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Lokales Mit Kaufboykotts und Sammelklagen Namen gemacht – Verbraucherzentrale wird 25
Leipzig Lokales Mit Kaufboykotts und Sammelklagen Namen gemacht – Verbraucherzentrale wird 25
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17:36 23.03.2015
Die sächsische Verbraucherzentrale feiert ihr 25-jähriges Bestehen (Archivfoto). Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Der Verein feiert 25-jähriges Bestehen.  

Auf 26 Schautafeln und in einem Videobeitrag werden Entstehungsgeschichte, Meilensteine und Kuriositäten dokumentiert. Wer weiß schon, dass im ehemaligen Karl-Marx-Stadt Videorecorder ohne Innenleben für stolze 1 000 DDR-Mark verkauft wurden? Anlässlich der Eröffnung stellte Gründungsmitglied Betz seinen ganz persönlichen Rückblick vor.  

Als Bürgerinitiative ist die VZS am 3. April 1990 aus der Taufe gehoben worden. Nach einem LVZ-Aufruf sind zur Gründungsversammlung im Leipziger Merkurhaus 80 Personen zusammengekommen. Betz erinnerte sich an das erste Radio-Interview direkt nach der ersten Versammlung. Wie sollten die fliegenden Händler mit ihren überteuerten Waren in der Leipziger Innenstadt bekämpft werden, so die Frage. Für Betz war das Interview „ein Abringen“, da weder Beratungstätigkeiten ausreichend etabliert noch inhaltliche Schwerpunkte umfangreich erörtert worden waren. Einige Monate später rief die VZS schließlich zu einem Kaufboykott auf und konnte auf diese Weise „einen kleinen Beitrag zur damaligen Preisnormalisierung“ leisten. 

 

Zwei Stunden Wartezeit waren keine Seltenheit

Die Nachfrage aus der Bevölkerung nach Verbraucheraufklärung und rechtlicher Hilfestellung war von Beginn an groß, erinnerte sich Betz. Kannten sich die Ratsuchenden mit dem neuen marktwirtschaftlichen System doch kaum aus. Die Themenspanne reichte von Pkw-Kauf über Bausatzheizungen zur Selbstmontage bis hin zu Lebens- und Unfallversicherungen. Erste Beratungsgespräche in Leipzig – zwei Stunden Wartezeit waren keine Seltenheit – wurden noch in einem Hinterhof eines verwahrlosten Fabrikgebäudes geführt. Betz blickte darauf dankbar zurück: „Es war eine Situation, in der auch wir darauf angewiesen waren, dass uns die untergehenden DDR-Ämter die nötigen Räumlichkeiten schufen. Wenn es diese Duldung nicht gegeben hätte, hätte es die Verbraucherzentrale wahrscheinlich auch nicht gegeben.“  

Leipzig. Immer mehr Ratsuchende wenden sich an die Verbraucherzentrale Sachsen (VZS) – 2014 wurden laut Geschäftsführer Joachim Betz 27 Prozent mehr Verbraucherkontakte gezählt als im Vergleich zum Vorjahr. Der Grund, weshalb die VZS allerdings am Montagvormittag eine Ausstellung im Neuen Rathaus in Leipzig startete, war ein anderer. Der Verein feiert 25-jähriges Bestehen.

Im Laufe der Zeit konnte die VZS wachsen, Beratungsstellen wurden erweitert, mehr Personal eingestellt. Rechtfragen aus dem Alltag wie zu Käufen von Kaffeefahrten, Haustürgeschäften oder ungewollten Zeitschriftenabonnements bestimmten die Anfänge der Verbraucherarbeit. Als die Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungsunternehmen Ende der 1990er Jahre auf einen Höhepunkt zusteuerte, hat sich auch die VZS auf neue Themenbereiche rund um Gesundheit, Energie und Telekommunikation eingeschossen.  

Für Beachtung sorgte die VZS im Jahr 2004 mit einer Sammelklage. Wäschekörbe voller Schreiben wurden gegen die Gaspreiserhöhung um bis zu 30 Prozent von zwei sächsischen Energieversorgern gesammelt und zu Gericht gebracht. „Das hatte es im deutschen Zivilprozessrecht vorher nicht gegeben“, erzählte Betz. Fernerhin gewann die VZS für eine Stromwechsel-Aktion aus dem Jahr 2007 mehr als 120 000 Befürworter und erhielt von der EU-Kommission sogar eine Auszeichnung für die beste nationale Verbraucherkampagne. Mittlerweile intensiviert die VZS zunehmend ihre Bemühungen für einen kollektiven Rechtsschutz und Rechtsberatung. Juristische Schritte gegenüber Unternehmen, die Abonnementfallen aufstellen, seien das „schärfste Schwert der Verbraucherzentrale“, so Betz.  

Als Wächter den Finanzmärkten auf die Finger schauen 

 

Rückblickend räumt das Gründungsmitglied auch eine Niederlage in der 25-jährigen Vereinsarbeit ein. Die Lebensmittelskandale rund um den ersten deutschen BSE-Fall im Jahr 2000 schaukelten die bundesweiten Debatten um verstärkten Verbraucherschutz in die Höhe. „Dennoch konnten wir die Politik nicht davon überzeugen, uns mehr Geld für den Verbraucherschutz zur Verfügung zu stellen. So mussten wir Personalstellen streichen“, sagte Betz.  

Zugleich blickt die VZS auf eine Sternstunde der letzten 25 Jahre: die Einführung eines „Finanzmarktwächters“ und eines Marktwächters „Digitale Welt“, zu der sich die Regierungsparteien im gegenwärtigen Koalitionsvertrag verpflichtet haben. „Wir wollen der Politik deutlich machen, dass eine systematische Marktbeobachtung und eine Auswertung notwendig sind. Dazu war die Politik bisher alleine nicht in der Lage“, sagte Betz. Die VZS wird innerhalb des Projektes Finanzmarktwächter für das Themengebiet Bankdienstleistungen und Konsumentenkredite tätig sein. Das Vorprojekt und die Konzeption sind bereits abgeschlossen. „Jetzt warten wir auf den Zuwendungsbescheid. Wir haben bereits vier zusätzliche Stellen ausgeschrieben und planen, zusätzliche Räumlichkeiten anzumieten.“  

Die Ausstellung zum Jubiläum der VZS wird noch bis zum 17. April in der Wandelhalle des Neuen Rathauses in Leipzig zu sehen sein.

Victoria Graul

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