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Lokales Mit Rad und Aphasie durch Europa - Leipziger veröffentlicht Buch
Leipzig Lokales Mit Rad und Aphasie durch Europa - Leipziger veröffentlicht Buch
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17:26 19.05.2015
Für Helmut Friedrich Glogau war das Buch ein Kraftakt, für gleichfalls Betroffene dürfte es ein Mutmacher sein. Quelle: André Kempner

Aber ich konnte nicht mal ,Scheiße' sagen. Ich traute mich zu keinem Elternabend, ging nur noch in Selbstbedienungsläden. Ich war fertig." Nur einem sehr zähen Bemühen seinerseits und vielfältigster professioneller Logopädie andererseits ist es wohl zu danken, wenn er heute, wenn auch noch nicht perfekt, kommunizieren kann. "Herr Glogau hat noch eine sogenannte unflüssige Aphasie", erklärt es seine Logopädin Theresa Grading. "Er versteht fast alles, aber hat mitunter noch Probleme grammatikalischer Art und bei der Wortfindung. Doch er ist ein Muster an Beharrlichkeit!", lobt sie den Patienten.

Nur ungern erinnern sich alle in der Familie an die Jahre unmittelbar nach dem Schlag. "Wenn kaum eine Kommunikation im Alltag möglich ist, ist das für alle belastend - auch für unsere drei Kinder, für mich", sagt Glogaus Ehefrau Steffi (54). "Von heute auf morgen saß er für ein halbes Jahr nur noch Zuhause, absolvierte eine längere Reha, besuchte eine Tagesklinik, zog sich immer mehr in sich zurück." Was er fühlte, versuchte er, aufzuschreiben. "Die Unsprache", ein richtiges Buch wurde daraus. Und ein Gefühl bekam Aufwind: Das, mal 'raus zu müssen. Aller Aphasie zum Trotz. 1999 zog er dann wieder einmal zu Fuß alleine los. Richtung Stendal. Ein paar Tage nur, bis er in einem Waldstück bei Zschortau von bewaffneten Polizisten in kugelsicheren Westen und Hunden gestellt wurde - eine Verwechslung mit dem Hochkriminellen Zurwehme, der gerade zur Fahndung stand. Danach entdeckte Glogau, nach Kindertagen, das Radfahren wieder. Stieg auf, rollte und rollte. Gänzlich allein, eins mit der Natur. Und wachsender Neugier auf die Welt.

"Es war eine Art Flucht", denkt seine Frau, die derweil daheim mit einem Bekannten die Wohnung tapezierte. "Es war Erholung und Therapie. Und für mich die Frage: Traum oder Wirklichkeit", sagt Glogau. "Ich habe seit 2002 bis heute 36 Staaten mit dem Fahrrad bereist. Von Dänemark bis Italien, von Griechenland bis Irland. Und allgemein habe ich überall mit den Menschen gute Erfahrungen gemacht. Die Verständigung?", Glogau schmunzelt. "Kein Problem! Im Ausland läuft das eh nonverbal. Eher mit Händen und Füßen." Mit Strandmuschel, Schlafsack und Isomatte nächtigte er zumeist in freier Natur. Bei Wind und Wetter. Unverzagt. Auch, wenn ihm in Italien am Strand der Rucksack geklaut wurde, er andernorts den Fotoapparat verlor - Anfänglich, so Ehefrau Steffi, sei ihr oft Angst und Bange um den Gatten gewesen. Ihr Weltenbummler besaß ja nicht einmal - was hätte es auch genützt - ein Handy, schrieb höchstens mal 'ne Postkarte. "Was hilft's, man muss auch ab und an loslassen können", beschreibt sie ihren schon ruhiger gewordenen Puls, war er auf seinen Touren.

Und die taten ihm am Ende gut. Erst für die Seele. Dann auch, um nach mehr als einem Jahrzehnt allmählich die Sprache wiederzufinden. Die Reisetagebuch-Notizen fügte er im Vorjahr zum Buch. Ein Kraftakt. Denn Wörter und Grammatik wollten ihm so manches Mal immer noch nicht einfallen. Aber freundliche Menschen in seinem Umfeld halfen. Und bei einer der letzten Buchmessen ließ sich der Draht zu einem verständnisvollen Verlag herstellen. Zu Jahresende 2012 hielt er es in der Hand, das Buch "Mit dem Fahrrad und Aphasie durch Europa". Spannend. Authentisch. Und für alle, die jemals in der unglücklichen Lage stecken, das Sprechvermögen einzubüßen, ein absoluter Mutmacher.

"Anderen Mut machen" - das haben sich Glogaus nun zur Mission gemacht: Beide "reisen" erneut - zu Aphasie-Gruppen und -Verbänden, wo er Lesungen macht oder Vorträge hält. Sogar auf Jobsuche hat sich Glogau getraut, um zur EU-Rente etwas dazuzuverdienen. Jetzt ist er bei der LVZ-Post.

Helmut Friedrich Glogau "Mit dem Fahrrad und Aphasie durch Europa". Projekte-Verlag Cornelius GmbH Halle. 12,50 Euro. ISBN 978-3-95486-125-5

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.04.2013

Raulien, Angelika

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