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Lokales Mit dem Scooter in den Hackerspace: Kongress der Netzgemeinde in Leipzig
Leipzig Lokales Mit dem Scooter in den Hackerspace: Kongress der Netzgemeinde in Leipzig
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11:03 28.12.2018
16.000 Besucher werden beim Chaos Communication Congress auf der Leipziger Messe erwartet. (Symbolfoto) Quelle: Peter Endig/dpa
Leipzig

Schritt halten ist nicht ganz so einfach, beim 35. Chaos Communication Congress (35C3) auf der Leipziger Messe – dem größten Hacker- und Netzexpertenforum Europas. Und das gilt nicht nur inhaltlich. Fachbesucher und Veranstalter wissen um die Weitläufigkeit der Konferenz und sind meist mit Roller-Scooter oder Skateboard unterwegs. Wer keinen fahrbaren Untersatz hat, hastet zu Fuß hinterher und verliert in den dunkelen Messehallen erstmal doch den Überblick: Überall Menschen mit Laptops, liegend in Hängematten, sitzend an spinnenhaften Tischkonstruktionen, tippend im Fond von umfunktionierten Fahrzeugen. 16.000 Teilnehmer werden zum Treffen der Netzexperten erwartet, inklusive ihrer Laptops, die üblicherweise mit vielen Aufklebern individualisiert wurden.

Chaos West, so nennt sich eine Initiative aus dem Ruhrgebiet, die eine der riesigen Flächen zum Vernetzen – in der Fachsprache Hackerspaces genannt – erdacht hat. „Wir sind mit 40 Leuten seit Mitte Dezember hier, um aufzubauen“, erzählt Shantalya aus Düsseldorf. Zum Konzept gehören auch fantasievolle Lichtbögen, mal in Form von startenden Raketen, mal als LED-Baum. „Wir wollen, dass die Leute in ihren Hackerspaces nicht allein arbeiten, sondern dass sie alle zusammenkommen können. Es geht uns um den menschlichen Austausch“, sagt sie. Menschlich und gar nicht technisch, so funktionieren auch andere Dinge beim 35C3. Florian aus Mannheim betreibt eine waschechte Kongress-Post, genannt „Delivering Memories“. Diese besteht im Grunde nur aus zwei Kisten zum Einwerfen und einer famosen Idee. „Du schreibst auf deine Karte, wie der Empfänger aussieht, und dann wird sie hingebracht.“ Aber von wem eigentlich? Egal, von jedem, sagt er und gibt dem Autor eine Karte für „Chrissi am Twitter-Drucker“ in die Hand. Wird schon, denken beide.

Vernetzung der Gegenkultur

Neben den Hackerspaces dominieren beim Kongress nicht minder beeindruckende Vortragsarenen, die hier „Borg“, „Adams“ oder „Clarke“ heißen. Tausende lauschen dort Fachthemen, die für Aussenstehende nicht immer leicht zu durchdringen sind. Antonia Hmaidi erklärt das „Social Credit System in China“ und spricht Englisch. Zuhörer, die unsicher sind, können den kongresseigenen Übersetzungsservice im Web nutzen. Andere Vorträge sind offener, es geht um Datenschutz, den zunehmend gläsernen Bürger, Überwachung, Kontrolle, Gegenmaßnahmen. Keine Frage, der Hackerkongress ist Gegenkultur, inhaltlich, ästhetisch, nicht selten auch politisch.

Eine solche Gegenmaßnahme hat Jan von „Digital Courage“ aus Bielefeld im Sinn. An seinem Stand werden Passfotos gemacht und Lichtbildausweise gefertigt – mit Daten, die man sich selbst aussuchen kann. Die Ausweise sind zwar nicht offiziell zulässig, können aber dem Schutz der eigen Daten dienen, sagt er. „Immer, wenn es heißt: Weisen sie sich doch bitte mal aus, kann man diesen Ausweis rausholen. Steht ja schließlich groß drauf: Lichtbildausweis“, sagt Jan und lacht.

Strahlkraft in den Rest der Welt

Im ersten Moment absurd klingt wohl auch, dass U-Boote im Mittelmeer Jagd auf Schlepper machen. EUROSUR heißt ein Satellitensystem, das unter anderem von der EU-Grenzschutztruppe Frontex benutzt wird. Staunen im Vortragssaal. An anderer Stelle wird über die vielen Pannen bei der Aufklärung der NSU-Morde oder die Netzpolitik der AfD im Bundestag gesprochen. Überall sind die Reihen dicht gefüllt, wird gebannt gelauscht. Gleich zum Auftakt des Kongresses gab es die Forderung, wissenschaftliche Forschungen mögen künftig allen Menschen zur Verfügung stehen.

Dass die Anliegen der Hacker-Community inzwischen tatsächlich in den Rest der Welt getragen werden, hält der Wiener Thomas Lohninger für eine echte Qualität der Veranstaltung in Leipzig. „Früher in Berlin waren es 3000 Teilnehmer, die hauptsächlich nach Innen kommuniziert haben. Inzwischen sind es 16.000 Menschen, viele Medien sind da, es ist einfacher geworden, unseren Forderungen Gehör zu verschaffen“, sagt er. Das wird auch in den kommenden Tagen noch der Fall sein. Der 35C3 tagt bis Sonntag auf der Messe in Leipzig. Besucher, auch ohne Roller, sind willkommen.

Von Matthias Puppe

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