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Mütter und Väter auf Zeit - Zahl der Pflegeeltern in Leipzig steigt

Mütter und Väter auf Zeit - Zahl der Pflegeeltern in Leipzig steigt

Rund 180 Interessenten besuchten den 11. Leipziger Pflegefamilientag, den der Pflegekinderdienst der Stadt in der Leibniz-Schule organisiert hat. 110 Pflegekinder und -geschwister tummeln sich derweil im Freizeittreff Mühlholz.

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Uta Fichtner kümmert sich gerade um ein kleines Mädchen, das sie und ihr Mann am dritten Lebenstag aus der Klinik holten und das jetzt ein halbes Jahr alt ist. Insgesamt 16 Pflegekindern half die 53-Jährige bereits über schwierige Lebensphasen hinweg.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. "So ein Austausch tut einfach gut, und von den Psychologen, die hier reden, erhoffe ich mir ein paar nützliche Impulse", sagt Andrea Froloff*. Die 49-Jährige betreut neben ihren zwei bereits erwachsenen Kindern zeitweilig einen Anderthalbjährigen, einen Siebenjährigen sowie zwei 16 und 17 Jahre alte Sprösslinge. Als Pflegemutter. Ein Job, der viel Liebe, starke Nerven und ab und an etwas Qualifikation erfordert. Also nutzt die Leipzigerin am Sonnabend gemeinsam mit rund 180 Gleichgesinnten den 11. Leipziger Pflegefamilientag, den der Pflegekinderdienst der Stadt in der Leibniz-Schule organisiert hat.

Das Thema lautet diesmal "Kommunikation - Sprechen wir dieselbe Sprache?". "Der Vortrag von Psychologin Ines Schwarz war für mich besonders aufschlussreich", sagt hinterher Uta Fichtner (53), die Pflegemutti eines sechs Monate alten Mädchens, das sie und ihr Mann bereits an seinem dritten Lebenstag aus der Klinik holten. "Mit Kindern zu kommunizieren, ist ja so wichtig. Aber eben auch nicht immer leicht. Und Frau Schwarz hat mir mal wieder vor Augen gehalten, was wir Erwachsenen im Alltag so alles in die Sprache von Kinder hineininterpretieren wollen", analysiert Uta Fichtner selbstkritisch.

Ebenso interessiert verfolgt werden die Gesprächsrunden zur digitalen Welt von Jugendlichen. Wenngleich sich für Pflegemütter wie Sabine Weber* (49) - sie hat ein drei- und ein neunjähriges Kind in Obhut - mit dem Thema "noch ganz andere Baustellen" verbinden: die leiblichen Eltern. "In unserem Fall pflegen sie keinen Kontakt zu ihren Kindern. Bei Facebook veröffentlichen sie aber regelmäßig Botschaften wie ,Ich liebe Dich, mein Engel!' oder ,Ich vermisse Dich!'. Doch Fotos von den Kleinen, die ich mache und regelmäßig ins Jugendamt schaffe, holen sie nie ab."

Auch Sabine Weber* nutzt den Pflegefamilientag, um sich mit anderen Ersatz-Eltern zu beraten. Andrea Froloff* geht allerdings noch einen Schritt weiter, wünscht sich, dass an einer solchen Veranstaltung auch Lehrer und Erzieher teilnehmen. "Lehrer wissen manchmal gar nicht, dass sie ein Pflegekind in ihrer Klasse haben - und sie wissen auch nicht um die Besonderheiten eines solchen", hat sie erfahren müssen.

Leipzigs Jugendamtschef Nicolas Tsapos dankt unterdessen den Müttern und Vätern auf Zeit. "Ohne sie wüchse ein Teil unserer jungen Gesellschaftsmitglieder ohne jegliche Perspektiven auf", sagt er und verweist darauf, dass es nun mal verschiedene Situationen gebe, in denen Kinder zeitweise nicht bei ihren richtigen Eltern bleiben könnten. Andrea Froloffs* Zöglinge beispielsweise stammen aus Familien, in denen Alkohol- und Drogenmissbrauch vorherrschen. Sie wurden zu Opfern von Gewalt, sie wurden vernachlässigt.

Die Zahl der Mädchen und Jungen in der Stadt, die bei Pflegeeltern untergebracht sind, steigt - was aber nicht unbedingt darauf zurückzuführen sei, dass es in Leipzig immer mehr Eltern gebe, die in irgendeiner Form problembelastet, bindungsgestört oder mit der Erziehung ihres Nachwuchses überfordert seien, erläutert Angelika Weires, die zuständige Sachgebietsleiterin im Jugendamt. "Fakt ist: Hier wie anderswo ist der Bedarf an Pflegefamilien stets größer als die Zahl derer, die tatsächlich zur Verfügung stehen. Wenn wir in den vergangenen Jahren neue Familien hinzugewinnen konnten, dann liegt das mit Sicherheit auch an der guten Betreuung unserer Ersatz-Eltern", lobt die Frau vom Amt die Arbeit des - lediglich - siebenköpfigen Teams vom kommunalen Pflegekinderdienst. Tsapos verweist darüber hinaus auch auf die gute Kooperation mit den freien Trägern.

Eine weitere Ursache für das Mehr an Pflegefamilien in der Messestadt sieht Angelika Weires zudem in dem Umstand, dass der Gesetzgeber vor einiger Zeit in Notlagen auch die sogenannte Verwandtenpflege zuließ. "Fast 40 Prozent der Ersatz-Eltern in Leipzig sind mittlerweile Tanten, Onkel, älteren Geschwister oder Großeltern", sagt sie.

Als Pflegeeltern kommen übrigens, nach eingehender Prüfung, nicht nur Ehepaare, sondern auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Lebensgemeinschaften und Alleinstehende infrage. Reich kann man mit dieser anspruchsvollen Aufgabe - wie landläufig gemeint - aber nicht werden: "Das Jugendamt kommt für Unterhalts- und Nebenkosten der Kinder auf", betont Weires. "Die Pflegeeltern selber erhalten für ihren 24-Stunden-Dienst in Sachsen monatlich etwas mehr als 200 Euro pro Kind."

* Namen zum Schutze der Kinder geändert

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.09.2014

Angelika Raulien

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