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Lokales Mobbing-Vorwürfe gegen Max-Planck-Direktorin
Leipzig Lokales Mobbing-Vorwürfe gegen Max-Planck-Direktorin
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10:13 13.09.2018
Empathie-Expertin im Sabbatjahr: Tania Singer, 48. Quelle: Sven Döring
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Leipzig

Vermutlich würden die Vorwürfe gegen Tania Singer kleinere Wellen schlagen, wäre die Professorin keine Spezialistin für Empathie. Schlechte Chefs dürfte es in jeder Branche geben. Doch die Tatsache, dass ausgerechnet eine Fachfrau des Mitgefühls der Anschuldigung ausgesetzt ist, als Vorgesetzte ein Klima der Angst zu schüren – an dieser Schlagzeile hat die Presse in den vergangenen Tagen weltweit Gefallen gefunden. Vom Investigativ-Flaggschiff Washington Post bis zur englischen Boulevard-Zeitung Daily Mail, vom New York Magazine über die populärwissenschaftliche Psychology Today bis hin zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zum Berliner Tagesspiegel.

Tania Singer ist Direktorin am Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften, sie leitet die Abteilung Soziale Neurowissenschaft. Als sie die Stelle 2010 antrat, war sie gerade mal 40 Jahre alt – eine bemerkenswerte Karriere. 2013 sorgte ein groß angelegtes Meditationsprojekt Singers für Furore, 2015 setzte das Manager-Magazin sie in der Liste der „50 einflussreichsten Frauen in der deutschen Wirtschaft“ auf Platz 14. Zum leuchtenden Stern am Akademikerhimmel war sie bereits 2004 mit einer vielbeachteten Studie geworden: Der Anblick einen geliebten Menschen, der leidet, so hatte Singer entdeckt, aktiviert dieselben Hirnregionen, wie wenn man den Schmerz am eigenen Leib spürt.

Bei der Max-Planck-Gesellschaft weiß man seit 2017 davon

Nach Aussage von acht Leipziger Mitarbeitern, die sich im August überwiegend anonym der renommierten US-Fachzeitschrift „Science“ anvertraut haben, reicht die Empathie der Forscherin selbst allerdings nicht allzu weit. Wer in ihr Büro müsse, verlasse es mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit heulend, zitiert „Science“ einen von Singers Kollegen. Insbesondere schwangere Mitarbeiterinnen hätten es bei ihr schwer. „Sie schrie mich an, dass sie keine Wohlfahrt betreibe“, kommt eine Betroffene zu Wort. „Und dass ich für die Zeit, in der ich weg sei, vorab doppelt so hart arbeiten müsse.“ Dem „Science“-Artikel zufolge beklagen die Mitarbeiter nicht nur persönliches Mobbing, sondern auch fachliche Probleme: In ihren Einzelstudien sollten die Forscher besser zu keinen Ergebnissen gelangen, die den Hypothesen der Chefin widersprechen, wird ein Labormitarbeiter zitiert.

Bei der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), zu der das Leipziger Institut gehört, sind die Vorwürfe bereits seit Februar 2017 bekannt, wie eine am Hauptsitz in München verfasste Stellungnahme bestätigt. Damals sei MPG-Vizepräsident Bill S. Hansson beauftragt worden, „sich umgehend darum zu kümmern“, heißt es. Hansson habe versucht, in einem Mediationsprozess zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Aus dem Leipziger Institut ist zu erfahren, dass er zuletzt vergangene Woche vor Ort war.

Automatische Abwesenheitsnotiz

Auf Tania Singer ist er dabei allerdings nicht gestoßen. Seit Ende 2017 legt die 48-Jährige ein Sabbatjahr ein. An die „Science“-Redaktion haben sich die Mitarbeiter nun offenbar aus Angst vor einer bevorstehenden Rückkehr Singers nach Leipzig gewandt. Allerdings sei „die Frage, wie und wo Frau Singer ihre Arbeit nach ihrem Sabbatical wieder aufnimmt, Gegenstand laufender Gespräche“, sagt MPG-Pressesprecherin Christina Beck. Eine Mutmaßung der FAZ, wonach sie nach einer Arbeitsspanne in Berlin wieder in Leipzig beginnt, sobald die Verträge der unzufriedenen Kollegen ausgelaufen sind, bezeichnet Beck als „nicht korrekt“. „Der Vorwurf, die Mitarbeiter seien ein Bauernopfer, ist in jeder Hinsicht ungerechtfertigt.“ Ebenso wenig könne von einem „unbeschwerten Neustart“ für Singer die Rede sein, wie ihn die FAZ der Direktorin in Aussicht stellt, findet Beck: „Die aktuelle Berichterstattung, insbesondere auch in den internationalen Medien, bedeutet für Frau Singer einen schweren Reputationsschaden.“

Singer selbst bezeichnet die Vorwürfe in einem anwaltlichen Schreiben, aus dem der Tagespiegel zitiert, als „haltlos“. Der Zeitung zufolge ist darin lediglich davon die Rede, dass sich „auf kommunikativer Ebene Schwierigkeiten in Problemsituationen ergeben“ hätten. Auf eine entsprechende LVZ-Anfrage per E-Mail kam innerhalb von einer Woche nur eine automatische Abwesenheitsnotiz zurück. Zwar lese sie ihre Nachrichten, lässt Singer auf Englisch wissen. Doch sie reagiere während des Sabbatjahrs nicht auf Fragen der Presse.

Von Mathias Wöbking

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