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„Mönch-WG“ im Plattenbau statt hinter Klostermauern

„Mönch-WG“ im Plattenbau statt hinter Klostermauern

Bruder Andreas Knapp lebt inkognito. Diesen Eindruck erweckt zumindest auf den ersten Blick sein Leben in einer Wohngemeinschaft in Leipzig-Grünau. Der 51-Jährige gehört dem katholischen Orden der „Kleinen Brüder vom Evangelium" an, ist aber nicht gleich als Mann der Kirche zu erkennen.

Er lebt mit drei Mitbrüdern in der „Mönch-WG" in einem Plattenbau, trägt keine Kutte und verdient seinen Lebensunterhalt in Fabriken am Fließband.

Blickt Andreas Knapp durch das Wohnzimmerfenster, sieht er ein leerstehendes Schulgebäude. „Die Post hat geschlossen, der nahe gelegene Supermarkt hat dicht gemacht und jetzt soll auch noch die Straßenbahn hier nicht mehr so oft halten", erzählt Bruder Andreas vom Leben in der Leipziger Plattenbausiedlung. Die Überalterung der Bevölkerung und der Leerstand vieler Wohnungen prägen Grünau. Aber genau deshalb ist Andreas Knapp hier. Zusammen mit seinen Mitbrüdern Michael, Gotthard und Gianluca aus Italien lebt er ganz bewusst am Stadtrand. „Wenn man die Lebensbedingungen teilt, ist man mittendrin", sagt Andreas Knapp. Danach leben die 80 Mitglieder der Kleinen Brüder in 20 Ländern auf der ganzen Welt. Fern der großen Kathedralen und ohne Kirchensteuer-Zuschuss. Geld verdienen sie sich mit einfacher Arbeit. So sind sie auch gleich in den Milieus präsent, wo sie sein wollen.

Arbeiten am Fließband, kein Auto, kein Fernsehgerät. Das Leben von Andreas Knapp verlief zunächst ganz anders: Promotion in Theologie, mit Mitte 30 leitete er bereits das Priesterseminar in Freiburg. Eine steile Karriere in der katholischen Kirche deutete sich an. Im Jahr 2000 zog er allerdings einen Schlussstrich und schloss sich, wie er sagt, seiner „alten Liebe", dem Orden der Kleinen Brüder, an. In Leipzig-Grünau bezog Andreas Knapp 2005 die „Mönch-WG". Offen, freundlich und stets aufmerksam geht der Ordensmann auf die Bewohner seines Viertels zu, grüßt herzlich und wird gegrüßt. Sein Credo: „Ich bin Lehrender aber vor allem Lernender." Der Austausch mit den Menschen durch das Leben mitten unter ihnen ist ihm wichtig. Er stellt jedoch klar: „Wir verfolgen aber keine Missionsstrategie und klingeln an den Haustüren."

Ins Gespräch kommt er mit den Leipzigern dennoch, oft ganz ungezwungen: Mit den Nachbarn vor der Haustür, mit den Arbeitskollegen in der Pause. Man spricht über Alltagsdinge, aber irgendwann auch über religiöse Fragen, obwohl die meisten Gesprächspartner zuvor nichts mit der Kirche zu tun hatten. Oft kommt ein ganzes Dutzend Besucher in die Plattenbauwohnung, um mit den Geistlichen in dem kleinen, schlicht gehaltenen Gebetsraum den Gottesdienst zu feiern.

„Das ist genau das, was zu Grünau passt", sagt der zuständige Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt. „Da sind Männer des Glaubens unter Menschen, die jahrzehntelang durch das System von ihrem Glauben ferngehalten wurden." Der Bischof glaubt, dass die ungewöhnliche Lebensweise der Kleinen Brüder Zukunft hat. Von einem messbaren Erfolg will Andreas Knapp nichts wissen. „Wir führen keine Statistik", sagt er mit einem Lachen. „Ich bin dankbar, wenn Beziehungen wachsen und Freundschaften entstehen."

Tobias Chmura, dpa

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