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Mit der Lizenz zum Schatzsuchen: Hobby-Forscher lüften Völkerschlacht-Geheimnisse

Mit der Lizenz zum Schatzsuchen: Hobby-Forscher lüften Völkerschlacht-Geheimnisse

Das soll ein historischer Fund sein? Dieses fingernagelgroße Etwas, das einem abgeschliffenen Kieselstein gleicht? Andreas Baage klemmt dieses Etwas zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, rollt es zwischen den Fingerspitzen, bis die schwarz-braune Erdkruste den hellen Untergrund freigibt.

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Funde aus der Zeit der Völkerschlacht bei Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Zum Vorschein kommt eine Kugel, wie sie während der Völkerschlacht vor 200 Jahren millionenfach verschossen wurde. Keine Seltenheit, aber immerhin. „Man muss nur mit offenen Augen über die Felder gehen, dann lässt sich sehr viel finden“, erklärt Andreas Baage mit einem wissenden Lächeln.

Doch genau das ist für einen Laien das größte Problem: Offene Augen allein genügen bei Weitem nicht, jahrelange Erfahrung und historische Kenntnisse sind nötig, um zwischen Steinen und Kugeln unterscheiden zu können, um aus dem Profanen das Kostbare zu filtern. Schließlich sind im Erdreich – dort, wo einst südlich von Leipzig die Schlachtfelder gewesen sind – noch unzählige Scherben, Münzen, Knöpfe, Schrapnelle und selbst Kanonenkugeln verborgen. „Wenn man aber nicht weiß, wo man suchen muss, ergibt das alles keinen Sinn“, macht Baage dem Unkundigen wenig Hoffnung auf exklusive Funde.

Nicht jeder darf einfach losbuddeln

Allerdings, und an dieser Stelle wird es etwas kompliziert, darf sowieso nicht jeder einfach losziehen, um die Äcker der Region nach Hinterlassenschaften der Völkerschlacht durchzupflügen. Zum einen befinden sich die Felder in Privatbesitz, gehören Agrarbetrieben. Doch selbst wenn die Eigentümer zustimmen – zum Schatzsucher braucht es einiges mehr. Denn hier greift der zweite, entscheidende Punkt: „Nach dem sächsischen Denkmalschutzgesetz ist schon die bloße Suche untersagt“, sagt Christoph Heiermann vom Landesamt für Archäologie. Allerdings gibt es eine einfache Möglichkeit, nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten: „Unsere Behörden sind kooperationsbereit und schulen auch. Wer einen entsprechenden Antrag stellt, ist auf der sicheren Seite. Wir wollen keine Eigeninitiative unterbinden, schließlich ist es gut, wenn sich Menschen für Geschichte interessieren“, erklärt Heiermann. Das Landesamt arbeitet bereits mit 160 ehrenamtlichen Archäologen zusammen, die in ihrer freien Zeit mit Metalldetektoren und Schaufeln über die Felder streifen – die Funde gehören aber in jedem Fall dem Freistaat.

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Hobbyarchäologe und Völkerschlacht-Experte Andreas Baage.

Quelle: André Kempner

Was unter Experten „das Schatzregal“ heißt und quasi auf königliches Recht zurückgeht, wird in den verschiedensten Schatzsucher-Foren im Internet heftig diskutiert. Denn die meisten wollen ihre Funde keineswegs zur Verfügung stellen, sondern für eigene Sammlungen verwenden. Oder, was gar nicht so selten ist, auf Trödelmärkten oder im Internet schlichtweg zu Geld machen. „Ich kenne Fälle, da haben sich Leute aus den Erlösen der Funde ein Auto gekauft“, erzählt Baage. Für den Ur-Markkleeberger ein Frevel. Denn dem 62-Jährigen, der nach der Wende mit der Historiensuche begonnen hat, geht es nicht um den Wert eines Fundes, sondern um viel mehr – um das große Ganze: „Die Geschichte hinter den Funden ist doch viel interessanter als der Fund selbst. Und, man darf nie vergessen, dass diese Funde alle aus einem Krieg stammen.“ Genau darum dreht sich die Welt des ehemaligen Sport- und Ethik-Lehrers, der sich innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einem anerkannten Völkerschlacht-Experten entwickelt hat. So kann das verrostete Stück Eisen, das er gerade aus dem Acker pult, möglicherweise eine Episode des Krieges erzählen. Und mit der Kugel, die er vor zehn Minuten auf einem Feld zwischen Markkleeberg und Auenhain von der Erdkrume befreit hat, wurde auf Menschen geschossen.

