den Entscheidungsebenen, den Subventionen, Krediten und Investitionsmitteln sowie zu Transport, Logistik und den globalen Märkten. Ihre Erzeugnisse werden oft für viel zu niedrige Preise auf dem Weltmarkt angeboten. Frauen in unseren reichen Staaten könnten solidarische Vertriebsketten aufbauen, Banken mit ethischen Grundsätzen als Partner einschalten, und für eine gerechte, für alle Seiten nachhaltige Vermarktung sorgen.

Manuela Tomic

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