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Mitten in der Leipziger Innenstadt: Das vergessene Denkmal

Mitten in der Leipziger Innenstadt: Das vergessene Denkmal

Die Bronzeplatten im Salzgäßchen hinter der Alten Handelsbörse fallen kaum auf: Sie bilden ein Mahnmal, über das man schnell hinweggeht. Die Linken haben nun bei Leipziger Bürgerrechtlern für einigen Ärger gesorgt, als sie am Mittwoch ihren Wahlstand nebst Bierwagen auf dem Denkmal zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 abstellten.

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Das Denkmal für den Volksaufstand im Juni 1953.

Quelle: André Kempner

Ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED, die für die Niederschlagung des Aufstandes von 1953 verantwortlich war, macht Wahlkampf an einem Ort, an dem vor 60 Jahren ein sowjetischer T-34-Panzer stand, das Rohr auf den Markt gerichtet. In Leipzig demonstrierten damals bis zu 80 000 Menschen für bessere Lebensbedingungen, für freie Wahlen und für die Freilassung politischer Häftlinge. Polizei und Sowjetarmee schlugen den Aufstand brutal nieder; 13 Menschen wurden getötet, 95 verletzt.

 Im Jahr 2003 hatte ein eigens gegründeter Förderverein vor Ort das Denkmal installieren lassen: Mehrere Bronzeplatten wurden in den Boden gelassen und stellen seitdem symbolisch die jeweils zwei Meter langen und 40 Zentimeter breiten Panzerspuren dar.

 Die Leipziger Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns war nun schockiert, als sie am Mittwoch den Bierwagen der Linken auf einem Teil des Mahnmals stehen sah. "Das war für mich schwer erträglich." Sie würde sich wünschen, dass diese Form der Gedenkstätte bei der Nutzung des Marktes mehr beachtet wird, so Oltmanns.

 Für Tobias Hollitzer ist das Problem ein grundlegendes. "Der Tag und wofür er steht, hätte in der Stadt Leipzig mehr Aufmerksamkeit verdient", erklärt der Bürgerrechtler und Leiter der Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke". Man dürfe nicht vergessen, dass es vor der Friedlichen Revolution Menschen gab, die mit ihrem Leben oder mit langen Haftstrafen für ihren Freiheitskampf bezahlt hätten. Wenn die Linken zu einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Denkmal einen Bierwagen aufstellen - noch dazu am 7. Mai, dem Jahrestag der gefälschten DDR-Kommunalwahlen von 1989 - zeuge das für ihn schon von "Geschichtsvergessenheit". Von Menschen, die künftig im Stadtrat für Leipzig Politik machen wollen, erwarte er hier mehr Sensibilität. Etwas anderes habe hingegen die Stadtverwaltung in diesem Zusammenhang vergessen: "Das Schild für die Straße des 17. Juni an der Ecke Peterssteinweg fehlt seit Monaten", moniert Hollitzer.

 "Das bedauere ich", erklärte gestern Volker Külow mit Blick auf den Wahlstand auf dem Denkmal. Es sei nicht die Absicht gewesen, jemanden zu brüskieren, sagte Leipzigs Linken-Chef. "Beim nächsten Mal werden wir mehr Fingerspitzengefühl zeigen." Generell müsse seitens der Stadt geklärt werden, "ob man dort überhaupt Veranstaltungen dieser Art machen kann". Denn der Platz sei der Partei vom Ordnungsamt zugewiesen worden.

 Allerdings: Einen stört die ganze Causa überhaupt nicht - im Gegenteil: Tobias David war Vorsitzender des früheren Fördervereins, der einst zur Installation des Denkmals gegründet wurde und inzwischen abgewickelt ist. Es sei eben gerade der Grundgedanke des ebenerdigen Denkmals gewesen, dass darauf gesellschaftliches Leben stattfindet. Die Spuren der Geschichte seien sinnbildlich in den Boden eingelassen worden. "Jetzt leben wir in Freiheit, wir können uns darüber hinwegsetzen und wir können darüber hinweggehen." Deshalb störe es ihn auch nicht, wenn zum Beispiel bei Weihnachtsmärkten Stände auf dem Mahnmal errichtet werden.

 Also viel Lärm um nichts? - Zumindest hat der Vorgang ein Denkmal in Erinnerung gerufen, das mancher Leipziger vielleicht noch gar nicht kennt. Oder über das er bislang einfach so hinweggegangen ist. In Freiheit.

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.05.2014

Björn Meine

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