„Die Völkerschlacht ist eine gewaltige Vernichtung von Menschen gewesen. Das muss man immer bedenken, wenn man über sie spricht“, wird Baage kategorisch. Daraus speist sich auch seine Aversion, mit den Funden Geld zu verdienen oder sie als Souvenir anzubieten. „Ich möchte, dass die Allgemeinheit von den Funden und von dem Wissen darüber etwas lernt. Die Frage ist immer: Was können die Funde belegen – oder korrigieren sie vielleicht bisherige Annahmen?“ Dabei geht es unter anderem darum, Gefechtsstellungen nachzuweisen oder Rückschlüsse aus der Kugeldichte beziehungsweise der Munition zu ziehen, welchen Weg die Münzen zurückgelegt haben oder zu welchem Bataillon ein Knopf gehörte. Es ist eine Kärrnerarbeit im Dienste der Wissenschaft.

Der Zufall spielt den Archäologen in die Karten

Die Hobby-Historiker und Laien wollen mit ihrer Suche dem Geschehen vor 200 Jahren möglichst viele Gesichter geben. Denn größere Funde sind heute in den meisten Fällen purer Zufall. „Im Zusammenhang mit der Völkerschlacht suchen wir schon seit Jahren nicht mehr gezielt. Das ehemalige Schlachtfeld ist viel zu umfangreich, um es effektiv bearbeiten zu können. Außerdem sind große Teile längst überbaut“, sagt Christoph Heiermann vom Landesamt für Archäologie. Dennoch kommt immer wieder Außergewöhnliches zu Tage. So wurde auf dem Gelände des Leipziger Zoos, beim Bau des Gondwanalandes, ein Massengrab aus jener Zeit entdeckt, wie zuvor bereits am Brühl und in Gohlis. Einmalig war der Fund in Lindenthal, als beim Straßenbau das Skelett eines Pferdes geortet wurde. Dieses Völkerschlacht-Pferd, mit einem Musketenschuss im Unterkiefer und Spuren einer Kanonenkugel im Becken, ist zurzeit im Militärhistorischen Museum Dresden zu sehen.

Die Funde von Baage füllen mittlerweile meterlange Regale. Das Wichtige dabei: Er ist einer, der rechtlich zwar auf schmalem Grat gräbt, aber über Genehmigungen verfügt. Vieles, das von ihm gehoben wurde, findet sich inzwischen im Museum des Torhaus-Vereins Markkleeberg. Hier wird Geschichte tatsächlich erzählt – so, wie es der in sich ruhende Lehrer mag. Zu sehen sind hier auch Funde, die der Hobby-Historiker quasi nebenbei, am Rande der Schlachtfeld-Archäologie, gemacht hat: 200 000 Jahre alte Faustkeile – die ältesten jemals in Sachsen entdeckten Lebenszeichen von Menschen.

Die Tour auf einem Feld nahe Markkleeberg neigt sich dem Ende. Andreas Baage hat an diesem Tag noch die Rudimente einer Gürtelschnalle, eine Handvoll Bleikugeln und eine Münze aufgespürt. Er öffnet den Kofferraum seines Autos, legt den Metalldetektor und die Schaufel vorsichtig auf eine ausgebreitete Decke. Sie sind seine ständigen Begleiter, auch wenn der 62-Jährige sein Leben nicht von ihnen bestimmen lassen möchte. „Einer geht angeln, der Andere geht in den Garten, und ich gehe eben aufs Feld.“ Der folgende Satz geht in seinem Lachen nahezu unter: „Aber es stimmt schon, wahrscheinlich habe ich mich wirklich etwas festgebissen.“

Im Oktober begeht Leipzig den 200. Jahrestag der Völkerschlacht sowie das 100-jährige Bestehen des Völkerschlachtdenkmals. Weitere Informationen zu den Feierlichkeiten finden Sie auf der Offiziellen Website zum Gedenkjahr unter www.voelkerschlacht-jubilaeum.de .

Andreas Debski

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