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Mord und Mordversuch - und der Angeklagte grinst

Fahrstuhl-Prozess Mord und Mordversuch - und der Angeklagte grinst

Sebastian T. verbirgt keineswegs sein Gesicht, wie es Angeklagte im Gericht häufig tun, wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Demonstrativ blickt er in die "Röhren" - und grinst.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Sebastian T. verbirgt keineswegs sein Gesicht, wie es Angeklagte im Gericht häufig tun, wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Demonstrativ blickt er in die "Röhren" - und grinst. Offenbar will der Leipziger, gerade 30 Jahre alt geworden, Selbstsicherheit zur Schau stellen. Seit dem 3. Dezember vorigen Jahres sitzt der arbeitslose Koch wegen des Verdachts, in Leipzig einen Mord, einen versuchten Mord und Brandstiftungen begangen zu haben, in Untersuchungshaft. Während der Ermittlungen bestritt er die Vorwürfe, künftig will er schweigen, so gestern seine Verteidiger Kerstin Linnemann und Detlef Knoch: "Zur Sache und zur Person wird er sich nicht äußern", sagt Knoch.

Das Landgericht stellt sich auf ein langwieriges Strafverfahren bis mindestens 4. Januar ein, um zu klären: War es tatsächlich Sebastian T., der am 16. September 2013 seinen Kumpel Adriano H. (22) in einem Grünauer Hochhaus in den Fahrstuhlschacht stieß? Und der eine Woche zuvor seinem weiteren Bekannten Brian R. (20) ein starkes Beruhigungsmittel in den Drink mixte, um den Bewusstlosen danach auf Zuggleise im Leipziger Westen zu legen?

 Noch im Herbst 2013 schlossen die Ermittler weder Unfälle noch Suizide beziehungsweise im Fall des Lifts technisches Versagen sofort aus. Doch Zweifel kamen rasch. Brian R. war vom Güterzug erfasst worden, hatte trotz Polytrauma und Brüchen überlebt. Merkwürdiger "Zufall": Der 20-Jährige war ein Freund des im Fahrstuhlschacht ums Leben gekommenen Adriano H. - und beide wiederum kannten den heutigen Angeklagten Sebastian T.; der auch für die Kripo und die Staatsanwaltschaft kein unbeschriebenes Blatt war. Im Gegenteil: Der 30-Jährige ist mehrfach wegen Eigentumsdelikten vorbestraft. Ein Indiz für die Staatsanwaltschaft aus schließlich einer ganzen Kette, die sie zur Überzeugung kommen ließ, dass Sebastian T. den Fahrstuhlsturz sowie die Zugüberfahrung arrangiert hat.

 Laut Staatsanwältin Katrin Minkus war der Angeklagte spielsüchtig und beging seit 2010 zahlreiche Betrugshandlungen im Internet. Zeitweise habe er die Identität seines späteren Opfers Brian R. angenommen, in dessen Namen ein Bankkonto und einen Ebay-Account eröffnet. Die verkauften Waren seien jedoch nicht ausgeliefert worden. Aus Angst, von seinen beiden Bekannten angezeigt zu werden, wollte er diese aus dem Weg räumen, glaubt die Staatsanwaltschaft. "Sein Motiv ist verachtenswert und steht sittlich auf niedrigster Stufe", so Staatsanwältin Minkus gestern. Den Mord soll er ausgerechnet in jenem 16-Geschosser in der Stuttgarter Allee begangen haben, der auch sein Zuhause war. "Unter dem Vorwand, dass in dem Fahrstuhlschacht weitere Drogen zu finden sind", meint Minkus, habe der Angeklagte sein Opfer dorthin gelockt. In dem Gebäude soll T. 2013 zudem sieben Brände gelegt haben; einen weiteren im Nachbarhaus. Einem gestrigen rechtlichen Hinweis von Richter Hans Jagenlauf zufolge kommt auch Sicherungsverwahrung in Betracht, die ein lebenslanges Eingesperrtsein bedeuten kann.

 Das Gericht will sowohl die Mutter als auch den Bruder des Todesopfers als Zeugen anhören. Beide sind zudem Nebenkläger. "Mein Mandant möchte die Aufklärung des Falles", sagt Markus Czempik, Anwalt des Bruders. Die Mutter nimmt nicht an den 30 Prozesstagen teil: "Es ist sehr belastend für sie. Noch immer ist sie sehr geschockt", sagt Rechtsanwalt Stephan Flemming. Auch Opfer Brian R. ist Nebenkläger. Bei der Prozessfortsetzung nächsten Dienstag geht es zunächst um den Zug-Fall.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.08.2015

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